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Ausländische Fahrende: Herr Mürner will sein Dorf zurück

Eine kleine Gemeinde im Kanton Bern wehrt sich gegen einen grossen Halteplatz für ausländische Fahrende. Das Drama des Scheiterns in drei Akten.
Daniel Fuchs
Armin Mürner, Präsident des Wileroltiger Bürgerkomitees. (Bild: Claudio de Capitani/Freshfocus (Bern, 13. März 2019))

Armin Mürner, Präsident des Wileroltiger Bürgerkomitees. (Bild: Claudio de Capitani/Freshfocus (Bern, 13. März 2019))

Sein Auto hat Armin Mürner neben dem Feld abgestellt. Hier, neben dem Autobahnrastplatz an der A1 zwischen Bern und Murten, planen Bund und Kanton Bern einen Transitplatz für bis zu 180 ausländische Fahrende. Wohnwagen stehen auch dieser Tage im hinteren Teil des Rastplatzes. Sie werden toleriert.

Der 71-jährige Mürner steigt aus dem Auto, bringt den Schnauz in Form und zündet sich eine Zigarette an. «Gestunken hat das damals», erinnert sich Mürner, «selbst im Auto war es nicht auszuhalten, wenn man vorbeifuhr.»

Erster Akt: Der Gestank

Das war im Sommer 2017. Mürner und anderen Bewohnern des 350-Seelen-Dorfs Wileroltigen BE sowie der Nachbargemeinden treibt die Erinnerung bis heute die Zornesröte ins Gesicht. «Während Wochen machten hier bis zu 500 ausländische Fahrende Halt. Die mussten alle ihr Geschäft verrichten. Tag für Tag. Und wohin schissen sie? In den Wald, aufs Feld, auf den Salat.» Dann steigt Mürner wieder ins Auto. Zu Hause in Wileroltigen habe er Fotos, die den Dreck dokumentieren.

In seinem Haus holt Mürner eine Kartonkiste voller Fotos. Sie zeigen Menschen vor Wohnwagen. Einer laugt etwas ab, «die Lauge geht einfach so aufs Feld», sagt Mürner. Ein anderes Bild zeigt eine Waschmaschine. Das Abflusswasser versickert direkt in der Wiese. Dutzende weiterer Fotos zeigen Gemüsefelder, verschmutzt mit WC-Papier, Abfall und Fäkalien.

Die Berichte aus Wileroltigen machten Schlagzeilen. Trotz der schlechten Erfahrungen plante der Kanton Bern auf vom Bund zur Verfügung gestelltem Land einen grossen Halteplatz, exklusiv für ausländische Fahrende. 36-Wohnwagen-Gespannen soll das Gelände Platz bieten und damit bis zu 180 Menschen.

Wileroltigen aber will den Platz partout nicht. «Wir verstehen nicht, weshalb gerade einer Gemeinde mit 350 Einwohnern ein Platz mit 180 Fahrenden aufs Auge gedrückt wird», sagt Mürner. 2017 jedenfalls bildete sich in Wileroltigen ein Bürgerkomitee, Mürner wurde ihr Präsident. Auf einer Facebook-Seite liessen die Menschen aus der Region ihrem Frust Luft.

Zweiter Akt: Die Sache wächst

Am heftigsten sprang die bernische junge SVP aufs Thema an. Protest von rechts bedingt Gegenprotest von links, und so gerieten die braven Wileroltiger in einen Abwärtsstrudel aus Stimmungsmache, Hetze und Voten, bei welchen auch die Grenzen zum Rassismus überschritten wurden. «Wir mussten die Facebook-Seite vom Netz nehmen, das war nicht mehr auszuhalten», erinnert sich Mürner. Und es kam noch schlimmer.

Im Sommer 2017 planten Mürner und seine Mitstreiter eine Kundgebung in Wilerol­tigen. Sie erwarteten regen Besuch. «Wir bestellten 3000 Würste», erinnert sich Mürner. Vier Tage vor der geplanten Versammlung musste Mürner die Wurstbestellung stornieren. «Aus Sicherheitsgründen konnten wir die Versammlung nicht durchführen.» Die Polizei hatte Hinweise auf einen geplanten Aufmarsch von Rechts- und Linksextremen. «Ich will damit nichts zu tun haben», sagt Mürner. «Für die Gewährung der Sicherheit wollte die Polizei von der Gemeinde Wileroltigen 200 000 Franken.» Viel zu viel für das kleine Dorf. Die Versammlung fiel ins Wasser.

Dritter Akt: Allein gegen Bern

Armin Mürner steht in der Wandelhalle im Berner Rathaus. Die Politik trieb die Pläne für einen Transitplatz für Fahrende weiter. Gestern war er Thema im Grossen Rat. «Am meisten stört es uns, wie seitens Kanton und Bund mit einem kleinen Dorf umgegangen wird», sagt er. Dann sind es also gar nicht so die Fahrenden selbst? «Doch, auch», sagt Mürner, «bis vor zwei Jahren war das ein gutes Leben in Wiler­oltigen. Seit 2017 leider nicht mehr.» Noch mehr stört Mürner die Ungleichbehandlung von Ausländern und Schweizern. «Die ausländischen Fahrenden verunreinigen unsere Felder und kommen damit davon. Aber ein Kollege von mir suchte letzthin in der Stadt Bern vergeblich nach einem Pissoir, und so pinkelte er an eine Hausecke. Die Polizei büsste ihn mit 90 Franken.»

Das Parlament muss über einen Kredit von 3,3 Millionen Franken entscheiden. Es fallen Beteuerungen, es werde alles dafür getan, dass der Platz gemeinverträglich bleibe. Mürner glaubt kein Wort. davon. Nach einer zweistündigen Debatte winkt das Parlament den Kredit durch. Noch während Mürner und seine Mitstreiter das Rathaus und die ihnen nicht wohlgesinnte Politik verlassen, ergreift die Junge SVP das Referendum. Schliesslich ist Wahljahr, und die jungen Rechten haben bereits bewiesen, dass sie dem Thema viel Gewicht geben. Wegen Plakaten, die «Zigeuner» mit Fäkalien in Verbindung setzten, wurden sie Anfang Jahr wegen Rassendiskriminierung verurteilt. Mürner und seinen Mitstreitern ist das egal. Die jungen Rechten sind die letzte Hoffnung der Wileroltiger.

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