Interview

«Habe richtig Angst»: Tessiner Arzt berichtet von der Situation vor Ort

1211 Infizierte und 53 Verstorbene: Das Tessin ist aktuell am stärksten vom Coronavirus betroffen. Der Hausarzt Hans Leimgruber testet Patienten im Tessin auf das Virus und berichtet von desolaten Zuständen. Er fordert mehr Informationen vom Bund – und das Tragen von Schutzmasken.

Helene Obrist/watson.ch
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Soldaten der Schweizer Armee beim Transport eines Patienten mit Covid-19 am Eingang der Notaufnahme im Kantonsspital «La Carita» in Locarno. Das Tessin verzeichnet bereits 1211 Infizierte.

Soldaten der Schweizer Armee beim Transport eines Patienten mit Covid-19 am Eingang der Notaufnahme im Kantonsspital «La Carita» in Locarno. Das Tessin verzeichnet bereits 1211 Infizierte.

Keystone

Herr Leimgruber, Sie sind Hausarzt im Kanton Tessin. Wie ist die Situation aktuell?

Hans Leimgruber: Die ganze Lage ist eine Katastrophe. Ich bin seit 42 Jahren Arzt und das ist das erste Mal, dass ich richtig Angst habe. Ich habe mich einmal vor vielen Jahren mit einer Nadel, mit der ich eine HIV-Patientin behandelt habe, in den Finger gestochen. Doch das war nichts im Vergleich zu jetzt.

Fürchten Sie sich vor einer Ansteckung?

Das tue ich. Wir testen Patienten auf das Coronavirus. Es gibt aktuell sehr viele Unsicherheitsfaktoren, die mit den Tests verbunden sind. Wir testen nicht bei uns in der Praxis, sondern bei den Menschen zu Hause.

Dr. Hans Leimgruber ist Arzt der Allgemeinen Inneren Medizin in der Tessiner Gemeinde Canobbio. Der 67-Jährige ist seit 42 Jahren als Hausarzt tätig.

Dr. Hans Leimgruber ist Arzt der Allgemeinen Inneren Medizin in der Tessiner Gemeinde Canobbio. Der 67-Jährige ist seit 42 Jahren als Hausarzt tätig.

zvg

Wie laufen diese Tests genau ab?

Ich gebe den Patienten genaue Anweisungen und lege ihnen einen Mundschutz vor die Haustüre. Haben sie die Schutzmaske gefasst, ziehe ich mir einen Papier-Schutzanzug an, drei paar Schutzhandschuhe übereinander und betrete die Wohnung. Medizinische Schutzbrillen für die Augen haben wir aktuell nicht – ich trage eine Schweisserbrille. Dennoch bleibt das Risiko einer Ansteckung extrem hoch. Kommt hinzu, dass ich mit meinen 67 Jahren selbst zur Risikogruppe gehöre.

Wann haben Sie vom Ausbruch des Virus erfahren?

Bereits im Januar habe ich die Ausbreitung von COVID-19 in Wuhan sehr aufmerksam mitverfolgt. Ich habe früh vorgegriffen und in meiner Praxis Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Patienten mit Symptomen wie Husten oder Halsweh wurden angehalten, nicht die Praxis zu betreten, sondern uns anzurufen. Wir haben alles regelmässig desinfiziert und gereinigt. Dann habe ich systematisch alle meine Patienten in der Risikogruppe angerufen und sie vor den Risiken des Virus gewarnt und sie angehalten, zu Hause zu bleiben. 99 Prozent haben den Ernst der Lage schon relativ früh verstanden.

Seither ist viel passiert: Der Bundesrat hat die ausserordentliche Lage ausgerufen und rigorose Schutzmassnahmen und Einschränkungen getroffen. Wie beurteilen Sie diese Massnahmen?

In meinen Augen war das primär eine Pflästerli-Politik. Bei jeder neuen Massnahme musste man einige Tage warten, um zu schauen, ob sie überhaupt funktioniert. Das ist natürlich auch ein demokratisches Problem. Die Prozesse sind langsamer und wir haben ein anderes Verständnis von individueller Freiheit.

