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Hausbesuch bei Viktor Orban: «Die Schweiz sollte nicht von ihrem Kurs abweichen»

Ungarns umstrittener Premierminister empfing in Budapest zwei Schweizer - er zeigte sich als Fussballfan und Unterstützer unseres Landes im Streit mit der EU.
Thomas Renggli, Budapest
Premier Viktor Orban auf dem Balkon seines Regierungssitzes hoch über der Donau - mit seinem Schweizer Gast, Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter. (Bild: nso.tv)

Premier Viktor Orban auf dem Balkon seines Regierungssitzes hoch über der Donau - mit seinem Schweizer Gast, Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter. (Bild: nso.tv)

Viktor Orban hat die Arme verschränkt. Zufrieden schaut er von der Terrasse seines Regierungssitzes auf dem Burgberg auf die Stadt hinab. Zu seinen Füssen liegt nicht nur das monumentale Parlamentsgebäude, sondern auch ein bläulich leuchtendes Oval, das wie ein verirrtes Ufo aus dem Häusermeer ragt: das Ferenc-Puskas-Fussball-Stadion.

«Von hier oben weiss man immer, wem man zu dienen hat», sagt Orban, 56, der in Westeuropa den Ruf eines Autokraten und Populisten hat und unter anderem zu Russland Präsident Vladimir Putin ein enges Verhältnis pflegt. Dass Orbans Fidesz-Partei kürzlich die Mehrheit und das Bürgermeisteramt in der Hauptstadt Budapest verloren hat, ist kein Thema. Orban spricht stattdessen über Fussball. Am Abend zuvor war er in Moskau und konnte den 1:0-Sieg von Ferencvaros Budapest gegen ZSKA auf der Tribüne bejubeln: «Ferencvaros ist der einzige Klub, der im ganzen Land seine Fans hat», erklärt Orban die politische Legitimation seines Abstechers mit einer Maschine der Staatsarmee.

Orban mag Sepp Blatter:« Haben ihm viel zu verdanken»

Die Fussballbegeisterung ist ein wichtiger Teil seiner Agenda. Man sagt, Orban sehe sich täglich bis zu sechs Spiele an. Seine erste Auslandreise als Premierminister führte ihn 1998 an den Final der Fussball-WM in Paris zwischen Frankreich und Brasilien. Seither soll er weder einen Champions-League- noch einen WM-Final verpasst haben. Doch über allem steht immer die ungarische Sache. «Die Auswärtsspiele unserer Nationalmannschaft gehören zu meinen wichtigsten Terminen», sagt er.

Ein Mittagessen im kleinen Kreis mit dem Premier an dessen Regierungssitz: Es kommt wegen des ungarischen Sportjournalistenverbandes zustande. Es ist eine Organisation mit politischer Macht. Verbandspräsident György Szöllösi ist Chefredaktor der Sportzeitung «Nemzeti Sport», ein Intimus von Orban. Und er schätzt Sepp Blatter, den früheren Fifa-Präsidenten. Darum hat er ihn eingeladen, zusammen mit dem Schreibenden, der als Journalist Blatters Biografie verfasst hat.

Zwei umstrittene autoritäre Staatschefs: Viktor Orban (rechts) traf sich vergangene Woche mit Russlands Staatspräsident Vladimir Putin. (Bild: EPA/Alexei Nikolsky)

Zwei umstrittene autoritäre Staatschefs: Viktor Orban (rechts) traf sich vergangene Woche mit Russlands Staatspräsident Vladimir Putin. (Bild: EPA/Alexei Nikolsky)

Blatter ist nicht mehr viel gereist, aber in Orban hat er einen Verbündeten: «Er hat dem ungarischen Fussball immer grössten Respekt entgegengebracht. Wir wissen, was wir ihm zu verdanken haben», sagt Orban und hebt das Glas Schaumwein zum Toast: «Egészségedre!»

Krawatten ablegen, bitte! Der Premier mags leger

Der Staatsmann trägt blaues Jackett, weisses Hemd und dunkle Jeans. Ebenfalls am Tisch: Istvan Nagy, der ungarische Botschafter für die Schweiz und Lichtenstein. Die Gäste hatten sich Krawatten umgebunden, doch Szöllösi bat um Tenü-Erleichterungt: «Der Premierminister bevorzugt ein lockeres Ambiente.»

