In dieser Liste liegen Millionenbeträge brach

Sparpotenzial Halskragen, Lampen für eine Lichttherapie, Krücken, Urinbeutel oder Verbandsmaterial: Auf der sogenannten Mittel- und Gegenständeliste (Migel) ist geregelt, wie viel Krankenkassen für medizinisches Zubehör bezahlen müssen.

Roman Schenkel
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Sparpotenzial Halskragen, Lampen für eine Lichttherapie, Krücken, Urinbeutel oder Verbandsmaterial: Auf der sogenannten Mittel- und Gegenständeliste (Migel) ist geregelt, wie viel Krankenkassen für medizinisches Zubehör bezahlen müssen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), das die Liste führt, legt darin für Produkte einen Höchstvergütungspreis fest. Eine Krankenkasse erstattet ihren Versicherten höchstens diesen Betrag zurück. 535 Millionen Franken bezahlten die Kassen im vergangenen Jahr laut Santésuisse für Migel-Produkte.

So weit so gut. Das Problem: Die Liste ist, wie der Tarmed, veraltet. Sie wurde 1996 eingeführt. Zwar wurde sie punktuell angepasst; so hat etwa das BAG die Höchstvergütungspreise linear um zehn Prozent gesenkt. Gesamthaft wurde die 100seitige Liste noch nie überprüft, wie das BAG auf Anfrage einräumt. Das ändert sich nun. Ende 2015 nahm das Bundesamt eine Totalrevision von Migel in Angriff. Doch für die Überarbeitung lässt man sich Zeit: Die Revision soll erst 2019 abgeschlossen sein.

Lampe für Lichttherapie kostet in der Schweiz doppelt so viel

Dabei seien Preisanpassungen bei den medizinischen Hilfsmitteln überfällig, sagt Astrid Brändlin von der Krankenversicherung Concordia. «Seit Jahren müssen zahlreiche medizinische Mittel und Gegenstände von den Krankenversicherern zu überhöhten Preisen vergütet werden», sagt sie. Dies weil in der Liste nur jeweils ein Höchstpreis für eine Kategorie von Produkten vorgegeben wird, nicht jedoch für jedes einzelne Produkt. Das führt zu absurden Konstellationen. So beträgt beispielsweise der Höchstvergütungsbetrag bei Krücken 81 Franken. In der Apotheke kostet ein Krücken-Standardmodell ohne spezielle Griffe jedoch nur zwischen 30 und 50 Franken. Ein Apotheker könnte nun problemlos 81 Franken von der Krankenversicherung verlangen, obwohl er die Krücken im Grosshandel weit günstiger einkauft. Oder eine Sprunggelenk-Stabilisierungsbandage mit Stützelementen; eine solche kostet in der Apotheke 20.60 Franken. Laut Migel muss die Krankenkasse dafür aber 126 Franken bezahlen.

Besonders störend ist für Concordia-Sprecherin Brändlin auch der Preisunterschied zum Ausland: «Viele der aufgeführten Mittel und Gegenstände sind in identischer Ausführung sowohl im Euro-Raum als auch in der Schweiz erhältlich. Die Preisunterschiede fallen zum Teil markant aus», sagt sie. Beispielsweise kostet eine Lichttherapie-Lampe eines Schweizer Anbieters 848 Franken. Die identische Lampe kostet in Deutschland nicht einmal die Hälfte. Die Krankenversicherer aber sind verpflichtet, für die in der Schweiz gekaufte Lampe 720 Franken zu vergüten. Dieser von den Behörden administrierte Preis wurde 1998 erlassen und ist seither nicht mehr angepasst worden.

Der Krankenkassenverband Santésuisse geht von einem grossen Sparpotenzial aus, das mit der Überarbeitung der Migel-Liste ausgeschöpft werden könnte. 2015 bezifferte der Verband den Betrag auf jährlich 100 Millionen Franken. Aktuell rechnet er die möglichen Einsparungen gerade neu durch. «Wir gehen davon aus, dass der Sparbetrag nach wie vor erheblich sein wird», sagt Sprecher Christophe Kaempf. So zeige ein Auslandpreisvergleich allein für Blutzuckermessstreifen, einem der grössten Kostenblöcke auf der Migel-Liste, dass jährlich 31,5 Millionen Franken eingespart werden könnten. Beim BAG zweifelt man diese Summe an. «Wir schätzen die Einsparmöglichkeiten um die zehn Millionen Franken», sagt BAG-Sprecherin Emanuelle Jaquet Von Sury. Weil man etwa bei Medikamentenpreisen viel mehr Einsparpotenzial sieht, musste die Überarbeitung der Migel-Liste «hintangestellt werden».