Holocaust-Vergleich
Verband der Schweizer Juden fordert Entschuldigung von Muschg

Das Entsetzen bei den jüdischen Verbänden ist gross nach den Aussagen des Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg.

Nina Fargahi
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Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg an der Frankfurter Buchmesse 2018.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg an der Frankfurter Buchmesse 2018.

Keystone

«Zuerst waren wir irritiert, doch nun sind wir schockiert», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), der die Schweizer Jüdinnen und Juden vertritt. Am Sonntag hatte der Schriftsteller Adolf Muschg, der auch Mitverfasser der Präambel der Schweizer Bundesverfassung ist, die heutige Cancel Culture mit Auschwitz verglichen und später mit Hitlers Rassenkunde.

Beim SIG sei man zuerst von einem Ausrutscher ausgegangen, von einem unglücklichen Vergleich. «Ungeschickte Worte und Sätze können allen passieren.» Der Fall wäre schnell erledigt gewesen, wenn Muschg seinen Fehler eingesehen hätte. Doch Muschg doppelte am nächsten Tag nach und sagte, er nehme seine Aussage nicht zurück. «Die fehlende Einsicht zeugt von einer Haltung, die wir von einem Intellektuellen wie Muschg nicht erwartet hätten», so Kreutner. Jemand wie Muschg, dessen Stimme gehört werde, müsse sich der Wirkung seiner Worte bewusst sein. Die Banalisierung des Leids von Auschwitz und der Judenverfolgung sei geschmacklos und schmerzlich. Das passe gar nicht zu Muschg. «Jetzt ist eine Entschuldigung - ohne zu relativieren - angebracht», so Kreutner.

Holocaust-Vergleiche nehmen zu

Bereits im letzten November hat der SIG dazu aufgerufen, auf Holocaust-Vergleiche im politischen Diskurs zu verzichten. Dies, weil derartige Vergleiche in der Schweiz «merklich zunehmen» würden. Insbesondere bei Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen seien immer wieder «Judensterne» mit der Aufschrift «ungeimpft» oder «Maskenattest» beobachtet worden. Im Antisemitismusbericht für die Deutschschweiz von 2020, den der SIG zusammen mit der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus herausgegeben hat, wurden 485 Vorfälle im Onlinebereich und 47 antisemitischen Vorfälle ausserhalb des Internets gezählt. Die Dunkelziffer werde allerdings als hoch eingeschätzt.

Auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) stellt fest, dass seit einigen Jahren vermehrt Holocaust-Vergleiche gemacht würden; die EKR weise immer wieder auf deren Unzulässigkeit hin. Deren Vizepräsidentin, Nora Refaeil, sagt auf Anfrage: «Holocaust-Vergleiche banalisieren das Vernichtungsregime des Nationalsozialismus und dessen Genozid an Juden.» Diese Aussage von Adolf Muschg sei nicht nachvollziehbar und verwerflich. «Es stellt sich die Frage, warum ein Mensch den Genozid an Juden relativieren muss, um die eigene Position aufzuwerten», so Refaeil.

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