Ihr gelang der Coup in Neuenburg: So tickt die grüne Überraschungssiegerin Céline Vara 

Die 34-jährige Juristin schaffte zur grossen Überraschung den Sprung in den Ständerat. Sie steht für die neue Generation bei den Grünen. 

Benjamin Weinmann aus Genf
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Die Überraschung aus Neuenburg: Céline Vara, mit ihrem Partner und ihrer Tochter. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Die Überraschung aus Neuenburg: Céline Vara, mit ihrem Partner und ihrer Tochter. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Die Maskenbildnerin entschuldigt sich: „Pardon, wir haben leider nur Einweg-Plastikbecher.“ Céline Vara nimmts mit Humor und nimmt einen Schluck Wasser. Zudem nahm sie ein Taxi vom Bahnhof Genf, um ins RTS-Fernsehstudio zu gelangen, nicht das Co2-freundlichere Tram oder den Bus. „Sonst wäre ich zu spät angekommen. Aber von Neuenburg nahm ich selbstverständlich den Zug.“ Es ist spät am Montagabend, 24 Stunden sind seit ihrem sensationellen Wahlerfolg vergangen.

Die 34-jährige Juristin gilt in der Westschweiz als die Politfrau der Stunde. Das frische Gesicht der grünen Welle. Vara hatte sowohl für den National- als auch für den Ständerat kandidiert, wobei sie sich nur für die grosse Kammer Hoffnungen machte. Am Schluss reichte es auf Anhieb für den Ständerat. Es war der wohl grösste Coup in der Romandie am Wahlsonntag.

Niemand hatte mit dieser Sensation gerechnet. Nicht mal Vara selbst. „Nie und nimmer, das ist verrückt. C’est fou!“ - es ist ihr häufigster Satz an diesem Abend, im Stuhl der Maskenbildnerin, aber auch danach in der RTS-Sendung „Votez pour moi“. Darin diskutiert Vara über eine zuvor ausgestrahlte Reportage, in der sie und die Waadtländer Neo-Nationalrätin Jacqueline de Quattro während fünf Monaten ihres Wahlkampfes von einer Kamera begleitet wurden. Sogar der Moderator zeigt sich belustigt darüber, dass Vara immer wieder betont, wie verrückt es sei, dass sie ab Dezember im Ständerat Einsitz nehmen wird. Im Ständerat! C’est fou!

"Ich fand es ungerecht, dass meine Mutter nicht zu Hause sein konnte"

Vara steht in vieler Hinsicht für das neue Gesicht der Grünen: Jung, weiblich, Akademikerin, Mutter. Vara ist nicht allein, die Grünen schicken gleich mehrere junge Frauen mit Hochschulabschluss neu nach Bern. Die Waadt Leonore Porchet, Jahrgang 1989, St. Gallen Franziska Ryser, Jahrgang 1994, oder in Zürich Meret Schneider, Jahrgang 1992.

Vara betont, sie stamme nicht aus einer akademischen Familie. Ihre Mutter arbeitete als Floristin, ihr Vater, ein Einwanderer aus Sizilien, bei der Migros. „Meine Eltern liessen sich früh scheiden, das war hart“, sagt die Doppelbürgerin. Ihre Kindheit sei zwar glücklich gewesen, aber auch nicht einfach. Das habe sie geprägt. „Meine Mutter, die mich und meine beiden Geschwister alleine grosszog, musste am Abend auch noch in einem Café arbeiten, um genügend zu verdienen.“ So habe sie schnell lernen müssen, selbstständig zu sein. „Ich fand es ungerecht, dass meine Mutter nicht zu Hause bei uns sein konnte“, sagt Vara, die während ihres Studiums an einer Coop-Kasse jobbte.

Solche Ungerechtigkeiten würden sie auch heute antreiben. „Denn die Schweiz investiert viel zu wenig in unterstützende Familien- und Schulstrukturen.“ Vara ist Mutter der zweieinhalb jährigen Mathilde, ihr Partner arbeitet bei der Neuenburger Stadtverwaltung. „Wir werden uns neu organisieren müssen, damit ich Familie und Politik unter einen Hut bringen kann.“ Auf eine weitere Baustelle weist ihre Präsidentin Regula Rytz im RTS-Dokumentarfilm hin: Vara hat es nicht so mit der deutschen Sprache. „Stimmt, aber ich nehme seit einiger Zeit regelmässig Unterricht und wenn ich dann mal in Bern bin, muss ich gezwungenermassen mehr Deutsch sprechen.“ Im Ständerat werden im Gegensatz zum Nationalrat die Debatten nicht übersetzt, es wird erwartet, dass die Ständeräte die Landessprachen beherrschen.

Ihr Gymi-Lehrer erinnert sich: "Sie war immer neugierig, voller Tatendrang"

Vara erinnert sich noch genau an den Moment, als sie sich entschloss, politisch aktiv zu werden. „Das war einige Monate vor meinem 18. Geburtstag.“ Die Schweiz stand vor der Abstimmung über die Fristenregelung, die Frauen das Recht gab, in den ersten 12 Wochen eigenverantwortlich über den Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft zu entscheiden. „Ich fand es unglaublich, dass bis dahin Politiker in Bern über so ein persönliches, intimes Thema einer Frau bestimmten.“ Es war die erste Kampagne, für die sie sich politisch engagierte. Es folgte eine steile Karriere in der Neuenburger Politik.

