Immer weniger wollen reformiert sein

In den vergangenen hundert Jahren hat sich der Anteil Protestanten an der Bevölkerung halbiert. Und der Trend geht weiter. Ändert sich nichts, wird gemäss einer Studie im Jahr 2040 gerade noch jeder fünfte Schweizer reformiert sein.

Martin Messmer
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Mitgliederschwund: Die reformierte Kirche schlägt Alarm. (Bild: Carmela Odoni)

Mitgliederschwund: Die reformierte Kirche schlägt Alarm. (Bild: Carmela Odoni)

Die Alarmglocken läuten beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK). Grund ist eine neue Studie zur Entwicklung der protestantischen Kirchen in der Schweiz, welche das Institut für Religionswissenschaft der Universität Lausanne für den SEK durchführte. Sie zeigt: Den Protestanten gehen die Mitglieder aus. Hält die gegenwärtige Entwicklung an, wird die reformierte Kirche bis in Jahr 2040 rund einen Drittel der heutigen Mitglieder, Finanzen und des Personals verlieren.

Der Anteil der Protestanten an der Schweizer Bevölkerung würde dannzumal nur noch 20 Prozent ausmachen.

Pluralisierung als Problem

Die Studie zeigt auf, welche Trends dazu führen könnten. Einer dieser Trends ist gemäss SEK-Geschäftsleiter Theo Schaad «die zunehmende Pluralisierung der Religion, mit ausgelöst durch die Immigration». Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Statistik bestätigt: Waren 1980 noch fast 2,9 Millionen Einwohner der Schweiz

protestantisch, waren es zwanzig Jahre später, als die letzte Volkszählung stattfand, nur noch knapp 2,6 Millionen. Der Anteil der römisch-katholischen Bevölkerung hingegen blieb im gleichen Zeitraum konstant bei drei Millionen, während die Zahl der islamischen Gemeinschaften sprunghaft anstieg.

Eine Reform ist nötig

Ein weiterer Trend ist gemäss Schaad der Umstand, dass sich die Religion zunehmend von Institutionen wie Schule, Politik oder Gesundheitswesen entflechte; offenbar zum Nachteil der Protestanten.

Und: «Die Studie zeigt auch auf, dass viele Menschen neue Lebensformen suchen», nennt Schaad einen weiteren Trend.

Um auf diese Negativspirale zu reagieren, will sich die reformierte Kirche nun reformieren. Konkret plant der SEK-Rat, dass die 26 protestantischen Mitgliedkirchen künftig enger zusammenarbeiten. «Gerade die kleineren Mitgliedkirchen in der Innerschweiz könnten enorm von der Infrastruktur der grösseren Kirchen profitieren», sagt Schaad.

Spezielle Gottesdienste

Neben neuen Strukturen sieht der SEK neue Inhalte. Etwa neue Formen der Gottesdienste; Schaad nennt sie «Gottesdienste für Zielgruppen», die sich gezielt zum Beispiel an Familien richten, an Frauen, an Tierhalter oder sogar an Spätaufsteher oder an Töfffahrer. In Zürich hat die protestantische Kirche Erfolg mit Gottesdiensten für Familien, sagt Schaad.

Mit solchen Angeboten soll verstärkt der individualisierten Gesellschaft Rechnung getragen werden, um den Mitgliederschwund zu stoppen. Schliesslich setzt sich der SEK zum Ziel, die Marke «reformiert» zu stärken. «Wir müssen unsere Inhalte wieder klarer definieren und sie besser kommunizieren.» Den Kerninhalt der protestantischen Kirche umschreibt Schaad so: «Glaube, Liebe, Hoffnung.

Den Glauben an Gott stärken, die Beziehung der Menschen untereinander verbessern und Hoffnung in bezug auf die Zukunft.»

Die Marke «reformiert» will der SEK auch bewusst vom Katholizismus abgegrenzt positionieren. «Wir wollen zeigen, dass die reformierten Kirchen demokratisch, von unten her organisiert sind. Wir wollen für jene Menschen offen sein, welche diese offene Form jener vorziehen, die straff von oben herab organisiert ist», sagt Schaad.

Das Profil schärfen

Religionssoziologe Jörg Stolz, der die Studie für den SEK verfasst hat, sagte zu diesem Thema kürzlich in einem Interview gegenüber der Zeitschrift «reformiert»: «Wir stellten in Umfragen fest, dass heute immer mehr Menschen das Gefühl haben, ob katholisch oder reformiert, das ist doch alles ziemlich einerlei. Das ist es aber überhaupt nicht. Reformierte haben ein anderes Kirchenverständnis. Das muss man erklären. Das könnte das Profil schärfen und auch Leute wieder in die Kirchen holen.»

Der SEK-Rat schlägt nun in einem Bericht und Antrag seinen Mitgliedkirchen eine engere Zusammenarbeit vor. Diese haben bis im November Zeit zu entscheiden, ob sie mit dem Bericht einverstanden sind. Dann befindet die Abgeordnetenversammlung des SEK über das Vorgehen.

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