HOLZBAU: Buche statt Beton

Laubholz hält hohen Belastungen stand und ermöglicht neue Dimensionen. Zum Beispiel das erste Holzhochhaus der Schweiz. Doch zurzeit wird die Buche in der Schweiz zu wenig genutzt.

Martina Huber
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Gut 30 Prozent des Holzvorrats in Schweizer Wäldern besteht aus Laubbäumen. (Bild: Inga Nielson/fotolia)

Gut 30 Prozent des Holzvorrats in Schweizer Wäldern besteht aus Laubbäumen. (Bild: Inga Nielson/fotolia)

In Risch-Rotkreuz im Kanton Zug wird derzeit das erste Holzhochhaus der Schweiz gebaut: ein Bürogebäude mit zehn Geschossen, 36 Meter hoch. Seine Stützen sind aus Buchenholz. Buchenholz kommt auch im Tragwerk einer neuen Montagehalle der Pilatus Flugzeugwerke in Stans zum Einsatz, die 60 auf 120 Meter misst, oder im Holzskelett des Tamedia-Gebäudes in Zürich – dort in Verbindungsteilen, die hohen Belastungen standhalten müssen.

«Bisher wird in der Schweiz im Holzbau mehrheitlich Nadelholz verwendet», sagt Andrea Frangi, Professor für Holzbau am Institut für Baustatik und Kon­struktion der ETH Zürich. «Aber mit Fichte stossen wir irgendwann an Grenzen. Buche und anderes Laubholz eröffnen im Bau neue Anwendungsmöglichkeiten.» Denn Laubholz ist härter und fester und kann viel höheren Belastungen standhalten als Nadelholz. Das ermöglicht es, höher zu bauen, mit grösseren Spannweiten und höheren Lasten – oder aber mit schlankeren Bauteilen.

«Laubholz hat das Potenzial, im Bau viel Stahl und Beton zu ersetzen», sagt Frangi. Wie das geht, hat er mit einem Team von Forschern am «House of Natural Resources» (HoNR) gezeigt – einem vierstöckigen Pilothaus auf dem ETH-Campus Hönggerberg, in dem im Sommer 2015 ETH-Mitarbeiter ihre Büros bezogen haben. Die beiden oberen Stockwerke haben keine Stahlbetonwände, dafür ein Skelett aus Holz: Stützen aus Esche, dazwischen Träger aus mit Esche verstärkter Fichte. Zusammengehalten wird die Konstruktion durch ein gespanntes Stahlseil, das durchs Innere der Träger und durch die Stützen hindurch verläuft. Im HoNR kommen zudem drei verschiedene Deckenkon­struktionen mit Buchenholz zum Einsatz. Besonders viel Potenzial sieht Frangi in einer neu ent­wickelten Verbunddecke aus ­Buchenfurnierschichtholz und Beton: «Sie ist kostengünstig, schnell gemacht und so stabil wie eine übliche Stahlbetondecke, obschon sie mit viel weniger Stahl und Beton auskommt.»

Vom Brotbaum zum Sorgenkind

Grosses Potenzial fürs Buchenholz im Bau sieht auch Stefan Vögtli, gelernter Forstwart und Holzkaufmann mit eidgenössischem Fachausweis. «Früher wurden meist Einfamilienhäuser oder Dachstöcke aus Holz gebaut», sagt er. «Doch unterdessen werden auch riesige Bauten mit einer Tragstruktur aus Holz verwirklicht. Dazu braucht es festere Baustoffe aus Holz.»

Die deutsche Firma Pollmeier bietet bereits heute Buchenprodukte für den Holzbau an. In der Schweiz fehlen der Waldwirtschaft derzeit Absatzmöglichkeiten für Buche und weiteres Laubholz. Und da es härter ist, ist es auch aufwendiger zu verarbeiten als Nadelholz. «Die Buche war früher in den laubholzreichen Regionen der Schweiz der Brotbaum der Waldwirtschaft», sagt Vögtli. «Doch heute sind die Preise dafür so tief, dass das Holz oft nicht zu kostendeckenden Preisen verkauft werden kann.» ­Dabei machen Laubbäume gut 30 Prozent des Holzvorrats in Schweizer Wäldern aus, die Buche allein 18 Prozent, im Mittelland und Jura sind die Anteile noch deutlich höher. Und aufgrund der naturnahen Waldbewirtschaftung und mit der Klimaveränderung wird der Laubholzanteil in unseren Wäldern in Zukunft wohl weiter zunehmen.

«Heute wird schönes Buchenstammholz oft im Wald stehen gelassen, als Energieholz verbrannt oder zu Tiefpreisen in asiatische Länder exportiert. Doch anstatt nur zu jammern, müssen wir aktiv werden, um das zu ändern», sagt Vögtli.

Um dem einheimischen Buchenholz wieder auf die Beine zu helfen, haben Schweizer Waldbesitzer und Sägewerkbetreiber im Jahr 2014 die Firma Fagus Jura AG ins Leben gerufen, mit Stefan Vögtli als Projektleiter. Das Ziel: In einer ehemaligen Parkettfa­brik in Les Breuleux sollen jedes Jahr bis zu 20000 Kubikmeter Latten aus Buchen- und weiterem Laubholz zu grossen Platten verleimt werden. Bei Bedarf können aus diesen Platten innert kurzer Frist Bauelemente hergestellt werden. Mit einem hohen Automatisierungsgrad will die Fagus Jura marktfähige Preise erreichen. Kommt das Geld für das Projekt zusammen, könnte das Produktionszentrum bereits 2018 den Betrieb aufnehmen.