«Sommermärchen»: Drei Richter sollen Bundesanwalt Lauber und die Fifa bevorzugt haben

Im Seilziehen um den Fussball-Prozess am Bundesstrafgericht sollen drei Richter der Beschwerdekammer in den Ausstand. Das fordern die Anwälte von ex-Fifa-General Urs Linsi. 

Henry Habegger
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Im Anmarsch mit Anwälten und Beratern: Urs Linsi, Mitte, erschien am Montag als einziger der vier Angeklagten vor Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Im Anmarsch mit Anwälten und Beratern: Urs Linsi, Mitte, erschien am Montag als einziger der vier Angeklagten vor Bundesstrafgericht in Bellinzona.  

Samuel Golay / KEYSTONE/Ti-Press

Heute Mittwoch soll in Bellinzona der «Sommermärchen»-Prozess weitergehen - mit der Befragung der Angeklagten. Aber die drei beschuldigten Deutschen - Horst Schmidt, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach, allesamt Altfunktionäre des Deutschen Fussball-Bundes DFB - dürften trotz erneutem Aufgebot auch am zweiten Verhandlungstag nicht in der Schweiz aufkreuzen. Alle machen nicht nur Gesundheitsprobleme, sondern auch Angst vor dem Coronavirus geltend. So wird wohl nur der Schweizer Urs Linsi, ehemaliger Fifa-Generalsekretär, vor Ort im grossen Saal des Bundesstrafgerichts aussagen.

Auch am gestrigen Ruhetag tobte hinter den Kulissen die Schlacht um den «Sommermärchen»-Prozess. Verteidiger nutzen die Verhandlungspause, um neue Anträge einzureichen.

So fordern Linsis Zürcher Anwälte: Nicht nur die Vertreter der Bundesanwaltschaft sollen wegen Befangenheit in den Ausstand treten, sondern auch drei Richter der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts. Linsis Rechtsvertreter reichte den Antrag gestern ein. Darin verlangt er erneut auch, der Prozess müsse sofort sistiert werden.

Richter-Trio wies ersten Ausstands-Antrag ab

Konkret geht es um den Roy Garré, Präsident der Beschwerdekammer, sowie die beiden Richter Patrick Robert-Nicoud und Stephan Blättler. «Sie haben unverzüglich in den Ausstand zu treten», fordern die Anwälte des ehemaligen Fifa-Generalsekretärs.

Der Hintergrund: Das Richter-Trio hat letztes Jahr ein Ausstandsgesuch der Linsi-Anwälte gegen die Bundesanwaltschaft im Fall «Sommermärchen» ohne inhaltliche Prüfung versenkt. Es ging schon damals um die ominösen Geheimtreffen des Bundesanwalts Michael Lauber mit Fifa-Boss Gianni Infantino. 

Jetzt haben die Linsi-Rechtsvertreter erneut ein Ausstandsgesuch für die Vertreter der Bundesanwaltschaft gestellt, die mit dem Fussball-Prozess im Tessin zu tun haben. Diesmal haben sie viel zusätzliche Munition: Die explosive Disziplinarverfügung von Laubers Aufsichtsbehörde, in der dem Bundesanwalt ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt wird. Auch in Bezug auf die Geheimtreffen mit Infantino. Nicht nur soll Lauber laut der letzte Woche publizierten Verfügung wiederholt die Unwahrheit gesagt haben. Es soll auch noch ein fünfter Mann mit an einem klandestinen Treffen gewesen, an das sich keiner der Teilnehmer mehr erinnern will. 

Bundesanwalt und Fifa «einseitig bevorzugt»

Das neue Ausstandsgesuch ist wieder bei der Beschwerdekammer in Bellenz anhängig. Aber zur Überraschung von Linsis Anwälten machte sich die Kammer wieder in gleicher Besetzung ans Werk wie beim letzten Mal: Garré, Robert-Nicoud, Blättler. Dieser Spruchkörper haben schon letztes Jahr «die einzigartige Bedeutung dieses dritten Geheimtreffen negiert», machen die Anwälte nun geltend. Sie habe einseitig die Untersuchungsbehörde und die Privatklägerin Fifa einseitig bevorzugt, die notwendige Sachverhaltsabklärung verweigert, das damalige Ablehnungsgesuch nicht einmal gewürdigt. Damit habe die Beschwerdekammer die schwerwiegenden Pflichtverletzungen, «das totale Versagen des Bundesanwalts», dass die Aufsichtsbehörde aufgezeigt habe, auch noch unterstützt. Dadurch offenbare sich die «Befangenheit des damaligen Spruchkörpers der Beschwerdekammer».

