Interview
«Langfristig muss der Wildtierbestand sinken»: Eine Expertin erklärt, wie der Wald vom Wolf profitieren kann

Vor allem junge Bäume leiden unter den Verbissen durch Hirsche, Rehe und Gämsen. Die Waldverjüngung gerät durch die hohen Wildtierbestände vielerorts ins Stocken. Kann der Wolf als natürlicher Regulator das System wieder ins Gleichgewicht bringen? Eine Expertin liefert Antworten.

Chiara Stäheli
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Der Schweizer Wald profitiert vom Wolf, weil er für eine Reduktion des Wildtierbestandes sorgt.

Der Schweizer Wald profitiert vom Wolf, weil er für eine Reduktion des Wildtierbestandes sorgt.

Giancarlo Mancori

Die Biologin Andrea Kupferschmid arbeitet bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Als wissenschaftliche Mitarbeiterin hat sie zwischen 2014 und 2018 untersucht, in welchem Zustand die Wälder im Kerngebiet vor, während und nach der Ansiedlung des ersten Schweizer Wolfsrudels am Calanda im Kanton Graubünden waren. Ihre Arbeit zeigt auf, wie der Wald hierzulande vom Wolf profitieren kann.

Andrea Kupferschmid.

Andrea Kupferschmid.

zvg

Wie wirkt sich die Anwesenheit von Wölfen auf den Wald aus?

Der Wolf ist ein Prädator. Das heisst, er jagt Hirsche, Rehe, Gämsen und Wildschweine und ernährt sich von diesen. Dies hat bei gleichbleibender menschlicher Jagd zur Folge, dass es in Wäldern, in denen Wölfe leben, weniger Wildtiere hat als in Wäldern ohne Wölfe. Das wiederum führt dazu, dass weniger kleine Bäume verbissen werden. Unter einem Verbiss versteht man das Abfressen von Knospen, Trieben und Blättern von Bäumen durch Wildtiere. Die Präsenz von Wölfen verringert also im Allgemeinen vor allem im Kerngebiet die Wildschäden und sorgt für ein besseres Wachstum der Bäume.

Das heisst, die Wölfe helfen mit, die hohen Wildbestände zu reduzieren?

Ja, allerdings nur bedingt. Die Zahl der Wölfe in der Schweiz ist aktuell zu gering, als dass diese flächendeckend einen signifikanten Einfluss auf den Wildtierbestand hätten. Im Moment können die Hirsche und Gämsen noch räumlich ausweichen, wenn sich an einem Ort ein Wolfsrudel niederlässt. Das Problem der Wildschäden taucht dann eventuell an einem anderen Ort verstärkter auf. Das sähe wohl anders aus, wenn es in der ganzen Schweiz Wolfsrudel hätte. Hier stellt sich die Frage, ob das gesellschaftlich überhaupt erwünscht ist oder nicht.

Mit sogenannten Verbissschutzröhren sollen junge Bäume vor hungrigen Wildtieren geschützt werden.

Mit sogenannten Verbissschutzröhren sollen junge Bäume vor hungrigen Wildtieren geschützt werden.

Nadine Böni

Welche Folgen haben die hohen Wildtierbestände im Wald?

Das grösste Problem sind die Verbisse. Die Wildtiere fressen vor allem an Bäumen, die wichtig wären, um den Wald für den Klimawandel fit zu machen. Dazu zählt beispielsweise die Eiche. Fichte und Buche, die weniger gut an wärmere Temperaturen angepasst sind, werden weniger gerne gefressen. Wenn die Wildtierdichte in einem Gebiet aber sehr hoch ist, werden selbst diese Baumarten gefressen und die Stammzahl der Bäume nimmt ab, was die Schutzwirkung gegen Lawinen und Steinschlag reduziert.

Angenommen, wir hätten in der Schweiz deutlich mehr Wölfe. Würden dann die Jäger überflüssig?

Nein, auf keinen Fall. Der Wolf kann mithelfen, die Wildtierbestände zu reduzieren, es braucht aber nach wie vor die Jägerinnen und Jäger. Denn langfristig muss der Wildtierbestand stärker sinken. Das heisst: Die Jägerinnen und Jäger sollten ihre Abschussmenge beibehalten, auch wenn nun vermehrt Wölfe auftauchen und Wildtiere fressen.

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