Interview

Verkehrsforscher über die Schweiz: «Es braucht mehr Velowege und Platz für E-Bikes»

ETH-Forscher Alexander Erath sagt, warum die Schweiz beim Veloverkehr zurückliegt – und was der Bundesbeschluss bewirkt.

Dominic Wirth
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Alexander Erath, «Mer sind mitem Velo da» heisst ein berühmter Schweizer Hit, doch in Tat und Wahrheit sind wir das nicht oft. Ist das Veloland Schweiz ein Mythos?

Ja, das kann man mit Blick auf die Alltagsmobilität schon so sagen. Hier ist die Schweiz im Vergleich mit den führenden Velostaaten, Holland etwa oder Dänemark, ein Entwicklungsland. In Basel legen die Leute rund 15 Prozent ihrer Wege mit dem Velo zurück. Das ist hierzulande das höchste der Gefühle. In anderen Schweizer Städten ist dieser Anteil noch deutlich kleiner. Zum Vergleich: In Amsterdam kommt das Velo auf einen Anteil von 32 Prozent. In Kopenhagen liegt er noch einmal deutlich höher. In der Schweiz liegt also noch sehr viel Potenzial brach.

Die Schweiz, das Veloentwicklungsland – woran liegt das?

Es gibt in den Städten und Agglomerationen keine lückenlosen Velowegnetze. Das wäre nötig, damit die Pendlermasse aufs Velo steigt. Hier sind neben der Distanz zwei Kriterien entscheidend: Komfort und Sicherheit. Da hapert es noch, solange wir keine durchgehenden Velowegnetze haben. Wenn eine gefährliche, mühsame Stelle lauert, verzichten viele aufs Velo. Und steigen etwa in den komfortableren und sicheren ÖV.

Alexander Erath Verkehrsforscher und Dozent am Institut für Verkehrsplanung der ETH.

Alexander Erath Verkehrsforscher und Dozent am Institut für Verkehrsplanung der ETH.

Die grosse Frage ist ja nun, was der Bundesbeschluss in diesem Zusammenhang überhaupt bringt.

Da muss man in der Tat vorsichtig sein. Die Velowege würden zwar künftig in der Verfassung stehen, und der Bund könnte etwa Grundsätze festlegen. Aber eben: Er könnte. Und die Umsetzung bleibt weiterhin bei den Kantonen. Der Bund rechnet mit Kosten von 1,8 Millionen Franken. Da kann zum Beispiel bezüglich Bau neuer Infrastruktur nicht viel passieren, auch wenn es natürlich helfen wird, wenn er künftig unterstützen und vermitteln kann.

Also ist der Bundesbeschluss wirkungslos?

Ich sage es mal so: Nach einem Ja zum Bundesbeschluss auf holländische Verhältnisse zu hoffen, wäre sicher ein Fehlschluss. Realistisch ist eher, dass sich mit einem Ja bei der Infrastruktur nicht viel ändern wird. Immerhin werden aber bessere Grundlagen für die Planung und Kommunikation geschaffen.

Was müsste denn passieren, damit sich wirklich etwas tut?

Es bräuchte velofreundlichere Regeln. In Städten, in denen das Verkehrsmittel Velo boomt, wird den zwei entscheidenden Bedürfnissen der Velofahrer besser Rechnung getragen als bei uns: der Sicherheit und dem Komfort. Ein Beispiel: In Holland muss bereits bei deutlich geringerer Verkehrsdichte und signalisierter Höchstgeschwindigkeit ein separater Veloweg gebaut werden als bei uns. Und daran ändert sich auch bei einem Ja zum Bundesbeschluss nichts. Dabei wird eine bessere Separierung – also abgetrennte Velowege – in Zukunft noch wichtiger.

Weshalb?

Weil immer mehr Leute auf Velos umsteigen, die mit einem Motor ausgerüstet sind. Sie sind mit ihnen schneller unterwegs und können längere Wege zurücklegen. Das verändert auch die Anforderungen an die Verkehrsinfrastruktur. Früher waren Velowege vor allem in den Städten gefragt, und da hapert es schon. Durch die E-Bikes können jetzt auch die Leute, die in den Agglomerationen leben, mit dem Velo zur Arbeit fahren. Für die E-Bikes braucht es daher vermehrt auch Velowege in den Agglomerationen. Und deren Ausgestaltung sollte auch den neuen Bedürfnisse der E-Bikes besser entsprechen, sprich wenig Kreuzungen und grössere Kurvenradien aufweisen, damit sie ihr Tempo in der Stadt überhaupt nutzen können.

Der Schweizer Velovorreiter ist Basel. Woran liegt das?

Das hat zum einen topografische Gründe, Basel ist flacher und kompakter als andere Städte. Dann ist auch die politische Ausgangslage eine besondere: Als Stadtkanton hat Basel keine bürgerliche Kantonsregierung, die bei den Kantonsstrassen mitredet und den Bau von Velowegen vielleicht für nicht so notwendig hält. Dazu kommt der politische Druck durch einen Grossratsbeschluss, der eine Reduktion des motorisierten Verkehrs um zehn Prozent bis 2020 fordert.

Sie haben eingangs das Potenzial erwähnt, das in der Schweiz brachliegt. Wo liegt dieses?

Verkehrserhebungen zeigen, dass kürzere Wege bis sieben Kilometern, also perfekte Velodistanzen, bei uns deutlich weniger mit dem Velo zurückgelegt werden als in den Vorzeigeregionen Europas. Das liegt teilweise am Wetter und der Topografie, aber vor allem an der Infrastruktur. Hier muss sich etwas tun.