In Lausanne wackelt der grüne Thron

Nach zehn Jahren im Stadtpräsidium von Lausanne muss sich der Grüne Daniel Brélaz erstmals in Bescheidenheit üben. Er landete bei den Wahlen in die Stadtregierung am Wochenende auf dem letzten Platz. Die SP steht bereit

Denise Lachat
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Politisches Gewicht verloren: Lausannes Stadtpräsident Daniel Brélaz. (Bild: red.)

Politisches Gewicht verloren: Lausannes Stadtpräsident Daniel Brélaz. (Bild: red.)

Lausanne. Die Bürgerlichen waren dem Stadtpräsidenten von Lausanne an den Karren gefahren während des Wahlkampfs um die Stadtregierung: wegen des Millionenlochs in der Pensionskasse und des Schuldenbergs von 2,3 Milliarden Franken, der sogar jenen des Kantons übersteigt. Das hat zwar nicht gereicht, um Daniel Brélaz zu stürzen, immerhin aber muss der erfolgverwöhnte Grüne damit leben, dass er am Wochenende hinter seinen fünf Mitstreitern von der rot-grünen Linken landete.

SP-Mann hat Nase vorn

Brélaz wurde zwar wie alle sechs Kandidaten der Linken auf Anhieb im ersten Wahlgang in die Stadtregierung gewählt, muss sich aber mit dem letzten Platz zufriedengeben. Am besten abgeschnitten hat Oscar Tosato von der SP, weshalb in der viertgrössten Schweizer Stadt nun heftig über Brélaz' Verbleiben im höchsten Amt diskutiert wird. Auf das Amt schielen zum einen die mit den Liberalen fusionierten Freisinnigen, die mit dem Nationalrat Olivier Français den einzigen bürgerlichen Vertreter in die siebenköpfige Exekutive entsenden. Da Français aber das absolute Mehr im ersten Wahlgang verpasste, stehen seine Chancen auf den Lausanner Thron eher schlecht, zumal den Bürgerlichen eine vereinigte Linke gegenübersteht. Diese Allianz wird nun einer Zerreissprobe ausgesetzt: Wiederholt sich das Szenario, das den Grünen vor zehn Jahren zum Stadtpräsidium verhalf, weil der Kandidat der SP mit einem schlechten Ergebnis gewählt wurde, in umgekehrter Richtung? Dass die SP als grösste Parlamentsfraktion das Amt des «syndic» zurückwünscht, ist längst bekannt. Bloss wurde bisher stets davon ausgegangen, dass die SP brav darauf wartet, bis sich Brélaz zurückzieht. Jetzt ist sie in der Position des Stärkeren. Ob sie diese Stärke ausspielen kann, ist indes fraglich. Denn die SP ist auf bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst auf eine funktionierende Allianz mit den Grünen angewiesen. Ein Frontalangriff sei jedenfalls nicht geplant, bestätigt Benoît Gaillard, Sekretär der SP Lausanne.

Kritik an Doppelmandat

Etwas früher als geplant vom Thron steigen muss der grüne Riese wohl allemal. Sein Doppelmandat als Stadtpräsident und Nationalrat hat ihm auch links Kritik eingetragen; gemäss den neuen Statuten der Grünen muss Brélaz bis Ende 2012 eines der beiden Ämter aufgeben, falls er sowohl als Stadtpräsident und als Nationalrat wieder gewählt wird. Wenn der 61-Jährige seinen Sitz im Bundeshaus behalten kann, wird er wohl bis spätestens Anfang 2013 als Stadtpräsident zurücktreten.

Dass die Lausanner Brélaz als Riesen bezeichnen, hat doppelte Bedeutung. Zum einen hat er sich während Jahren als Wahllokomotive gehalten, zum anderen sind damit seine Körpergrösse und -fülle gemeint. Die Kilos des politischen Schwergewichts werden auf rund 150 beziffert und ausführlich öffentlich diskutiert. Und auch wenn Brélaz sagt, er würde der Gesundheit zuliebe gerne 20 Kilogramm verlieren: Der Magistrat weiss genau, dass er sich, so wie er ist, einen unverkennbaren Stil geschaffen hat, der beim Publikum ankommt. Die Bürger sehen ihrem grünen «syndic» sogar nach, dass er wegen seiner steilen Wohnlage mit einem Vierradantrieb durch Lausanne rollt.

Zwar ist Daniel Brélaz einer der bestbezahlten Stadtpräsidenten der Schweiz, doch Luxus gönnt er sich selber keinen, wie er versichert. «Ich kaufe selten etwas für mich.» Dass er auf Äusserlichkeiten wenig Wert legt, unterstreicht seine zuweilen nachlässige Erscheinung, und für Shopping bleibt ihm ohnehin keine Zeit: Auf 80 Wochenstunden beziffert er sein Pensum, schliesslich ist er Stadtpräsident und Nationalrat zugleich. Nicht immer reagiert er souverän auf Kritik. «Arrogant, überheblich», ärgern sich seine Gegner, Brélaz selbst räumt ein, dass er manchmal etwas heftig reagiere.