Horrorszenarien sind fehl am Platz

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) weckt vielerorts Ängste. Eine gewisse Skepsis gegenüber Entwicklungen in der modernen Medizin ist nachvollziehbar. Doch bei der PID ist sie am falschen Ort. Von Jürg Ackermann

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KOMMENTAR

Die Nachricht ging Ende April um die Welt. Eine Nachricht, die nicht nur die Skeptiker der modernen Medizin stutzig machte. In China, wo in der Forschung vieles erlaubt ist, gelang es Wissenschaftern zum ersten Mal überhaupt, die Gene von menschlichen Embryonen zu manipulieren. Ein Experiment mit möglicherweise weitreichenden Folgen: Dieses kann nämlich nicht nur die Gene des Embryos verändern, sondern sich auch auf die Zellen aller nachfolgenden Generationen auswirken. Experten sprachen von einer möglichen Zeitenwende in der Medizin. Denn die Gene haben nicht nur Einfluss auf die Haar- oder Augenfarbe, sondern auch auf Grösse, Stärke oder Intelligenz. Der Mensch hätte nun also theoretisch zumindest ein Stück weit das Rüstzeug, um Gott zu spielen und selber über die Evolution mitzubestimmen. Nicht auszumalen, was passieren könnte, sollte die – bisher jedoch nicht ausgereifte – Methode in die Hände von Wahnsinnigen kommen.

Was hat diese Nachricht aus China mit der Abstimmung über die Präimplantationsdiagnostik zu tun? Eigentlich nichts – und doch sehr viel. Beispiele wie diese halten in der Diskussion immer wieder dafür her, um mit Szenarien von zum Teil frankensteinschem Ausmass vor einer Annahme der Verfassungsänderung zu warnen. Wer am 14. Juni Ja zur PID sage, so die Befürchtungen, öffne Tür und Tor für Missbräuche jeder Art. Diese Argumentation zielt jedoch am Kern vorbei. Vor allem in der Schweiz mit ihren strengen Gesetzen in der Fortpflanzungsmedizin und dem verbreiteten Konsens unter Ärzten, dass man niemals so weit gehen würde, wie dies Forscher und Mediziner in anderen Ländern tun.

Erst ein Grundsatzentscheid

Derzeit werden rund zwei Prozent aller Kinder in der Schweiz nach einer künstlichen Befruchtung geboren. Die Präimplantationsdiagnostik würde es nun ermöglichen, im Reagenzglas gezeugte Embryonen auf schwere, unheilbare Krankheiten zu testen, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden.

Ob diese medizinische Technik allen kinderlosen Paaren oder nur den mit einer Erbkrankheit vorbelasteten Eltern zugute kommt, wird am 14. Juni noch nicht festgelegt. Es geht einzig um den Grundsatzentscheid für oder gegen die Präimplantationsdiagnostik. Das Parlament will zwar die PID allen Eltern, die auf künstliche Befruchtung setzen, erlauben. Verschiedene Organisationen haben aber bereits das Referendum gegen diesen Entscheid angekündigt. In diesem Falle käme es nach einem Ja am 14. Juni zu einer zweiten Volksabstimmung.

Grosser Gegensatz zu Pränataltests

Klar ist: Längst nicht alle Eltern würden von der PID Gebrauch machen. Die Inanspruchnahme von medizinischen Hilfsmitteln sollte in einer freiheitlichen Gesellschaft nach Einhaltung massgebender ethischer Richtlinien denn auch ein individueller Entscheid der Eltern sein. Es mutet jedoch seltsam an, dass die Fortpflanzungsmediziner heute Frauen Embryonen implantieren, von denen sie – dank der PID – eigentlich wissen könnten, dass sie niemals lebensfähig sein werden. Völlig quer ist es zudem, dass die gleichen Eltern, denen in der Schweiz die Präimplantationsdiagnostik verweigert wird, sich auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche noch für einen Abbruch entscheiden können. Nämlich dann, wenn sie bei Pränataltests während der Schwangerschaft eine schwere Behinderung des Kindes feststellen. Diese Tests werden bei Frauen über 35 Jahren gar von der Krankenkasse bezahlt.

Die Schweiz ist eine Insel in Europa

Hier liegt denn auch die rote Linie, die niemals überschritten werden darf. Die Krankenkassen oder öffentliche Institutionen sollten nie finanzielle Leistungen für Menschen mit einer Behinderung von solchen Schwangerschaftstests abhängig machen. Denn ein solcher Mechanismus würde wohl tatsächlich zu einer Diskriminierung von Menschen mit einer Behinderung führen, wie dies viele Gegner der Vorlage befürchten. Solche Tests sollen daher ein privater Entscheid der Eltern bleiben, die sich dafür oder dagegen entscheiden können.

Es ist meist ein billiges Argument, zu sagen, wenn es die anderen machen, dann sollten wir es auch erlauben. Doch der Blick ins Ausland zeigt in diesem Fall tatsächlich, dass Horrorszenarien fehl am Platz sind. Die PID ist mittlerweile in fast allen Staaten Europas erlaubt. Selbst Deutschland hat sie vor einem Jahr eingeführt. Dies ist insofern bemerkenswert, weil das deutsche Embryonenschutzgesetz zu den strengsten Europas gehört – wegen der geschichtlichen Vorbelastung. Die Eugenik und ihre Unterscheidung zwischen wertem und unwertem Leben gehörte zur Politik der Nazis. In Ländern wie Grossbritannien oder Frankreich wird die PID gar seit mehr als 20 Jahren praktiziert, ohne das negative Folgen bekannt wären, wie sie nun zum Teil in der Debatte heraufbeschworen werden.

Die PID ist letztlich vor allem auch eine Hoffnung für kinderlose Paare, weil fortan «so viele Embryonen hergestellt werden dürfen, wie für die medizinisch unterstützte Fortpflanzung notwendig sind». Diese Änderung würde nicht nur die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöhen, sondern gleichzeitig auch das Risiko für Komplikationen senken.

Die Gene legen nicht alles fest

Fest steht: Längst nicht alles, was möglich ist, wird in Forschung und Medizin auch gemacht. So wurden Horrorvisionen, dass nach dem Schaf Dolly in den 1990er-Jahren bald auch die ersten Menschen geklont würden, nie Realität. Und sie scheinen es bei allem Fortschritt in nächster Zeit auch nicht zu werden. Dies zeigt, dass es offenbar nicht nur in der Schweiz einen breiten Konsens darüber gibt, dass die moderne Medizin nicht alles darf, was sie theoretisch kann. Schon gar nicht bei einem Ja zur Präimplantationsdiagnostik. Und noch etwas gilt es bei der nachvollziehbar emotionalen Diskussion um die Machbarkeit in der Medizin zu bedenken: Die Liebe, das Welt- und Selbstvertrauen, die Geborgenheit, die Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben, werden immer wichtiger bleiben als die Gene.

juerg.ackermann@tagblatt.ch

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