In Graubünden strahlten viele Sonnen

Graubünden hat der neuen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gestern einen triumphalen Empfang bereitet. Tausende waren auf den Beinen. Die SVP-Bundeshausfraktion dagegen boykottierte die Veranstaltung fast geschlossen.

Markus Rohner/Chur
Drucken
Das Bündnerland feiert seine Bundesrätin: Eveline Widmer-Schlumpf umringt von Schulkindern. (Bild: ky/Arno Balzarini)

Das Bündnerland feiert seine Bundesrätin: Eveline Widmer-Schlumpf umringt von Schulkindern. (Bild: ky/Arno Balzarini)

Wenn das kein gutes Omen für die neue Bundesrätin war. Hart an der Grenze zwischen den Kantonen St. Gallen und Graubünden gab sich der hartnäckige Unterländer Nebel der Bündner Sonne geschlagen. Je näher sich der Zug von Eveline Widmer-Schlumpf der Bündner Metropole näherte, umso stärker warf die Sonne ihre warmen Strahlen auf die jubelnde Festgemeinde. Vergessen die Schmähungen und Anwürfe der letzten Tage, in Maienfeld, Chur und Felsberg war der garstige Berner Politalltag für einmal weit weg.

Es war ein kleiner Trupp von Getreuen und Sympathisanten, der die neue Bundesrätin in ihre Heimat begleitete. Knapp fünf Dutzend Parlamentarier waren in den Bergkanton gereist, um ihr die Reverenz zu erweisen. Vor allem National- und Ständeräte der politischen Linken sowie ein paar FDP- und CVP-Politiker. Die SVP wollte nicht nach Chur reisen. Die Bernerin Ursula Haller, der Aargauer Maximilian Reimann und André Bugnon, Nationalratspräsident aus der Waadt, waren neben den Bündnern die einzigen Abtrünnigen. «Peinlich und kleinkariert», kommentierte SP-Nationalrat Andrea Hämmerle diesen Feierstreik. Enttäuscht über den kleinen Aufmarsch zeigte sich der Bündner SVP-Nationalrat Hansjörg Hassler.

Frau mit Bodenhaftung

Die Freude liessen sich die Bündner deswegen nicht verderben. «Bravo Andrea», ruft ein älterer Churer Strippenzieher Hämmerle zu. Dieser liess sich in seiner Heimat feiern, als ob er zum neuen Mitglied der Landesregierung gewählt worden wäre.

Seit der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf sei gleichsam «ein Ruck» durch dieses Land gegangen, will Christian Boner, der Stadtpräsident von Chur, festgestellt haben. Der SVP-Mann sprach vor versammelter Festgemeinde von der «Willensnation», die nur bestehen könne, wenn alle politischen Kräfte «die Schweiz mit all ihren Unterschieden gemeinsam voranbringen».

So ungewöhnlich diese Bundesratswahl, so speziell auch die Frau, die vor neun Tagen ins hohe Amt gewählt worden ist. Herzlich und mit offenen Armen haben die Bündner die neue Bundesrätin empfangen. «Eine Frau ohne jeden Dünkel», sagt eine Passantin bei der Einfahrt des Festzuges im Churer Bahnhof. Die Kinder schwenken Fähnchen, die Musik intoniert Märsche, die Polizisten sind wachsam.

Immer wenn ein Mitglied der Bündner Regierung aus dem Amt scheidet, schenken ihm seine Kollegen ein Steinbockgeweih. Widmer-Schlumpf, keine passionierte Jägerin, nahm das Geschenk dankend entgegen. Zu strahlen begann sie aber erst, als ihr Regierungspräsident Martin Schmid ein grosses Gemälde mit dem Titel «Der Mann im Narrenkleid» für ihr Berner Büro überreichte. Blochers Anker wird Alois Carigiet Platz machen müssen.

Frauenpower im Bundeshaus

Das Rampenlicht der Öffentlichkeit habe sie nie gesucht, und Machtgelüste hätten sie nicht angetrieben. In Graubünden hat die 51jährige ihr ganzes Leben verbracht, hier hat sie ihr persönliches Umfeld und ein anspruchsvolles Regierungsamt ausgeübt. «Warum soll ich jetzt noch wegziehen?», habe sie sich gefragt. Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey hat die Zweifelnde in Felsberg beruhigt. «Es ist eine der schönsten Aufgaben, diesem Land als Mitglied des Bundesrats zu dienen.»