Das Tessin ist mit insgesamt 1211 Infizierten und 53 Verstorbenen (Stand 24. März, Anmerkung d. Redaktion) einer der am stärksten betroffenen Kantone. Kamen die Massnahmen des Bundes zu spät?

Ich denke schon, ja. Das Problem ist auch, dass das Tessin immer wieder vom Bund zurückgepfiffen wird. Das war bei den Schulschliessungen der Fall und nun auch bei der Schliessung der Baustellen. Fakt ist einfach, dass die Situation im Tessin mit der in der Lombardei zu vergleichen ist. Es handelt sich um genau die gleiche Gefährdungslage. Dass die Baustellen nun doch nicht geschlossen werden, wir weiterhin die Grenzgänger aus Industrie und Gewerbe tolerieren, ist einfach der Hammer. Es fühlt sich an, als würde das Tessin den Säuen zum Frass vorgeworfen. Man kann nicht von einem Büro in Bern aus solche Entscheidungen fällen.

Die Tessiner Regierung beschloss die Schliessung der Baustellen – wurde dann aber vom Bund zurückgepfiffen.

Die Tessiner Regierung beschloss die Schliessung der Baustellen – wurde dann aber vom Bund zurückgepfiffen.

ti-press

Was sind ihre konkreten Forderungen? Braucht es eine Ausgangssperre?

Für eine Ausgangssperre ist es bereits zu spät. Ich glaube nicht, dass das noch viel bringen würde. Aber nicht lebensnotwendige Betriebe sollten geschlossen werden. Wir brauchen transparente Informationen. Ich habe das Gefühl, die Behörden lassen uns im Dunkeln tappen. In Italien wird jeden Tag um 18 Uhr über die aktuellen Fallzahlen informiert. Auch wir brauchen eine solch systematische Information. Italien ist wie die Schweiz ein föderalistisch aufgebauter Staat und die schaffen es, die Zahlen zusammenzutragen und adäquat zu informieren.

Daniel Koch vom BAG wies an einer Pressekonferenz darauf hin, dass die Gesamtbevölkerung keine Schutzmasken tragen soll. Stimmen Sie dem zu?

Meiner Meinung nach würden auch die kleinsten Schutzvorkehrungen helfen, die Übertragung des Virus zu stoppen. Der Bund rät davon ab, Schutzmasken zu tragen, weil wir aktuell viel zu wenig davon haben – es herrscht ein Mangel. In Singapur, Taiwan, China, Hongkong oder gar Tschechien, dort, wo es entweder Pflicht ist oder zur Kultur gehört, Schutzmasken zu tragen, hat man die Ausbreitung des Virus soweit ich informiert bin wieder im Griff. Auch müsste es meiner Meinung nach obligatorisch sein, beim Einkaufen Schutzhandschuhe zu tragen. Es gibt Studien, die zeigen, dass das Virus beispielsweise auf Plastik bis zu 72 Stunden überleben kann. Auch so kann man sich anstecken. Es sind viele kleine Faktoren, die uns davor schützen können, dass sich das Virus weiterverbreitet.

Wie hoch ist ihre aktuelle Arbeitsbelastung?

Neben den Coronatests, die sehr belastend sind, sind es Unmengen an Telefonanrufen, die mich erreichen. Ich mache sehr viele Beratungen am Telefon oder über FaceTime. Wird jemand positiv getestet, muss ich ihnen die Anweisungen für eine Quarantäne des Bundes schicken. Es gibt viele Patienten im Graubereich, die nur leichte Symptome haben und das Risiko gross ist, dass sie Familienmitglieder oder Freunde infizieren. Hier ist auch die Solidarität des Einzelnen gefragt. Diese Personen dürfen nun auf keinen Fall weitere Menschen anstecken.

Können Sie sich vorstellen, dass die Belastung zu hoch wird? Sie gehören zur Risikogruppe und testen trotzdem weiter?

Ja. Ich werde das sinkende Schiff sicherlich nicht verlassen. Aufzuhören fände ich feige. Ich fühle mich meinen Patienten gegenüber verpflichtet.

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