Interview

Höchste Reformierte: «Es ist für mich klar, dass wir die Menschen beim assistierten Suizid begleiten»

Rita Famos ist die erste Frau an der Spitze der Schweizer Reformierten. In ihrem ersten Interview fordert sie eine Kirche am Puls der Zeit. Sie befürwortet die Sterbehilfe in gewissen Fällen, will nicht so dominant wie ihr Vorgänger auftreten – und politische Transparente möchte sie auch nicht an Kirchen.

Lucien Fluri
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Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos ist die erste Frau überhaupt an der Spitze einer Schweizer Landeskirche.

Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos ist die erste Frau überhaupt an der Spitze einer Schweizer Landeskirche.

Claudio Thoma

2018 zeigte Rita Famos Mut. Trotz geringer Erfolgsaussichten forderte sie Gottfried Locher, den damals obersten Protestanten, heraus. Nun, nach Lochers skandalumwitterten Rücktritt, gelang ihr die Wahl: Die reformierte Synode hat die Zürcher Pfarrerin als erste Frau in dieses Spitzenamt gewählt – mit 47 von 78 Stimmen. Isabelle Graesslé, die Kandidatin der Westschweiz, erhielt 25 Stimmen.

Die Reformierte Kirche hat schwierige Monate hinter sich. Was ist nun Ihre wichtigste Aufgabe?

Wir müssen eine neue Kultur der Zusammenarbeit aufbauen. Diese wird auch dadurch geschaffen, dass ich eine andere Person bin; eine, die transparent und kollegial arbeitet. Und dann geht es auch darum, die Ergebnisse der laufenden Untersuchung in Empfang zu nehmen und Lehren daraus zu ziehen.

Sie sind schon 2018 gegen Gottfried Locher angetreten, weil Sie mit der Entwicklung der Kirche nicht einverstanden waren. Was lief in den letzten Jahren falsch?

(denkt nach). Wir sind dominiert worden von einem Präsidenten, der den Auftritt gesucht hat. Man konzentrierte sich zu sehr auf eine Person. Ich stehe zwar auch gerne hin. Aber wir müssen weg von der Personenzentriertheit und den Fokus auf unsere Arbeit legen. Gerade in Corona-Zeiten ist dies wichtig.

Gottfried Locher musste im Mai wegen Vorwürfen der Grenzverletzung zurücktreten. Inzwischen antwortet er auf Briefe der Reformierten Kirche Schweiz nicht mehr. Einen eingeschriebenen Brief nahm er nicht an. Man fragte ihn, ob er sich offiziell noch verabschieden möchte von der Kirchenbasis.

Gottfried Locher musste im Mai wegen Vorwürfen der Grenzverletzung zurücktreten. Inzwischen antwortet er auf Briefe der Reformierten Kirche Schweiz nicht mehr. Einen eingeschriebenen Brief nahm er nicht an. Man fragte ihn, ob er sich offiziell noch verabschieden möchte von der Kirchenbasis.

Keystone/Anthony Annex

Wohin also geht die reformierte Kirche unter Ihnen?

Wir sollen eine Kirche am Puls der Zeit sein. Es gibt Themen, die wir sorgfältig miteinander bearbeiten müssen: Was macht die Digitalisierung mit uns? Was macht die Individualisierung mit der Kirche? Braucht es da neue Formen der Mitgliedschaft? Wir werden auch die wichtigen ethischen Themen miteinander diskutieren müssen. Etwa die Frage der Ehe für alle und das Recht auf Kinder.

Was wollen Sie gegen die Kirchenaustritte tun?

Alleine kann ich nichts tun, ausser der Kirche ein authentisches Gesicht zu geben. Wir müssen Austritte ernst nehmen und uns fragen, wie wir die Leute für uns gewinnen. Aber es gibt nun mal den gesamtgesellschaftlichen Trend, sich nicht mehr an Institutionen zu binden. Wir dürfen uns dadurch nicht lähmen lassen. Auch als Kirche, die keine Mehrheit hat, kann man etwas bewegen. Ich habe 1988/89 in der DDR studiert und gesehen, wie eine kleine, unterdrückte Kirche eine Bewegung auslösen konnte, die half, den totalitären Staat aus den Angeln zu heben.

Überraschend entschieden sich die Reformierten 2019 für die Ehe für alle. Konservative Kreise waren verärgert. Wie gehen Sie mit den Spannungen zwischen progressiv und konservativ um?

