Nach Absturz
Hier hebt «Tante Ju» wieder ab: «Wir tun dies im Bewusstsein, dass es für viele der falsche Zeitpunkt ist»

Die Ju-Air ist heute Freitag erstmals nach dem Absturz mit 20 Todesopfern wieder abgehoben. Allerdings wird einer der zwei geplanten Flüge wegen eines prognostizierten Gewitters abgesagt.

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Die Ju-Air hebt am Freitagnachmittag erstmals nach dem Absturz mit 20 Todesopfern wieder ab. Einer der zwei geplanten Flüge musste jedoch wegen einer Gewitterprognose abgesagt werden. Nach dem Unglück ist einer der 24 Ju-Piloten noch nicht bereit, wieder zu fliegen.

Der annullierte Rundflug hätte um 18.30 Uhr starten und von Ju-Air-Chef Kurt Waldmeier selbst durchgeführt werden sollen. Dies sagte Waldmeier am Freitag vor den Medien in Dübendorf ZH. Die andere Maschine hingegen soll um 16 Uhr wie vorgesehen abheben - geflogen von Chefpilot Andreas Pfisterer nach Bensheim in Deutschland. Die Passagiere - eine Gruppe aus Deutschland - reisen mit dem Bus nach Dübendorf und fliegen dann zurück. Das Flugzeug trägt einen Trauerflor.

Am Morgen hatte Firmenchef Waldmeier mit dieser Maschine einen Testflug durchgeführt - insbesondere um die vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) empfohlenen Systeme zu testen. Zudem haben Bazl-Inspektoren die «Tante Ju» untersucht. Chefpilot Pfisterer sprach von einem "Gefühl der Erlösung", dass die Ju wieder fliegen kann.

«Man verliert sonst die Übung»

Seit dem Unglück vom 4. August haben die Verantwortlichen der Ju-Air mit allen Teammitgliedern Gespräche geführt - von der Pilotin über das Kabinenpersonal bis zu den Check-in-Agenten.

Alle sind laut Waldmeier unter anderem zu ihrer Flugtauglichkeit befragt worden. Einige der Mitarbeitenden brauchten eine Pause, sagte er. Auch einer der 24 Piloten sei noch nicht bereit, wieder zu fliegen. Man betrachte das als Zeichen der Stärke und lege es nicht negativ aus.

Airline Mitgründer Waldmeier «Heute Nachmittag nehmen wir den Flugbetrieb wieder auf. Wir tun dies im Bewusstsein, dass es für viele Menschen der falsche Zeitpunkt ist.»
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Die Untersuchung zu den Ursachen des Absturzes der Ju-52 bei Flims GR wird laut dem Aviatikexperten Sepp Moser zur Detektivarbeit. (Handout Kantonspolizei Graubünden)
Schweigeminute für die 20 Opfer.
Die Ju-52 wird mit Trauerfloor bestückt.
Kurt Waldmeier, links, CEO, JU-AIR und Andreas Pfisterer, rechts, Chefpilot. Pfisterer: «Es ging um die Feststellung, ob die Piloten alle ready to fly sind. Und das sind sie.»
Die historischen Flugzeuge der Ju-Air dürfen unter Auflagen wieder in die Luft.
Kurt Waldmeier «Wir wurden nach dem Unfall nie gegroundet. Wir hätten weiterfliegen dürfen, weil es keinen Grund für die Einstellung des Flugbetriebs gab. Wir haben dies aus Pietät vor den Angehörigen getan.»
Andreas Pfisterer zur Blackbox «Das Ziel des Systems ist es nicht, etwas aufzuzeichnen, sondern um mit erhöhter Sicherheit vorausschauend zu fliegen. Ob einst auch eine Blackbox eingebaut wird, das zeigt eine spätere Evaluation.»
Die Ju-Air-Chefs nehmen Stellung.
Medienkonferenz in Dübendorf.
Andreas Pfisterer, der Chef Operations Die Ju-Air hat 24 Piloten, davon eine Frau. Das Durchschnittsalter der Piloten sei 45 Jahre. Darunter seien auch Berufspiloten, die ehemals bei Airlines wie Swiss oder Edelweiss geflogen sind und auch beim Militär.
Kurt Waldmeier, links, CEO, JU-AIR und Andreas Pfisterer, rechts, Chefpilot.
Ju-52
Eine Ju-52. Waldmeier: «Wir haben vom BAZL die Bewilligung erhalten, einen Probeflug duchzuführen, ehe der Betrieb wieder aufgenommen wird.»
Andreas Züblin, Chef Technik «Zusätzlich zu den Intervallkontrollen werden alle Motoren nach jeweils 150 Stunden Betrieb überprüft.»
In einem Probeflug wurden am Freitagmorgen die vom Bazl getroffenen Massnahmen getestet.
Tobias Koch über die Kampagne «Ageing Aircraft»

Airline Mitgründer Waldmeier «Heute Nachmittag nehmen wir den Flugbetrieb wieder auf. Wir tun dies im Bewusstsein, dass es für viele Menschen der falsche Zeitpunkt ist.»

