Karin Keller-Sutter: «Ich muss mich nicht verbiegen»

Karin Keller-Sutter wurde gestern zur Präsidentin des Verbands der Detailhändler gewählt. Die FDP-Ständerätin sagt, warum sie gleichzeitig auf den Einsitz im Economiesuisse-Vorstand verzichtet – und sie verteidigt ihre lukrativen Mandate.

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Karin Keller-Sutter: «Ich will nicht von einer Rente leben, sondern selbst berufstätig sein.» (Bild: Ralph Ribi)

Karin Keller-Sutter: «Ich will nicht von einer Rente leben, sondern selbst berufstätig sein.» (Bild: Ralph Ribi)

Frau Keller-Sutter, Sie sind die neue Präsidentin der Swiss Retail Federation (SRF). Gehen Sie damit auch in den Vorstand des Wirtschaftsverbands Economiesuisse?

Karin Keller-Sutter: Die SRF ist als Verband in diversen Organisationen vertreten, unter anderem im Vorstand von Economiesuisse. Ich werde diese Mandate allerdings nicht selber wahrnehmen, sondern mich auf das Kerngeschäft des Verbandes, die politischen Fragen und die Kundenpflege, konzentrieren. Der Vorstand von Economiesuisse hat dabei keine Priorität.

Warum nicht?

Keller-Sutter: Zum einen bin ich schon als Ständerätin im Vorstand des Arbeitgeberverbandes (SAV). Der SAV vertritt jene Themen, die primär auch den Einzelhandel angehen. Priorität haben Fragen der Löhne oder der Ladenöffnungszeiten. Meine Aufgabe ist die strategische Führung dieser Themen und nicht die Einsitznahme in unzähligen Verbänden. Zum anderen ist der Vorstand von Economiesuisse kein Leitungsgremium, sondern faktisch eine Art Abgeordnetenversammlung mit 66 Branchen. Eine einzelne Person hat da wenig zu sagen.

Parteipräsident Philipp Müller will die FDP von der Wirtschaftslobby emanzipieren. Hat er wegen Economiesuisse interveniert?

Keller-Sutter: Nein. Selbst wenn ich dort im Vorstand wäre, wäre ich es nicht als Person, sondern als SRF-Branchenvertreterin.

Als SRF-Präsidentin vertreten Sie grosse Detailhändler. Was bringen Sie als Politikerin der Branche?

Keller-Sutter: Die SRF ist neben Migros und Coop sozusagen der dritte Player im Einzelhandel. Viele unserer Mitglieder sind Familienunternehmen oder patronal geführt. Ich bin selber im Gewerbe aufgewachsen und die Themen liegen mir nahe. Dafür muss ich mich nicht verbiegen.

Fakt ist aber auch, dass der Detailhandel dank Ihnen direkt eine Lobbyistin im Parlament hat.

Keller-Sutter: Ich würde das nicht so bezeichnen. Nochmals: Die aktuellen politischen Haltungen des Einzelhandels zur Mindestlohn-Initiative, der 1:12-Initiative oder den Ladenöffnungszeiten sind mit meiner Einstellung identisch. Es wird aber auch Themen geben, wo wir nicht ganz einverstanden sind. Da ich Mitglied einer Regierung war, kann ich damit gut umgehen.

Die Migros will Preisaufschläge für die Schweiz bekämpfen, indem für Firmen im Ausland ein Lieferzwang gelten soll. Sie haben im Ständerat einen entsprechenden Vorstoss abgelehnt. Warum?

Keller-Sutter: Im Einzelhandel gab es mit Ausnahme der Migros einen Konsens, dass man keinen staatlichen Lieferzwang einführen kann, solange ein Unternehmen mit einem Produkt nicht eine marktbeherrschende Stellung hat. Wenn dies der Fall ist, kann die Weko bereits einschreiten. Es ist jedoch illusorisch zu glauben, man könne einem ausländischen Lieferanten, der ohne marktbeherrschende Stellung irgendein Produkt vertreibt, einen Preis für die Schweiz vorschreiben.

Dass mit dem Lieferzwang der Einkaufstourismus im Ausland gebremst wird, wäre auch im Interesse des Detailhandels.

Keller-Sutter: Nein, das glaube ich nicht. Natürlich haben der starke Schweizer Franken und unsere höheren Lohnkosten eine gewisse Wirkung. Aber der Detailhandel in der Schweiz hat auch Preisvergünstigungen gemacht. Gemäss einer Studie unseres Verbands spielen ebenso die Ladenöffnungszeiten in den Grenzregionen eine Rolle. In Süddeutschland etwa sind die Geschäfte teilweise bis 22 Uhr geöffnet.

Die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten hat in der Schweiz jedoch einen schweren Stand. In Luzern scheiterte letztes Wochenende auch das jüngste Bestreben.

Keller-Sutter: Die Haltung der Bevölkerung ist widersprüchlich. Man profitiert gerne von den längeren Öffnungszeiten von Tankstellenshops oder Shopping-Zentren. Anderseits ist das Volk oft nicht bereit, die Öffnungszeiten zu liberalisieren. Ich will auch keine 24-Stunden-Shopping-Gesellschaft. Es gibt aber vernünftige Lösungen wie die freiwillige Angleichung der kantonalen Öffnungszeiten an Werktagen bis 20 Uhr. Ein Grossteil der Einkäufe wird abends getätigt, weil viele Leute erwerbstätig sind.

Sie sitzen neu ebenfalls im Verwaltungsrat der Bâloise-Versicherung. Was sagen Sie zur Kritik, dass Sie lukrative Mandate sammeln?

Keller-Sutter: Als Regierungsrätin war ich Berufspolitikerin, als Ständerätin bin ich Milizpolitikerin. Ich bin 49 Jahre alt und möchte arbeiten. Die Arbeit in der Privatwirtschaft gibt mir Einblicke in die Praxis und Realität der Unternehmen und Arbeitnehmenden in der Schweiz. Dass immer mehr Politiker in Bern nur noch ihr Mandat ausüben, ist eine falsche Entwicklung. Man verliert damit auch etwas die Bodenhaftung.

Aber wie unabhängig sind Sie als Politikerin mit Ihren gewichtigen Mandanten noch?

Keller-Sutter: Ich stimme ohne Instruktion und habe nur Mandate in Unternehmen angenommen, wo ich mit Überzeugung dahinterstehen kann. Man hat mich angefragt, weil ich eine liberale, aber auch kritische und unabhängige Haltung vertrete. Wer einen Papagei will, der fragt wahrscheinlich nicht mich.

Als ehemalige Regierungsrätin erhalten Sie eine Art Rente. Brauchen Sie diese angesichts Ihrer lukrativen Nebenmandate noch?

Keller-Sutter: Ich habe den Kanton St. Gallen informiert, dass ich wegen meiner beruflichen Tätigkeit auf das Ruhegehalt von 134 000 Franken pro Jahr verzichte. Ich habe zwar Anspruch darauf und müsste nicht arbeiten. Aber das ist nicht mein Stil. Ich will nicht von einer Rente leben, sondern selbst berufstätig sein.

Haben Sie überhaupt noch einen Anspruch auf die Rente?

Keller-Sutter: Das Ruhegehalt entfällt oder wird gekürzt, wenn man gleich viel verdient wie ein amtierender Regierungsrat. Das wäre bei mir der Fall.

Das ändert aber nichts daran, dass ich mich bei der Wahl zwischen Ruhegehalt und eigener Erwerbstätigkeit für Letzteres entschieden habe.

Interview: Tobias Gafafer, Bern