In der Krise
«Addio Lugano bella»: Warum die Stadt an Glanz verliert

Rückgang an Einwohnern, endloser Politstreit, blockierte Projekte: Die grösste Tessiner Stadt steckt in der Krise.

Gerhard Lob aus Lugano
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Herausputzen reicht nicht: Lugano kämpft mit grösseren Problemen.

Herausputzen reicht nicht: Lugano kämpft mit grösseren Problemen.

Bild: Alessandro Crinari/
Key ( 7. Mai 2020)

Die jüngste Bevölkerungsstatistik spricht Bände. Die Stadt Lugano hat in den vergangenen fünf Jahren 2200 Einwohner verloren. Die Bevölkerung der grössten Tessiner Gemeinde und neuntgrössten Stadt der Schweiz ist auf 66491 Personen geschrumpft. Einige Gründe: hohe Mieten, chaotischer Verkehr, ein Verlust an Lebensqualität. Die Einstellung von Linienflügen durch Swiss von Zürich nach Lugano und die desolate Entwicklung des Flughafens Lugano-Agno ist durchaus symbolisch für eine Stadt, deren Anziehungskraft verblasst.

«Das Luganese insgesamt hat etwa gegenüber dem Bellinzonese an Attraktivität verloren», sagt Gian Paolo Torricelli, Direktor des Observatoriums für Raumentwicklung an der Tessiner Architekturakademie. Dazu kommt, dass viele Italiener Lugano den Rücken gekehrt haben.

«Der Wanderungssaldo ist seit einigen Jahren negativ: Es kehren mehr Italiener nach Italien zurück, als Italiener nach Lugano ziehen»,

sagt Ökonom Ivano D’Andrea, Chef der Gruppe Multi. Und in Lugano stellen die Italiener 25 Prozent der Einwohner dar. Die Quote von Ausländerinnen und Ausländern beträgt insgesamt 38 Prozent.

Bedeutungsverlust als Finanzzentrum

Der Bevölkerungsrückgang geht einher mit dem wirtschaftlichen Bedeutungsverlust. Einst war Lugano das dritte Bank- und Finanzzentrum der Schweiz, die wirtschaftliche Lokomotive der Südschweiz. Dann hat der italienische Finanzminister Giulio Tremonti mit seinen Selbstanzeigeprogrammen den Finanzplatz teilweise trockengelegt, den Rest besorgte das Ende des Bankgeheimnisses mit dem automatischen Informationsaustausch an die ausländischen Steuerbehörden. «Addio Lugano bella», heisst ein bekanntes Lied, dessen Titel die Situation bestens trifft. Toprestaurants im Zentrum, in denen Banker mit ihren Kunden speisten, mussten schliessen. In der noblen Einkaufsstrasse Via Nassa blieben die Kunden aus.

Das Kulturzentrum LAC soll dem Bedeutungsverlust entgegenwirken.

Das Kulturzentrum LAC soll dem Bedeutungsverlust entgegenwirken.

Keystone

Lugano versuchte auf viel­fältige Weise, den Bedeutungsverlust als Finanzzentrum auszugleichen. Gelungen ist das teilweise mit dem 2015 eingeweihten Kulturzentrum LAC. Auch die Universität wurde schrittweise ausgeweitet und soeben um einen Campus erweitert, trotzdem bleibt die Alma Mater im Gefüge der Stadt ein Fremdkörper. Sogar Uni-Rektor Boas Erez beklagt eine mangelnde Liebe der Bevölkerung zu ihrer Universität.

Gespaltene Meinungen bei Grossprojekten verhindern ein Vorwärtskommen

Besonders problematisch ist allerdings der Stillstand bei den Grossprojekten. Symptomatisch ist der Knatsch um das neue Sport- und Eventzentrum (PSE), das im Quartier Cornaredo anstelle des gleichnamigen Fussballstadions entstehen soll, verwirklicht in einer öffentlich-privaten Partnerschaft.

Das 220-Millionen-Franken-Projekt sieht nicht nur ein neues und modernes Stadion ­sowie eine grosse Sport- und Eventhalle vor, sondern auch zwei gigantische Türme für Verwaltungseinheiten sowie vier Wohnblöcke, die neues Leben in den Nordteil der Stadt bringen sollen. Ende dieses Monats wird das Geschäft im Gemeinderat beraten. Doch jetzt schon steht die Exekutive mit dem Rücken zur Wand. Die Bewegung für Sozialismus hat bereits das Referendum angekündigt, falls der Deal abgesegnet werden sollte. Man stört sich an der Partnerschaft mit Privaten. Die Grünen sprechen von einer weiteren «Zementwüste», die es zu verhindern gelte. Andere politische Kräfte befürchten, dass durch die neuen Verwaltungsbüros im Quartier Cornaredo noch mehr Leben aus der Innenstadt verschwindet. Einzig die Sportanlagen sollten verwirklicht werden, nicht aber die Verwaltungs- und Wohnblocks.

Fulvio Pelli, einst nationaler FDP-Präsident, hat ebenfalls Opposition angekündigt. Denn er bangt durch die Abwanderung städtischer Dienste ins neue Quartier um die Rendite einiger seiner Liegenschaften im Zentrum. Damit stellte er sich gegen seinen eigenen FDP-Stadtrat Roberto Badaracco, der die Direktion für Kultur, Sport und Events leitet. Die Liberalen sind tief gespalten.

«Sumpf der städtischen Politik»

Die Tessiner Sonntagszeitung «Il Caffè» spricht von einem «Sumpf der städtischen Politik», der Lugano quasi zum Stillstand bringe. Tatsächlich gibt es viele Baustellen. Ebenfalls giftig ist nämlich die laufende Debatte um die Privatisierung des Flughafenbetriebs, in der zwei Konsortien um den Zuschlag buhlen. Völlig aus dem Blickfeld geraten ist hingegen die Überbauung des Campo Marzio zu einem Kongresszentrum, eigentlich ein fundamentales Projekt für einen Relaunch der Stadt als Standort für den Kongresstourismus. Schwer tut sich die Stadt schliesslich auch mit den Besetzern des ehemaligen Schlachthofs, einem zentral gelegenen Terrain. Die Räumung wird immer wieder angekündigt, doch nie durchgeführt. Ebenfalls nicht vom Fleck kommt die geplante Neugestaltung der Seeuferpromenade.

Will nochmals kandidieren: Stadtpräsident Marco Borradori

Will nochmals kandidieren: Stadtpräsident Marco Borradori

Keystone

Stadtpräsident Marco Borradori (Lega) macht gute Miene zu bösem Spiel. «Stadtentwicklungsprojekte dauern mittlerweile eine Generation», sagt er. Widerstand und Volksabstimmungen seien normal. Die schwierige Situation in der Stadt sporne ihn an, die Dinge noch besser zu machen. Er räumt aber auch ein: «In der nächsten Legislaturperiode müssen wir weniger streiten.» Ob die Zusammensetzung der Gremien dies zulässt, wird sich am kommenden 18. April entscheiden. Dann stehen die Erneuerungswahlen an. Borradori will nochmals kandidieren – zum letzten Mal in seiner langen Politkarriere.

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