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Hornkuh-Initiative: Kühe leiden unter dem Enthornen ein Leben lang

Erstmals zeigt eine wissenschaftliche Studie, dass das Ausbrennen der Hörner die Schmerzempfindlichkeit eines grossen Teils der Kälber beeinflusst – ihr ganzes Leben lang.
Eva Novak
Eine hornlose Kuh auf einem Bauernhof in Schaffhausen. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (20. Mai 2018))

Eine hornlose Kuh auf einem Bauernhof in Schaffhausen. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (20. Mai 2018))

Es gebe keine Studien, «die belegen, dass das Enthornen das Wohlergehen der Tiere unverhältnismässig beeinträchtigt»: So argumentierte der Bundesrat in seiner Botschaft zur Hornkuh-Initiative und beantragte folgerichtig, diese zur Ablehnung zu empfehlen. Doch nun, nachdem das Parlament der Regierung gefolgt ist, besagt eine wissenschaftliche Untersuchung das Gegenteil. Sie zeigt, dass Kälber nicht nur gleich nach dem Ausbrennen der Hornansätze an Schmerzen leiden, sondern noch Monate danach.

Zu diesem Befund zu kommen, war nicht so einfach – schon nur, weil Tiere nicht sprechen können. «Schmerz ist eine individuelle Empfindung, und das lässt sich nur mit Worten beschreiben», sagt Claudia Spadavecchia, Professorin für Veterinäranästhesiologie und Schmerztherapie an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern. Verhaltensänderungen seien bei chronischen Schmerzen nicht zu erwarten, denn Rinder seien von ihren Anlagen her Beutetiere: «Um Raubtieren nicht als leichte Beute aufzufallen, dürfen sie chronischen Schmerz nicht zeigen und versuchen, ihn zu verstecken.»

Erhöhte Empfindlichkeit auch drei Monate danach

«Was Tiere genau empfinden, können wir nur aufgrund ihrer Reaktion auf gut quantifizier­bare Reize erahnen», so Spadavecchia. Dies vor Augen, bediente sich ihr Team der Uni Bern innovativer neurophysiologischer sowie physikalischer Methoden, um den gefühlten Folgen des Enthornens auf die Schliche zu kommen. Mit speziellem Laser, einem druckerzeugenden Gerät und sogenannten Von-Frey-Filamenten wurde geprüft, wie empfindlich 30 Kälber auf Druck am Kopf rund um den Hornansatz reagieren. Der erste Teil der Studie, dessen Ergebnisse im Februar dieses Jahres publiziert wurden, bezog sich auf die Zeit unmittelbar nach dem Eingriff. Danach litten in den ersten 24 Stunden nach dem Wegbrennen der Hörner praktisch alle untersuchten Kälber an Schmerzen, obwohl sie während des Eingriffs bestmöglich mit lokalen Betäubungs- und Schmerzunterdrückungsmitteln versorgt worden waren. Dies galt unabhängig davon, ob die Enthornung bereits eine Woche oder erst vier Wochen nach der Geburt vorgenommen wurde.

Brisanter ist der Befund des zweiten, noch nicht veröffentlichten Teils der Untersuchung. Erstmals überhaupt zeigte sich, dass die erhöhte Schmerzempfindlichkeit bei 38 Prozent der enthornten Kälber auch drei Monate später noch anhielt. Sie empfanden schon bei leichter, normalerweise nicht schmerzhafter Berührung Schmerz und reagierten empfindlicher auf schmerzhafte Reize als nicht enthornte Artgenossen.

Schelbert kritisiert den Bundesrat

Was heisst das für die betroffenen Tiere? Um ihren Kopf zu schützen, sind sie etwa bei Interaktionen mit anderen Tieren eingeschränkt oder bewegen den Kopf beim Fressen durch die Gitterstäbe so wenig wie möglich, damit es ihnen nicht wehtut. Diese Strategien mussten die untersuchten Kälber ihr ganzes Leben lang anwenden. Denn das dauerte so lang wie die Studie, im Alter von drei Monaten wurden sie geschlachtet.

Wie sich die Schmerzempfindlichkeit später entwickelt, wurde bisher nicht analysiert. «Es könnte sein, dass der Prozentsatz mit der Zeit abnimmt, aber wir wissen es nicht», erklärt die Tier-Schmerztherapeutin. Sie weist auf Parallelen zu uns Menschen hin: Auch da litten nach normalen Operationen zwischen 30 und 40 Prozent der Patienten jahrelang an chronischen Schmerzen.

Einer verfolgt Spadavecchias Untersuchungen mit besonderem Interesse: Der grüne Luzerner Nationalrat Louis Schelbert hatte den Bundesrat per Motion verpflichten wollen, untersuchen zu lassen, ob Enthornen zu Phantomschmerzen führt. Zu Schmerzen also, wie sie bei Menschen mit amputierten Gliedmassen auftreten können, aber auch bei Hühnern, deren Schnabel coupiert wurde. Nachdem ihn der Bundesrat auf die laufenden Untersuchungen der Vetsuisse-Fakultät aufmerksam gemacht hatte, zog Schelbert seinen Vorstoss zurück. Inzwischen ist er selber aus dem Nationalrat zurückgetreten – und findet es

«skandalös, dass die Erkenntnisse den Bundesrat und die zuständigen Bundesämter nicht interessieren».

«Die Verwaltung hätte erste Ergebnisse in die Botschaft einarbeiten können oder mit der Publikation noch ein bisschen zuwarten können – aber nichts geschah», kritisiert er.

Spätestens jetzt müssten Bundesrat und Verwaltung zugeben, dass Enthornen für viele Tiere problematisch sei, findet Schelbert. Und kommt zum Schluss: «Das Tierwohl ist schlicht nicht gefragt.» Ob sich interessierte Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aus erster Hand informieren und eine eigene Meinung bilden werden können, ist mehr als fraglich. Denn die Studie ist zwar zur Publikation eingereicht. Doch es wird, wie Spadavecchia befürchtet, kaum bis zum Abstimmungssonntag reichen.

Das will die Initiative

Das will die Initiative Die Hornkuh-Initianten um Bergbauer Armin Capaul fordern, dass der Bund Tierhalter finanziell unterstützt, wenn sie ihre Kühe und Ziegen nicht enthornen. Wie viel Geld die Bauern pro Tier erhalten sollen, lässt der Initiativtext offen. Ursprünglich hatte Capaul einen Hörnerfranken gefordert: einen Franken pro Kuh und Tag. Die Kosten sollen gemäss den Initianten anderswo im Landwirtschaftsbudget eingespart werden – wo genau, ist ebenfalls offen.

Ziel der Initianten ist es, dass weniger Tiere enthornt werden. Bundesrat und Parlament empfehlen die Initiative zur Ablehnung. Abgestimmt wird am 25. November 2018. (mjb)

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