Hartnäckig, aber pragmatisch

Simonetta Sommaruga hat gute Chancen, Nachfolgerin von Bundesrat Moritz Leuenberger zu werden. Insbesondere bei ihren bürgerlichen Kollegen im Ständerat kommt sie gut an.

Jürg Ackermann
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SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

bern. Im Saal des Hotels Bern gab es keine Sitzplätze mehr. Das Interesse der Journalisten war gross. Mit Simonetta Sommaruga gab schliesslich die Kronfavoritin der SP ihre Kandidatur bekannt. Am Abend zuvor war die 50jährige Berner Ständerätin vom Vorstand ihrer Kantonalpartei einstimmig zur Kandidatin erkoren worden. Dann ging sie nach Hause und spielte eine Stunde lang Klavier, um die Gedanken zu sammeln vor den wohl sechs wichtigsten Wochen ihrer politischen Karriere. Die Pianistin und SP-Ständerätin aus Köniz will sich am 22.

September in den Bundesrat wählen lassen und bald schon in der Landesregierung den Ton angeben.

Bin ich diesem Amt gewachsen? Werde ich genügend Zeit für Familie und Freunde haben? Kann ich mein Engagement für eine weltoffene und solidarische Schweiz im Bundesrat umsetzen? Sie habe sich in den letzten Wochen viele Fragen gestellt, sagte Sommaruga.

Nach reiflicher Überlegung sei für sie jedoch klar gewesen, dass sie kandidieren wolle – zur Freude ihrer Kantonalpartei. «Eine Bundesrätin Sommaruga würde der Schweiz sehr guttun», sagte Irène Marti Anliker, die Präsidentin der Berner SP.

Drall zur Mitte

Der Auftritt von Sommaruga barg keine Überraschungen. Sie gab sich so, wie man sie aus dem Bundeshaus kennt: Ruhig, überlegt, äusserst dossiersicher. Sie ist keine Person, die spaltet, poltert oder polarisiert.

Der Ton macht die Musik, lautet ihr Motto. Aber wenn sie etwas erreichen will, bekommen ihre politischen Gegner ihre Hartnäckigkeit zu spüren.

Sommaruga ist grundsätzlich für einen EU-Beitritt (siehe «befragt»), sie fordert den Agrarfreihandel mit der EU, und sie tritt dezidiert für eine Regulierung der Banken ein. «Es ist Zeit, dass wir endlich die Lehren aus der Finanzkrise ziehen», sagt Sommaruga.

Die gemässigte Ständerätin hat aber auch – entgegen der Parteimeinung – beispielsweise die Strommarktliberalisierung befürwortet. Ihrem Drall zur Mitte verdankt sie nun, dass sie allenthalben als Favoritin für die Leuenberger-Nachfolge gehandelt wird.

Seriös, fleissig, kompetent

Insbesondere bei ihren bürgerlichen Ratskollegen im Ständerat ist sie beliebt. Der Innerrhoder Vertreter Ivo Bischofberger (CVP) schildert sie als «seriös, fleissig und kompetent».

Ständerat Hermann Bürgi (SVP/TG) sagt, Sommaruga sei eine Politikerin «mit Leib und Seele», die nicht nur fachlich mit ihrem breiten politischen Horizont überzeuge, sondern auch durch ihre Persönlichkeit. «Sie bringt zweifelsohne die Voraussetzungen für das Bundesratsamt mit.»

Gleicher Meinung ist der Solothurner Freisinnige Rolf Büttiker. Für ihn ist klar: «Sommaruga ist eine valable Kandidatin. Ich traue ihr das Amt zu.

» Sie könne auch von Maximalforderungen abrücken, suche den Kompromiss und sei stark im Verhandeln. Bei den vergangenen Bundesratswahlen sei zu wenig auf die Kollegialverträglichkeit geachtet worden, sagt Büttiker. «Sommaruga dagegen ist eher Brückenbauerin als Sprengmeisterin.»

Kritik aus der SP

Dass Sommaruga für eine etwas härtere Ausländerpolitik plädiert oder Abstriche bei den Sozialwerken in Kauf nimmt, kommt im Ständerat zwar gut an, trägt ihr aber zum Teil massive Kritik aus der eigenen Partei ein.

Zweifel werden zuweilen auch laut, weil die ehemalige Lokalpolitikerin weder über eine grosse Exekutiv- noch eine besonders breite Führungserfahrung verfügt. Wirtschaftsvertretern dürfte ihr Engagement für die Konsumentinnen und Konsumenten ein Dorn im Auge sein. Dass sie das Rüstzeug zur Bundesrätin hat, wird aber auch von ihren Kritikern nicht grundsätzlich bestritten.

1999 wurde Sommaruga in den Nationalrat gewählt, 2003 schaffte sie mit einem Glanzresultat den Sprung ins Stöckli. Bis 2005 war sie auch Gemeinderätin in der Berner Vorortsgemeinde Köniz.

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