Bundesratswahlen
Hohe Erwartungen an die Frauenmehrheit im Bundesrat

Mit 57,1 Prozent Frauen in der Regierung gehört die Schweiz international zu den Spitzenreitern – doch Politologen relativieren die Auswirkungen.

Oliver Baumann
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Gruppenbild des neuen Bundesrates

Gruppenbild des neuen Bundesrates

Keystone

1971 - nach jahrzehntelangem Kampf und mehreren gescheiterten Anläufen - erhielten die Frauen auf nationaler Ebene das Stimmrecht. Weitere 13 Jahre dauerte es, bis mit der freisinnigen Zürcher Nationalrätin Elisabeth Kopp eine erste Frau in den Bundesrat gewählt wurde. Und nun, nach den gestrigen Bundesratswahlen, wird die Schweiz zum ersten Mal in ihrer Geschichte von einer Frauenmehrheit regiert.

Ein Umstand, der allerdings spätestens absehbar war, nachdem die Sozialdemokraten mit Simonetta Sommaruga und Jacqueline Fehr zwei weibliche Kandidatinnen für die Nachfolge von Bundesrat Moritz Leuenberger nominiert hatten. SP-Fraktionschefin Ursula Wyss sagte gestern wohl zu Recht, die Schweiz hätte die Frauenmehrheit ihrer Partei zu verdanken, da diese nur Frauen ins Rennen geschickt habe.

Ein «historischer Tag»

Doch die Euphorie über die neue Dominanz der Frauen ist nach wie vor gross, kritische Stimmen waren gestern keine zu vernehmen. Rosmarie Zapfl, Präsidentin der Frauenorganisation Alliance F, sprach sogar von einem «historischen Tag». «Die Frauenmehrheit in der Schweizer Landesregierung ist überwältigend», sagte sie.

Gleichzeitig werden in die vier Frauen im Bundesrat hohe Erwartungen gesetzt. Die Walliser Sozialdemokratin Gabrielle Nanchen, die zwischen 1971 und 1979 im Nationalrat sass, hofft etwa, dass die Frauenmehrheit der Schweizer Politik neue Impulse verleiht. In anderen Ländern habe man in solchen Situationen mehrfach feststellen können, dass die Sensibilisierung gegenüber Themen wie Migration und Umwelt grösser wurde. Auch alt Bundesrätin Elisabeth Kopp kann sich vorstellen, dass Anliegen wie familienpolitische Fragestellungen oder Gleichstellungsthemen nun vermehrt auf der Agenda der Regierung stehen werden.

Allerdings warnt Kopp vor übertriebenen Erwartungen an die vier weiblichen Bundesräte. Frauen würden schliesslich gleichermassen wie Männer bestimmte Parteihaltungen vertreten und nur marginal einen anderen Regierungsstil vertreten, so Kopp.

«Die vier Frauen im Bundesrat wurden nicht als Frauen gewählt, sondern als Vertreterinnen ihrer Parteien», sagt auch die Berner Politologin Regula Stämpfli. Sie sei deshalb «skeptisch», ob die Frauenmehrheit zu einem inhaltlichen oder stilistischen Wechsel in der Politik des Bundesrates führen werde. Und wenn doch, sagt Stämpfli, sei dies vermutlich eher auf die «bernische Kultur» zurückzuführen, welche mit der Könizerin Simonetta Sommaruga aber auch mit dem neu gewählten FDP-Mann Johann Schneider-Ammann aus Langenthal in der obersten Exekutive Einzug halte.

Keller-Sutter: Eine Frau zu viel?

Uneinigkeit herrscht derweil darüber, wieso die zweite Frau, die gestern für einen Bundesratssitz kandidierte, die Wahl ins Gremium nicht geschafft hat. Karin Keller-Sutter sei am Verhalten der Parlamentarier aus ländlichen Gebieten gescheitert, die Mühe mit fünf Frauen im Bundesrat gehabt hätten, mutmasst der Politologe Adrian Vatter. Stämpfli hingegen ist der Ansicht, dass Keller-Sutters parteiinterner Konkurrent Schneider-Ammann schlicht grösseren Rückhalt in wirtschaftsfreundlichen Kreisen genossen habe.

Auch ohne Keller-Sutter beträgt der Frauenanteil im Bundesrat nun 57,1 Prozent. Laut der Interparlamentarischen Union verfügt die Schweiz damit im internationalen Vergleich über einen der höchsten Frauenanteile in der Regierung.

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