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Kolumne

Steigen wir bald nicht mehr ins Flugzeug?

Martin A. Senn, Publizist, über den Mythos des Fliegen und dessen Zukunft.
Martin A. Senn
Martin A. Senn, Publizist.

Martin A. Senn, Publizist.

«Über den Wolken», sang Reinhard Mey, «muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen. Und dann würde, was uns gross und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.» Der alte Traum vom Fliegen: Als Mey das Lied schrieb, 1974 war’s, konnten ihn sich immer mehr Leute erfüllen. Teuer war’s zwar noch, für viele zu teuer, aber für fast alle erstrebenswert. Piloten wurden beinahe abgöttisch bewundert, und Akademikerinnen standen Schlange, um Stewardess zu werden.

Die Fliegerei brachte uns fremde Welten und Kulturen näher und spickte erste englische Brocken in unsere Alltagssprache. Check-in, Gate, Tower, Take-off. Wer sie ins Gespräch einstreute und scheinbar beiläufig seine Flugreisen erwähnte, demonstrierte Weltläufigkeit und Modernität. Heute kann man mit solchen Angebereien rein gar nichts mehr demonstrieren, sondern es wird gegen einen demonstriert.

«Flight shaming» und «flight shame» sind die neusten Englisch-Brocken, die uns die Aviatik beschert hat. Indirekt zumindest. «Flight shaming» meint, dass Unbelehrbare, die trotz Klimawandel immer noch durch die Welt jetten, an den Pranger, also auf Instagram, Twitter oder Facebook, gestellt werden. Als Folge davon fahren die Unbelehrbaren nur noch verdrückt und möglichst unauffällig zum Airport, und über den Wolken empfinden sie nicht grenzenlose Freiheit, sondern abgrundtiefe Scham. «Flight shame» eben, Flugscham.

Viele, wenn nicht sogar die meisten Flug-Anprangerer sind selbst allerdings auch Flug-Schämer. Zwar wollen wir den zwölf SP-Nationalrätinnen und Nationalräten, die per Motion ein Verbot der Inlandflüge fordern, gerne glauben, dass sie nicht zu den 700 000 Passagieren gehören, die jährlich zwischen Zürich, Genf, Basel, Lugano und Bern hin und her jetten. Aber gehören sie auch nicht zu den 57 Millionen, die jährlich von der Schweiz ins Ausland fliegen oder von dort herkommend hier wieder landen? Kaum anzunehmen.

Wer für das Klima und gegen das Fliegen protestiert, protestiert also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gegen sich selbst. Gegen seinen eigenen Lebenswandel. Den kann jeder einzelne und jede einzelne aber nur für sich allein ändern. Niemand zwingt uns, in ein Flugzeug zu steigen oder Auto zu fahren. Auch Handys und Sneakers aus China sind nicht obligatorisch. Natürlich kann man mit der Freundin in Rom, der Tante in Hamburg oder den Geschäftspartnern in Amsterdam via Skype oder sonst irgendwie virtuell verkehren. Vielleicht schicken die Regierungen ja auch schon bald keine Minister und Beamte aus Fleisch und Blut mehr an Weltklimakonferenzen, sondern Avatare.

Ob die Welt besser wird, wenn sich die Menschen aus den verschiedenen Ländern nur noch virtuell begegnen, ist eine andere Frage. Aber früher oder später wird ein IT-Konzern ohnehin die Software unserer Avatare kappen. Dann bleiben wir buchstäblich am Boden hocken und erinnern uns vielleicht noch wehmütig an Reinhard Meys letzten Vers am Rand der leeren Piste: «Ich wär gern mitgeflogen.»

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