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«Heillos überfordert»: SBB geraten nach Hitzepannen unter Beschuss

Ehemaliger Verkehrsverbandschef und SP-Nationalrat Peter Vollmer kritisiert mangelhafte Information und Betreuung der gestrandeten Bahnkunden durch die SBB. Der Boss der Bundesbahnen, Andreas Meyer, entschuldigt sich.
Henry Habegger
Bahnhof Bern, Donnerstag Abend: Fast nichts geht mehr. (Bild: CHMedia)

Bahnhof Bern, Donnerstag Abend: Fast nichts geht mehr. (Bild: CHMedia)

Ein guter Teil der Schweiz war lahmgelegt. «Gestern waren leider mehrere 100'000 Kundinnen und Kunden von diversen Störungen betroffen», sagt ein Sprecher der Bundesbahnen auf Anfrage. «Die SBB entschuldigen sich bei den Betroffenen.»

Wegen der Hitze verbogen sich die Schienen gleich an mehreren Orten. Zwischen Bern und Bern Wankdorf etwa, hinzu kam eine Stellwerkstörung bei Hindelbank BE. Zu Gleisschäden kam es im Raum Genf. Auch im Luzernischen, zwischen Zell und Willisau, war der Bahnverkehr wegen einem Gleisschaden unterbrochen.

Schlagabtausch unter CVP-Nationalräten

Manche sahen darin kein Problem. So setzte der Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt locker vom heimischen Sofahocker einen Tweet ab, es sei ja alles halb so wild.

Der SBB-freundliche Tweet kam nicht überall gut an, selbst in den eigenen Reihen nicht. Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, eines der Opfer der SBB-Panne, twitterte postwendend zurück - aus dem SBB-Gepäckwagen, wo die Gesundheitspolitikerin gestrandet war.

Im Bahnhof Bern ging gestern Abend phasenweise gar nichts mehr. Einer, der dies am eigenen Leib zu spüren bekam, war Peter Vollmer, ehemaliger Berner SP-Nationalrat und Ex-Direktor des Verbandes öffentlicher Verkehr (VÖV).

Vollmer (73) wollte gestern mit dem Zug von Basel über Bern nach Interlaken. Auf der Suche nach einer funktionierenden Zugverbindung irrte er, wie Tausende andere Bahnkunden, gestern im Bahnhof umher. «Es war der plötzliche Gau. Die SBB haben keinen Blumentopf gewonnen mit ihrer Leistung», sagt Vollmer, ein grosser Freund des öffentlichen Verkehrs und der Bundesbahnen, gegenüber dieser Zeitung.

Ehemalige Nationalratspräsidentin betroffen

Opfer des SBB-Hitzschlags wurde auch Judith Stamm, ehemalige Präsidentin des Nationalrats, eine der grossen alten Damen der CVP. Sie nahm es locker und sagte irgendwann: «Wissen Sie was? Ich gehe jetzt einen Kaffee trinken.» Aber auch die alt Nationalrätin stellte fest, dass die Lautsprecherdurchsagen am Bahnhof kaum zu verstehen seien.

Ein SBB-Sprecher will das auf Anfrage nicht wahrhaben. «Die Lautsprecher im Bahnhof Bern funktionieren gut. Die SBB setzt bei Störungen auf verschiedene Kanäle, um ihre Kundinnen und Kunden zu informieren», sagt er.

SBB-Personal «total überfordert»

Peter Vollmer, ein Mann vom Fach, sieht das etwas anders. «Die SBB-Leute vor Ort waren total überfordert, sie taten einem fast leid. Sie schienen kaum Informationen zu haben, dabei sollte das bei den heutigen technischen Möglichkeiten doch nicht so schwierig sein», sagt Vollmer.

Was den langjährigen Direktor des VÖV erschreckt hat: «Anzeigen auf Tafeln im Bahnhof, Auskünfte von SBB-Mitarbeitern und Angaben im Internet stimmten nicht überein. Was ich gestern zum ersten Mal erlebt habe: In der Unterführung war etwas anderes angeschrieben als oben am Gleis.»

In der Bahnunterführung in Bern suchten unzählige Leute gestern fieberhaft nach Zugverbindungen, die noch funktionierten. Wegen der unterschiedlichen oder fehlenden Informationen kamen viele lange nicht vom Fleck. Sprach sich herum, dass ein Zug aus Bern abging, kam es zu einem Gedränge. Und zu seltsamen Szenen.

Intercity konnte nicht anfahren: Überladen

«Ich war gerade in einem Intercity, der konnte nicht anfahren, weil er überladen war», sagte ein Berner Staatsanwalt im Vorbeigehen. Er musste nach Burgdorf und versuchte sein Glück jetzt über Solothurn, wie er wild entschlossen angekündigte. Ob er zu Hause ankam, ist nicht überliefert.

Phasenweise war in der Berner Bahnhofunterführung keiner der so genannten «Kundenlenker» zu sehen. Einzig ein Vertreter der BLS erteilte Reisenden Auskunft. Denn SBB-Leuten sei es wohl zu heiss geworden, mutmasste der Mann.

Die SBB wehren sich gegen diesen Vorhalt. «Dies können wir nicht nachvollziehen», sagt ein Sprecher. «Gestern waren total neun SBB Mitarbeitende im Bahnhof Bern als Ansprechpersonen für die Reisenden im Einsatz; zu jedem Zeitpunkt waren es mindestens zwei. Die letzte Person stand bis um 1 Uhr nachts im Einsatz.»

Aber der ehemalige Direktor des Verbandes öffentlicher Verkehr, Peter Vollmer, übt scharfe Kritik an den SBB: «Die SBB müssen sich überlegen, wie sie in solchen Situationen mit den Kunden umgehen und wie sie sie weiterbefördern. Gestern waren sie heillos überfordert.»

Vollmer: Hitze als Ausrede reicht nicht

Und Vollmer legt noch einen Zacken zu: «Dass die für solche Fälle und solche Hitze nicht vorgesorgt haben und Wasser verteilen, ist unverständlich. Die Verantwortung einfach nur auf die Hitze abzuschieben, das geht nicht. Die SBB müssen sich schleunigst etwas einfallen lassen.»

Bei den Bundesbahnen klingt es etwas anders. «Die SBB tut mit ihren Mitarbeitenden alles Menschenmögliche, um die Auswirkungen der grossen Hitze auf ihre Kundinnen und Kunden so gering wie möglich zu halten», sagt der Sprecher.

Und versorgten die SBB die Gestrandeten nicht wenigstens mit Wasser? «Nach Möglichkeit machen wir dies», sagt der SBB-Sprecher. «Dies war gestern wegen der Tragweite der Störung leider nicht möglich. Im neuen Vertrag mit Valora für Bahnhofkioske ist zudem vorgesehen, dass unsere Bahnhofmieter Kaffee oder sonstige Getränke verteilen.»

Die SBB-Kunden, die stundenlang auf der Strecke blieben, gehen grossmehrheitlich leer aus. «Wir verteilen in solchen Fällen wenn möglich Gutscheine, die Reisende am Schalter oder im Speisewagen einlösen können. Dies war gestern wegen der Tragweite der Störung leider nicht möglich», sagt der Sprecher. «Reisende, deren letzte Verbindung abends nicht mehr ankommt, haben ein Anrecht auf eine Taxifahrt oder eine Hotelübernachtung.»

SBB-Chef Meyer entschuldigt sich

Auf die Frage nach Konsequenzen, die SBB-Chef Andreas Meyer für sich ziehe, sagt der Sprecher: «Andreas Meyer und die SBB bitten die betroffenen Kundinnen und Kunden um Entschuldigung.»

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