Wir müssen besser schauen, wie wir mit Minderheiten in der Kirche umgehen. Es geht darum, wie man Entscheide fällt. Wir müssen die Diskussionen sehr sorgfältig führen. Dies war bei der Ehe für alle nicht der Fall. Es ist doch eine Stärke der Reformierten, dass wir – im Vergleich mit anderen Kirchen – Vielstimmigkeit zulassen können. Dies ist auch, was unsere Gesellschaft, in der Extrempositionen kaum mehr zusammenfinden, dringend braucht. Die Gesellschaft benötigt Orte, an denen man miteinander diskutieren kann.

Heisst dies, dass Sie auf die Ehe für alle zurückkommen wollen?

Nein. Ich glaube, dass die Mehrheit klar dafür ist. Wir segnen ja bereits seit vielen Jahren gleichgeschlechtliche Paare. Und sobald der Staat die Ehe für alle ermöglicht, werden wir das auch liturgisch nachziehen. Aber wir müssen schauen, wie wir mit Minderheitspositionen umgehen, die auch zu uns gehören.

Sterbehilfe wird für die Kirche ebenso ein schwieriges Thema werden.

Ich bin nahe an diesem Thema dran, da ich heute für die Spitalseelsorge zuständig bin. Es gibt zwei Aspekte. Einerseits die seelsorgerische Seite. Es ist für mich ganz klar, dass wir die Menschen in ihrer Suchbewegung begleiten und nicht von Beginn weg sagen, dass die Option nicht möglich ist. Wenn sich ein Mensch aus grosser Not zu diesem Schritt entscheidet, dürfen wir ihn nicht alleine lassen. Andererseits …

Ja, bitte.

…geht es um den gesellschaftlichen Aspekt. Wir müssen genau hinschauen, was mit einer Gesellschaft passiert, in der die Schwelle zum assistierten Suizid immer niedriger wird, in der aber gleichzeitig die Gesundheitskosten stark steigen. Dadurch könnte der Druck auf Menschen wachsen, gerade weil die letzten zwei Jahre in Sachen Gesundheit die teuersten sind. Hier darf es keinen Druck geben. Alle müssen das gleiche Recht auf gesundheitliche Massnahmen haben, unabhängig vom Alter.

Sie lehnen den assistierten Suizid nicht ab?

Nein, es kann Situationen geben, in denen Menschen zu diesem Entscheid kommen. Wichtig ist, dass wir diese Menschen begleiten.

Bald stimmt die Schweiz über die die Konzernverantwortungsinitiative ab, für die viele Kirchgemeinden weibeln. Wie sehen Sie das politische Engagement der Kirche?

Als Kirche arbeiten wir nahe bei den Menschen. Und wer nahe bei den Menschen arbeitet, sieht Probleme, die aufs Tapet müssen. Diese Probleme haben kirchliche Hilfswerke bei der Konzernverantwortungsinitiative benannt. Darauf bin ich stolz. Ganz wichtig ist für mich aber auch die Frage, wie wir mit Leuten umgehen, die auf andere Lösungen kommen als die Initiantinnen und Initianten. Ich distanziere mich von einer Schlagwortpolitik, bei der etwa Gegner als Halunken bezeichnet werden.

Finden Sie es in Ordnung, dass Transparente an der Kirche hängen?

Der Kirchenraum ist für mich ein Ort, wo Leute hingehen , um ihre Spiritualität und ihren Glauben zu leben. Sie sollen dies tun können, ohne dass ihnen dort plakativ gesagt wird, was sie abstimmen sollen.

Was kann die reformierte Kirche in der Coronakrise beitragen?

Wir sind mitten im Geschehen. Wir haben sehr viele handfeste Angebote ganz nahe bei den Leuten und haben einen grossen Stab von Freiwilligen, die etwa zu Menschen gehen, die zu vereinsamen drohen. Wir sind in den Spitälern präsent, bieten Paarberatungen an oder finanzieren die Dargebotene Hand mit.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der Reformierten Kirche. Was bedeutet Ihnen dies?

Es ist ein Zeichen. Es hat sehr viele hoch qualifizierte Frauen in der Kirche, die sich nun auch zur Verfügung stellen. Dies freut mich sehr. Wir sind die erste grosse Religionsgemeinschaft der Schweiz mit einer Frau an der Spitze. Damit zeigen wir, dass traditionelle Kirchen sich entwickeln können und in Bewegung sind. Dass wir so am Puls der Zeit bleiben, wünsche ich mir für unsere Kirche.