Zur Verfügung gestellt

Die Nachfrage nach Flügen mit den beiden verbleibenden Ju-Flugzeugen mit Jahrgang 1939 ist ungebrochen. Gemäss Waldmeier halten 80 Prozent der Passagiere an ihren Buchungen für die aktuelle Saison fest. 10 Prozent hätten ihren Flug verschoben, und 10 Prozent hätten ihn annulliert, weil sie verunsichert seien. Dennoch seien rund 40 Prozent der Flüge gefährdet, weil ein Flugzeug weniger zur Verfügung steht.

Waldmeier legte an der Medienkonferenz Wert auf die Feststellung, dass der Flugbetrieb einzig aufgrund von Fragen der Sicherheit wieder aufgenommen worden sei: «Wirtschaftliche Faktoren haben keine Rolle gespielt.» Für einen Teil der Menschen sei der Zeitpunkt falsch, aber es gebe wohl keinen richtigen Zeitpunkt.

Warte man zu lange, verliere man die Übung im Umgang mit dem anspruchsvollen Flugzeug. Er selbst habe kein seltsames Gefühl im Cockpit. Es sei «ein Gefühl von Freiheit», eine Ju zu fliegen, sagte er.

Neu mit GPS an Bord

Das Bazl hatte der Ju-Air am Donnerstag erlaubt, den Flugbetrieb ab Freitag unter drei Auflagen wieder aufzunehmen. So müssen die Oldtimer-Flugzeuge erstens eine Flughöhe einhalten, die über der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestflughöhe liegt. Zweitens müssen sie ein GPS-Datenaufzeichnungsgerät an Bord haben. Und drittens müssen die Passagiere während des ganzen Flugs angeschnallt bleiben. Sie dürfen nicht mehr im Flugzeug herumgehen und das Cockpit besuchen.

Das dreimotorige Flugzeug, das auf Sicht geflogen wird, ist die Nostalgie-Maschine in der Schweiz schlechthin. Eine der Junkers Ju-52 war am 4. August beim Piz Segnas in Graubünden auf 2540 Metern über Meer abgestürzt. Alle 17 Passagiere und die drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. In der bisherigen 36-jährigen Geschichte der Ju-Air waren weder Passagiere noch Crew-Mitglieder zu Schaden gekommen.

Die Untersuchung der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) kann bis zu einem ersten Zwischenergebnis mehrere Wochen oder gar Monate dauern.

Bilder der abgestürzten «Tante Ju» am Piz Segnas:

 Das Foto der Kantonspolizei Graubünden zeigt das Wrack.
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Medienkonferenz zur abgestürtzen «Tante JU» in Flims GR
Kurt Waldmeier, CEO von Ju-Air, zeigt sich an der Medienkonferenz vom Sonntag betroffen.
Helikotper bergen die Wrackteile des abgestürzten Flugzeugs.
Helikotper bergen die Wrackteile des abgestürzten Flugzeugs.
Ein Archivbild einer JU-51 der JU-Air.
 Am Sonntag informierte die Kantonspolizei in Flims vor den Medien
 "Das Flugzeug ist nahezu senkrecht und mit relativ hoher Geschwindigkeit auf den Boden geprallt", sagte Daniel Knecht von der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust).
 Die SUST ermittelt in alle Richtungen.
 Ausgeschlossen werden kann zum jetzigen Zeitpunkt eine Kollision mit einem Hindernis, Kabel oder einem anderen Fluggerät.
 Die Flugunfalluntersuchung kann sich auf die Aussagen mehrerer Augenzeugen stützen, sagte Andreas Tobler von der Kantonspolizei Graubünden.

Das Foto der Kantonspolizei Graubünden zeigt das Wrack.

AP

Hier können Sie den Liveticker zur Pressekonferenz in Dübendorf nachlesen:

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