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Der Flüchtling Amir Amiri macht eine Lehre in Gossau: «Die Schweiz kannte ich nur vom Namen her»

Amir Amiri kam 2015 als Flüchtling aus Pakistan nach Gossau. Als Angehöriger einer unterdrückten Minderheit hatte der gebürtige Afghane kaum Perspektiven. Heute macht er eine Lehre als Drucktechnologe.
Ursula Ammann
Amir Amiri gefällt vor allem die Arbeit mit Farben und Maschinen. (Bild: Lisa Jenny, 15. August 2019)

Amir Amiri gefällt vor allem die Arbeit mit Farben und Maschinen. (Bild: Lisa Jenny, 15. August 2019)

Ein Klangteppich aus Maschinengeräuschen breitet sich in der Produktionshalle der Cavelti AG in Gossau aus. Amir Amiri taucht einen Spachtel in einen Topf mit Farbe und verteilt diese auf einer von vier Stahlwalzen, die sich in der Druckmaschine vor ihm aneinanderreihen. Er sei gerade dabei, den nächsten Auftrag vorzubereiten, sagt der 22-Jährige: Couverts für einen Kunden. Aus einem Karton holt der angehende Drucktechnologe EFZ ein bereits gedrucktes Exemplar hervor und erklärt, wie das bunte Sujet von der Maschine auf den Briefumschlag kommt. Es wirkt fast so, als würde er sich schon sein ganzes Leben damit beschäftigen.

Dabei hätte sich Amir Amiri früher kaum ausmalen können, einmal als Lehrling an einer Druckmaschine eines Schweizer KMU zu stehen. Er ist in Afghanistan geboren worden und in Pakistan aufgewachsen. Als Angehöriger einer unterdrückten Minderheit hatte er kaum Perspektiven und die politischen Entwicklungen gaben keinen Grund zur Hoffnung. So legten Bekannte ihr Erspartes zusammen, um dem damals 17-Jährigen in Europa eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Altersvorsprung als grosser Vorteil

Am 23. September 2015 kam Amir Amiri in der Schweiz an. Dieses Datum kann er sich gut merken: Es steht in seinem Ausweis als «vorläufig Aufgenommener». Und es steht für das Ende einer 40-tägigen Reise, die er grösstenteils zu Fuss zurücklegte. Die Strecke zwischen der Türkei und Griechenland bewältigte er in einem Boot mit 60 anderen Flüchtlingen. «Das war gefährlich und ich hatte Angst», erzählt Amiri.

Welche Risiken er auf sich genommen habe, sei ihm erst im Nachhinein bewusst geworden. Er sagt:

«Die Schweiz kannte ich vorher nur vom Namen her. Ich dachte zuerst, man spreche hier Englisch, wie anderorts in Europa.»

Heute ist der 22-Jährige, dessen Muttersprache Persisch ist, mit der deutschen Sprache vertraut – auch wenn ihm die Dialekte manchmal etwas zu schaffen machen.

Guido Kaiser, Amiris Ausbildungsverantwortlicher bei der Cavelti AG, sieht zwar eine Herausforderung in Bezug auf die Sprache, schätzt den jungen Afghanen aber als interessierten und arbeitswilligen Lehrling. «Er hat sich sogar schon vor dem Ausbildungsstart mit der Farblehre auseinandergesetzt», sagt Kaiser. Zudem sei es ein grosser Vorteil, dass Amiri aufgrund seines Alters bereits eine gewisse Reife habe. Dass Flüchtlinge aus diesem Grund beliebte Lehrlinge sind, hat Christa Koller im Gespräch mit anderen Ausbildnern schon oft gehört.

Integration in den Arbeitsmarkt

Der Friedegg-Treff Gossau engagiert sich seit der Flüchtlingswelle 2015/2016 auch im Flüchtlingsbereich. Dies mit dem Ziel, den Neuankömmlingen die Integration zu erleichtern. «Unterdessen zählt das Ressort 30 Ehrenamtliche, die alle eine grosse Aufgabe übernehmen», sagt die Verantwortliche Christa Koller. Zu vielen Flüchtlingen bestehe inzwischen eine langjährige Beziehung. Während es anfangs eher um Deutschkurse gegangen sei, spiele heute die Integration in den Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle. «Die Flüchtlinge wollen arbeiten, um irgendwann auf eigenen Füssen stehen zu können.» Die Chancen dafür erhöhen sich mit einem Lehrabschluss. Von den Flüchtlingen, die mit dem Friedegg-Treff in Kontakt getreten sind, befinden sich derzeit sechs in einer Lehre. Zehn Männer haben diesen Sommer neu angefangen und zwei ihre Lehre erfolgreich abgeschlossen. (uam)

Beeindruckt über den Effort des jungen Manns

Als Ressortverantwortliche Flüchtlinge des Friedegg-Treffs Gossau weiss sie aber auch, dass junge Menschen wie Amiri sonst viel schwierigere Voraussetzungen haben, eine Ausbildung zu machen. «Wenn jemand, der hier aufgewachsen ist, eine Lehre anfängt, kann er bereits auf ein Umfeld und neun Jahre Schulbildung zählen», sagt Koller. Den jungen Flüchtlingen, die ohne Familie hierher gekommen sind, fehle beides. «Sie stehen allein da.»

Amir Amiri ist dankbar für das Engagement des Friedegg-Treffs. Er sagt:

«Für mich und andere Flüchtlinge wäre die Situation sonst viel schwieriger.»

Seit seiner Ankunft begleitet ihn Maria Pia Cavelti, eine von vielen Ehrenamtlichen des Friedegg-Treffs. Sie unterstützt ihn bei allem, was im täglichen Leben ansteht, etwa beim Kontakt mit Ämtern. Auch bei Fragen rund um die Schule oder seine Lehre, die Amiri im Betrieb ihres Mannes absolviert, steht sie ihm zur Seite.

Maria Pia Cavelti ist beeindruckt, welchen Effort der junge Mann zeigt:

«Dass er bei der vierjährigen Ausbildung zum Drucktechnologen mit Schweizern mithalten kann, die viel mehr Schulbildung genossen haben als er, ist eine grosse Leistung.»

Amir Amiri, der soeben ins zweite Lehrjahr gestartet ist, mag seinen Beruf – besonders den Umgang mit Farben und Maschinen. «Das motiviert mich sehr», sagt er und macht sich wieder an die Arbeit.

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