Neuer Spruchkörper gefordert

Also verlangen die Anwälte, dass die Beschwerdekammer in neuer Besetzung über den erneut beantragten Ausstand aller fallführenden Staatsanwälte im «Sommermärchen»-Prozess und Bundesanwalt entscheidet. Und über das Gesuch, den Prozess in Bellinzona zu sistieren, bis die Rolle der Ankläger bei den ominösen Treffen zweifelsfrei geklärt ist. Denn die Aufsichtsverfügung gegen Lauber liegt bisher nur in geschwärzter Fassung vor - was auf viel versteckten Zündstoff hindeutet. Das Bundesstrafgericht will die ungeschwärzte Fassung des Aufsichtsberichts beiziehen. Aber die ist offenbar noch nicht in Bellinzona eingetroffen.

Der «Sommermärchen»-Prozess begann am letzten Montag. Er wurde aber bereits nach einer Viertelstunde vertagt - weil die drei deutschen Angeschuldigten nicht aufgekreuzt sind. Ihnen wird wie dem Schweizer Linsi, der als einziger in Bellinzona erschienen ist, Mittäter- oder Gehilfenschaft im Zusammenhang mit einer ungeklärten Überweisung von 10 Millionen im Vorfeld der Fussball-WM 2006 in Deutschland vorgeworfen.

«Unredliche Machenschaften»

Werden die Vertreter der Bundesanwaltschaft in den Ausstand geschickt, ist der Prozess endgültig tot. Er ist so oder auf der Kippe und schwer umstritten. Etwa, weil der Auslöser des ominösen 10-Millionen-Transfers, der deutsche Fussball-Kaiser Franz Beckenbauer, krankheitshalber nicht auf der Anklagebank sitzt. Auch der aus aus Italien vorrückende Coronavirus kann dem Prozess jederzeit den Garaus machen. Oder eben der vernichtende Aufsichtsbericht, der dem Bundesanwalt ein erschreckend schlechtes Zeugnis ausstellt.

«Dieser Bericht entlarvt schonungslos die offensichtlich unredlichen Machenschaften des Bundesanwaltes und zeigt in extremis, dass die übrigen Parteien nie eine Chance hatten, in Achtung der geltenden Gesetze behandelt zu werden», schreiben die Linsi-Anwälte in ihrer gestrigen Post an Bellinzona. Und sprechen von «einer völlig neuen, systematischen und systemischen Zusammenarbeit zwischen der Fifa und der Bundesanwaltschaft, die vorher unbekannt und völlig unvorstellbar war».

Die Anwälte wollen auch einen Entscheid rückgängig machen, den die Beschwerdekammer in ihrer kritisierten Besetzung am letzten Freitag traf. Sie gab der Bundesanwaltschaft bis am 19. März Zeit, zum Ausstandsgesuch der Linsi-Anwälte Stellung nehmen. Diese Frist sei viel zu lang, kritisieren diese jetzt, sie müsse auf drei Tage reduziert werden. 

Droht dem Urteil schon die Nichtigkeit?

Denn andernfalls werde die Beschwerdekammer ihren Entscheid über den Ausstand der Bundesanwaltschaft wohl «erst nach durchgeführtem Prozess» fällen. So könnte die absurde Situation entstehen, dass Bellinzona doch noch ein «Sommermärchen»-Urteil fällt, dieses aber sogleich für nichtig erklärt werden muss. Weil sich erst nach dem Richterspruch zeigt, dass die Ankläger befangen waren.

Der «Sommermärchen»-Prozess verkäme dann endgültig zum Hornbergerschiessen. Linsis Anwälte führen denn auch Sorge um die Reputation der Bundesjustiz ins Feld: Diese dürfe, «nachdem die Bundesanwaltschaft zum Gespött in den internationalen und nationalen Medien geworden ist», nicht auch noch durch das Bundesstrafgericht geschädigt werden. 

Lebt dieser Prozess noch, oder ist er schon tot? Am Bundesstrafgericht in Bellinzona geht das Gezerre ums «Sommermärchen» heute Morgen in eine nächste Runde.