Céline Vara habe ihre Meinungen schon immer sehr direkt geäussert, sagt Mauro Moruzzi. Der Präsident der Grünliberalen Neuenburg hat mit Vara nicht nur im Grossrat gearbeitet, er war einst auch ihr Lehrer am Gymnasium. „Sie war immer neugierig, voller Tatendrang und hatte einen starken Willen“, sagt Moruzzi. Man spüre ihr Feuer, wenn sie sich für etwas begeistere. Er erinnert sich auch an ihre Teilnahme beim Schönheitswettbewerb 2001 am Winzerfest, als sie zur „Miss Fête des vendanges“ erkoren wurde. Typisch für ihren Charakter sei nicht nur gewesen, dass sie die Kandidatur gewagt habe, sondern auch dass sie dann gleich gewann.

„Andererseits kann sie manchmal auch etwas wie ein Bulldozer sein, wenn sie sich etwas vorgenommen hat und die Leute mit ihrer direkten Art vor den Kopf stösst", sagt Moruzzi. Im Wahlkampf sorgte Vara für einen kleinen Eklat, als sie die politische Bilanz von Denis de la Reussille, dem Neuenburger Nationalrat der Partei der Arbeit kritisierte, dessen Sitz sie ins Visier nahm. Mit der Linksaussen-Partei waren die Grünen eine Listenverbindung eingegangen und im Parlament gehört Reussille der grünen Fraktion an.

Grün, aber dennoch mit dem Auto unterwegs

Die Neuenburger wählten nebst Vara den Freisinnigen Philippe Bauer in den Ständerat. Er kenne seine Amtskollegin noch nicht gut, sagt Bauer. In der einzigen Fernsehdebatte, in der sie während der Wahlen aufeinander traten, boten sich die beiden allerdings einen heftigen Schlagabtausch. „Sie argumentiert voller Überzeugung, das spürt man“, sagt Bauer. Sie debattiere aggressiv, und das meine er positiv. Er freue sich auf die Zusammenarbeit, hoffe aber, dass Vara nicht doktrinär politisiere und auch an die Wirtschaft denke.

Kann sie Bauer beruhigen? „Ich denke nicht, dass es meine Aufgabe ist, ihn zu beruhigen“, sagt Vara. „Natürlich funktioniert Politik immer nur, wenn beide Parteien aufeinander zugehen, das werde auch ich mir vornehmen.“ Ausser wenn es um die Umwelt gehe. „Da kann ich schon doktrinär sein.“ Wobei Vara als Autobesitzerin selber einen Kompromiss eingeht. Und auch das Fliegen will sie nicht komplett verbieten. „Wenn jemand alle fünf Jahre nach New York fliegt, ist das etwas anderes, als wenn man jedes zweite Wochenende nach Barcelona fliegt.“ Sie selber sei erst einmal geflogen, aber nicht nur aus Umweltgründen. „Mir wird an Bord schlecht.“

Der Landgrüne: Mathias Zopfi

Die Wahl von Mathias Zopfi zum Glarner Ständerat anstelle des Bisherigen Werner Hösli von der SVP war eine der grössten Überraschungen des Wahltags. Zopfi ist Revisor eines Schützenvereins und Präsident des Jassclubs Tödi, während einigen Tagen im Jahr ist der Anwalt als Militärrichter im Einsatz. Er ist klar für die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge und für Rentenalter 67. Dies bewog Juso-Präsidentin Ronja Jansen dazu, von «grün-asozialer Politik» zu sprechen. Er sei wohl ein bürgerlicher Grüner, sagt der 35-Jährige über sich selber. Zopfi wurde in Engi geboren, dort wohnt er immer noch, zusammen mit seiner Freundin. «Sie kommt ebenfalls aus Engi», schreibt Zopfi auf seiner Webseite. (bär)

Die Radikale: Meret Schneider

Sie engagiere sich gegen Nahrungsmittelverschwendung und Massentierhaltung, was sie nicht möge, seien Tierprodukte. So beschreibt sich Meret Schneider selber. Die 27-Jährige aus dem Zürcher Oberland ist Gemeinderätin von Uster und seit diesem Jahr auch Kantonsrätin. Mit der Wahl in den Nationalrat kann sich die Veganerin nun auch auf nationaler Ebene für den Tierschutz ins Zeug legen. Schneider fordert, dass jedes Restaurant zwingend ein veganes Menu im Angebot haben muss. Als Co-Geschäftsleiterin der Tierrechtsorganisation Sentience Politics ist sie verantwortlich für die Kampagne zur Volksinitiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz», die schon bald vors Volk kommt. (bär)

Der Doyen: Felix Wettstein

Andere hegen in seinem Alter allmählich Gedanken an den Ruhestand, Felix Wettstein will mit 61 Jahren im Nationalrat durchstarten: Der Fachhochschuldozent eroberte für die Solothurner Grünen überraschend einen Sitz. Wettstein ist ein politischer Schwerarbeiter, dem kein Dossier zu kompliziert und kein Geschäft zu sperrig ist. In Olten, wo er seit langem im Gemeinderat sitzt, hat er sich einen Namen als Finanzpolitiker gemacht. Er gilt als besonnen, als Mann der leisen Töne, der gerne Kompromisse schmiedet. Seine Karriere begann vor 30 Jahren in einer lokalen Umweltschutzkommission. Nach dem Gang durch die Institutionen – einer grünen Ochsentour – kommt Wettstein nun im Bundeshaus an. (sva)