Im Tessin ist «der Gipfel erreicht» – doch die Behörden warnen davor, die Fesseln zu lockern

Das Tessin freut sich über die deutlich gesunkenen Neuinfektionen. Doch der Kantonsarzt warnt vor Enthusiasmus. Ein breit abgestütztes Bündnis aus Politik, Medizin und Zivilgesellschaft fordert eine Verlängerung des Lockdowns bis zum 3. Mai.

Christoph Bernet
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Der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani warnt vor Enthusiasmus.

Der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani warnt vor Enthusiasmus. 

Keystone / Davide Agosta

«Wir haben den Gipfel erreicht und befinden uns im Abstieg»: Mit diesen Worten kommentierte Kantonsarzt Giorgio Merlani am Mittwoch in Bellinzona die erneut deutlich gesunkene Anzahl Neuinfektionen im Tessin. Diese lag am Mittwoch noch bei 38. Es war das erste Mal, dass im Tessin an drei Tagen hintereinander weniger als 100 Neuinfektionen des Coronavirus verzeichnet wurden.  Die Anzahl hospitalisierten Covid-19-Patienten sank im Vergleich zum Vortag um 3 Personen auf 285, von denen sich 72 auf der Intensivstation befinden. Seit Anfang März konnten 350 Corona-Patienten das Spital wieder verlassen.

Doch Merlani warnte die Bevölkerung davon, angesichts der ermutigenden Zahlen in Enthusiasmus zu verfallen. Das Problem sei noch nicht gelöst. Die Tessinerinnen und Tessiner seien brav gewesen und hätten sich an die Massnahmen gehalten. Dadurch sei die Kurve abgeflacht: «Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass wir ab morgen nicht alle grillieren gehen können.»  

Würden die Beschränkungen zu schnell gelockert, drohe sich das Virus rasch wieder auszubreiten, gab Merlani zu bedenken. Er tönte jedoch an, dass der Tessiner Staatsrat in den nächsten Wochen seine weitergehenden Beschränkungen wie etwa die Schliessung der Baustellen  und der nicht systemrelevanten Betriebe oder das Einkaufsverbot für über 65-Jährige aufheben und sich den vom Bundesrat festgelegten Regeln anpassen könnte. Diesen Schritt werde man prüfen, wenn die Entwicklung der Fallzahlen es erlaubten. Der Bundesrat erteilte dem Tessin gleichentags die Erlaubnis, die kantonsspezifischen Einschränkungen bis am 19. April zu verlängern.

Offener Brief für Verlängerung des Lockdowns

Derweil fordert eine breite Allianz aus Medizin, Politik und Zivilgesellschaft eine Verlängerung des Lockdowns bis und mit 3. Mai. 81 Personen unterzeichneten einen offenen Brief an den Staatsrat, in welchem sie fordern, die beschlossenen Massnahmen bis zum Ende des langen Wochenendes nach dem Tag der Arbeit beizubehalten.

Die Erfahrung aus China habe gezeigt, dass es zunächst 30 Tage brauche, um die Kurve der Neuansteckungen und Hospitalisierung abflachen zu lassen und weitere 30 Tage, um die Lage zu stabiliseren. Danach soll die wirtschaftliche Tätigkeit schrittweise wieder normalisiert werden.

Blick in die Privatklinik Moncucco, einer der beiden Tessiner Corona-Spitäler.

Blick in die Privatklinik Moncucco, einer der beiden Tessiner Corona-Spitäler.

Keystone / Alessandro Crinari

Eine Mehrheit der Unterzeichnenden sind Ärztinnen und Ärzte, darunter der bekannte Virologe Andreas Cerny, Belegarzt an der zum Corona-Spital umgewandelten Privatklinik Moncucco in Lugano, und der Präsident der Tessiner Ärztekammer, Franco Denti. Doch auch in sämtlichen politischen Lagern findet die Forderung nach einer Verlängerung des Lockdowns Unterstützung: So haben etwa die Stadtpräsidenten von Bellinzona (SP), Locarno (FDP) und Lugano (Lega) den offenen Brief unterzeichnet, ebenso wie Ständerat Marco Chiesa (SVP) und mehrere Gewerkschaftsvertreter und der Präsident der Tourismusorganisation der Lago-Maggiore-Region.