Orban lehnt ein offizielles Interview ab, geht im Gespräch am weiss gedeckten Tisch aber zu ungarischem Wein auf jede Frage ein – am ausführlichsten, wenns um Sport geht. Die Renovation von 39 Stadien für rund eine Milliarde Euro im ganzen Land sei in den vergangenen Jahren umgesetzt worden. Auch ein Schwimm- und Wasserballstadion für 15‘000 Zuschauer wurde gebaut. «Wir hätten alle Anlagen, um Olympische Sommerspiele durchzuführen», sagt Orban. Der Premierminister strebte die Kandidatur für die Spiele 2024 an. Doch das Volk machte nicht mit. Darum wurde die Kandidatur zurückgezogen.

Besonderes Verhältnis zur Schweiz

Auch für die Fussballprojekte erntet der Premierminister nicht nur Applaus. Seinen Lieblingssport unterstützt Orban mit 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts, das Bildungswesen dagegen nur mit 4,6 Prozent. Dass er Firmen massive Steuersenkungen gewährt, wenn sie in Sportprojekte investieren, wird von seinen Gegnern als Korruption und Vetternwirtschaft interpretiert. In Orbans Heimatdorf Felcsut mit 1700 Einwohnern wurde für den lokalen Zweitligisten ein Stadion mit 3500 Plätzen aus dem Boden gestampft, das allen Fifa-Standards entspricht.

Orbans Aktivismus gründet auf einer gloriosen Fussball-Historie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich in Ungarn eine der ersten grossen Fussballkulturen auf dem europäischen Festland. Höhepunkt war 1954 der sensationelle Einzug in den WM-Final in Bern, der mit einer 2:3-Niederlage gegen Deutschland endete.

Der Premierminister schaut auf die Uhr. Er könnte noch lange über Fussball sprechen. Welches Verhältnis aber hat er zur (politischen) Schweiz? Orban weist auch hier auf die Geschichte hin. Die Schweiz und Ungarn verbinde eine historische Freundschaft. Nach dem Einmarsch der Sowjettruppen und dem Volksaufstand in Ungarn 1956 flüchteten rund 200‘000 Ungarn in andere europäische Länder – 13'000 davon in die Schweiz. Durch unser Land brandete damals eine grosse Welle der Solidarität und der Hilfsbereitschaft. Kaum je vorher und nachher wurden Flüchtlinge freundlicher willkommen geheissen und schneller integriert. Viktor Orban - der selber eine sehr restriktive Einwanderungspolitik verfolgt und 2015 die Schliessung der Balkan-Route durchsetzte - sagt dazu:

«Wir werden nie vergessen, dass uns die Schweiz in diesen schweren Stunden so offen und freundlich empfangen hat.»

In den Verhandlungen um ein Rahmenabkommen mit der Europäischen Union sieht Orban für die Schweiz keinen Grund zur Sorge: «Die Schweiz befindet sich in einer privilegierten Situation und sollte nicht von ihrem Kurs abweichen.» Zur EU sagt er: «Die Hunde bellen, und irgendwann zieht die Karawane weiter.» Dass er sich mit dem EU-Apparat oft schwer tut, ist ein offenes Geheimnis. Gelegentlich komme es ihm vor, dass in Brüssel «nicht über das Leben, sondern über konstruierte Probleme diskutiert wird». Die Schweiz bezeichnet er auch in dieser Beziehung als positives Beispiel: «Was braucht es, um glücklich zu sein? Gesundheit, Familie und einen Job. Diese Werte werden in der Schweiz hochgehalten.»

Die Zeit wird knapp. Bald schon wartet der nächste Termin. Vorher zeigt der Premierminister den Gästen aus der Schweiz aber noch den Kabinettraum am Regierungssitz. Erstaunlich dabei ist die Sitzordnung. Orbans Platz liegt nicht an der Stirnseite des Konferenztisches, sondern mitten unter seinen Ministern: «Ich will einer von allen sein – und die Ideen meiner Mitarbeiter auf der gleichen Augenhöhe erfahren», sagt er dazu. Von seinem Sessel schaut Orban auf ein grosses Ölgemälde des ersten Premierministers in der ungarischen Geschichte – Lajos Batthyany: «Dieser Anblick mahnt mich jeden Tag zu Demut und Respekt.»

Die Historie muss ihm eine Warnung sein: Batthyany wurde in den Wirren der ungarischen Unabhängigkeitsbestrebungen von der Wiener Machtzentrale als Rebell gebrandmarkt und 1849 hingerichtet.

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