«Ich würde es heute wieder tun»

Als Zürcher Bildungsdirektor war Ernst Buschor der Turboreformer für Frühenglisch, heute plädiert er für politischen und pädagogischen Frieden: Französisch dürfe nicht aus der Primarschule verschwinden. Aber die Didaktik käme zu kurz.

Denise Lachat
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Englisch? Französisch? Für Ernst Buschor ein politischer Entscheid. (Bild: ky/Christian Beutler)

Englisch? Französisch? Für Ernst Buschor ein politischer Entscheid. (Bild: ky/Christian Beutler)

Herr Buschor, über den Fremdsprachenunterricht wird erneut hitzig diskutiert. Sie sind der Mann, der diesem Kampf das Feld bereitet hat.

Ernst Buschor: Ja, und ich würde es heute wieder tun. Die Diskussion war und ist nötig. Ich bin aber überzeugt, dass sie materiell entschieden ist: Die Volksabstimmungen haben gezeigt, dass das 2000 gewählte Modell mit den zwei Fremdsprachen auf der Primarschulstufe in der Deutsch- wie auch in der Westschweiz verankert ist. Es berücksichtigt sowohl die nationale Kohäsion als auch die globale Öffnung. Und es ist die Form, die logistisch zu bewältigen ist.

Logistisch?

Buschor: In der ganzen Deutschschweiz haben wir heute eine überwiegende Anzahl von Primarlehrern, die für Englisch ausgebildet sind. Dieses Verhältnis von zwei zu einem Drittel nun auf Französisch zu kehren, bräuchte einen jahrelangen Prozess und hätte massive Kosten zur Folge. Über die Grundausbildung ginge dies nicht, denn es kämen jährlich viel zu wenige Französisch-Lehrkräfte hinzu.

Die angehenden Lehrer können Französisch abwählen?

Buschor: Als Ausbildungsfach, ja. Das ist an den meisten pädagogischen Hochschulen so. Man muss wissen: Die Lehrer haben heute enorm viele Fächer zu unterrichten, müssen sich neue Lehrformen aneignen, und die naturwissenschaftlichen Fächer erhalten im neuen Lehrplan mehr Gewicht.

Warum ist Französisch für die Lehrer nicht obligatorisch?

Buschor: Die Lehrer lernen es ja, aber man kann nicht verlangen, dass sie neben allem anderen auch noch zwei Fremdsprachen unterrichtsreif beherrschen. Was mir aber viel mehr Sorgen bereitet, sind die Berichte über den erodierenden Fremdsprachenunterricht.

Wie meinen Sie das?

Buschor: Es gibt enorme Unterschiede, je nachdem, wo oder von wem Englisch oder Französisch unterrichtet wird. Hier ist es eine Paukschule, dort wird spielerisch eingeführt – die Frage des Lernstils wird meines Erachtens vernachlässigt. Ich kenne einen Fall, da hat eine Primarlehrerin schon nach wenigen Wochen eine Prüfung mit 50 neuen Wörtern angesetzt. So sollten Kinder nicht in die Welt der Fremdsprache eingeführt werden.

Wie kommt es zu diesen Unterschieden?

Buschor: Das liegt auch daran, dass die Fortschritte bei den Lehrmitteln für die kognitiven Fächer wie Mathematik viel weiter fortgeschritten sind. Eine gemeinsame Didaktik für den Sprachunterricht ist meines Erachtens der zentrale Punkt, doch daran wird leider fast nicht gearbeitet, nicht einmal unter den Lehrerorganisationen.

Wie steht es um Ihr Französisch?

Buschor: Bei der Matura konnte ich Latein besser, doch später habe ich zwei Jahre lange in Strassburg gewohnt und durch meine Arbeit beim Europarat Französisch und Englisch gelernt.

Was sagen Sie jenen, die Frühfranzösisch auf die Sekundarstufe verschieben wollen wie der Thurgau?

Buschor: Dass das falsch ist. Wir haben für den politischen Frieden im Land den Kompromiss mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule geschlossen; die Sprachregionen wählen, welche zuerst kommt.

Werden sich die Kantone nicht einig, greift der Bund ein.

Buschor: Ja, der Bund könnte aber auch das heutige Modell der EDK übernehmen. Es geht ja nicht um einen didaktischen Zwang, sondern um einem politischen Entscheid. Sprachenpolitik kann wohl kaum gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit geführt werden, und Englisch ist in der Deutschschweiz besser akzeptiert.

Innerrhoden hat schon vor Jahren Französisch auf die Sekundarstufe verschoben. Davon hört man wenig.

Buschor (lacht): Ja, die Appenzeller haben eine Narrenfreiheit, welche die Zürcher nicht haben. Aber die Appenzeller werden umstellen müssen.