Gewerkschaftsbund: Gysi steigt
ins Rennen

Die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi möchte Präsidentin des Gewerkschaftsbundes werden. Doch ihre Herkunft könnte ein Hindernis sein.

Michel Burtscher
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Barbara Gysi, Vizepräsidentin und Nationalrätin der SP, spricht an einer Medienkonferenz zum Fünf-Punkte-Plan gegen Gewalt an Frauen. (Bild: Peter Schneider/Keystone; Bern, 17. August 2018)

Barbara Gysi, Vizepräsidentin und Nationalrätin der SP, spricht an einer Medienkonferenz zum Fünf-Punkte-Plan gegen Gewalt an Frauen. (Bild: Peter Schneider/Keystone; Bern, 17. August 2018)

Barbara Gysi will es wissen. Die St. Galler SP-Nationalrätin kandidiert als Präsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) – und möchte damit Nachfolgerin von SP-Urgestein Paul Rechsteiner werden, der das Amt nach 20 Jahren abgibt. Einen entsprechenden Bericht des «Tages-Anzeigers» bestätigt sie auf Anfrage. In den letzten Wochen hat sie diverse Gespräche geführt mit Vertretern verschiedener Gewerkschaften, vor allem auch mit Frauen in diversen Verbänden. Die 54-jährige Politikerin wollte herausfinden, ob sie auf deren Unterstützung zählen könnte.

Gysi ist zum Schluss gekommen, dass sie kann – und sagt: «Es ist Zeit für eine Frau an der Spitze des Gewerkschaftsbundes.» Themen wie unfaire Frauenlöhne oder die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie habe der SGB bisher zu wenig Beachtung geschenkt, findet Gysi. «Da wünsche ich mir ein stärkeres Engagement», sagt sie – und übt damit leise Kritik an Rechsteiner. Keinen Unterschied zwischen ihr und ihm gibt es hingegen beim Streit um die flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit. «Es gibt nichts zu verhandeln», betont sie. Und unterstützt damit das Gesprächsboykott der Gewerkschaften beim Thema Lohnschutz.

Paul Rechsteiners grosse Fussstapfen

Gysi würde zweifelsohne in grosse Fussstapfen treten, wenn sie zur Nachfolgerin Rechsteiners gewählt würde. Dem ist sie sich bewusst. Sie habe Respekt vor der Aufgabe, sagt die Politikerin. Gleichzeitig betont sie: «Ich masse mir nicht an, mich mit Paul Rechsteiner zu vergleichen.» Dabei wäre es nicht das erste Mal, dass Gysi ein Amt von ihm erben würde. Als Rechsteiner im Jahr 2011 überraschend in den Ständerat gewählt wurde, übernahm die damalige Wiler Stadt­rätin seinen Platz im Nationalrat. Dort sitzt sie heute in der wichtigen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit, zudem ist sie Vizepräsidentin der SP Schweiz. Dieses Amt würde sie nach einer allfälligen Wahl zur SGB-Präsidentin jedoch abgeben. «Beides geht nicht», sagt Gysi. Ihr gewerkschaftliches Engagement geht zurück auf das Jahr 1989, als sie während ihrer Ausbildung zur Sozialpädagogin in Zürich der Gewerkschaft im Service public (VPOD) beitrat. Seit 2012 amtet sie als Präsidentin des St. Galler Gewerkschaftsbunds, seit 2016 ist sie zudem Präsidentin des Personalverbandes des Bundes.

Gewerkschaftliche Erfahrung hat Gysi also, vernetzt ist sie auch. Als Stolperstein auf ihrem Weg zur SGB-Spitze könnte sich jedoch ihre Herkunft erweisen. «Es ist sicher kein Vorteil, dass ich aus dem gleichen Kanton wie Paul Rechsteiner komme», sagt Gysi. «Doch ich persönlich gewichte die Frauenfrage höher.» Neben ihr haben bisher auch der Waadtländer SP-Regierungsrat Pierre-Yves Maillard, der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard und die Tessiner SP-Nationalrätin Marina Carobbio Interesse am Amt angemeldet. Der Zentralvorstand der Gewerkschaft Unia nominierte nach Anhörungen mit Gysi und Maillard gestern den Waadtländer für das SGB-Präsidium. Wer am Ende das Rennen machen wird, entscheidet sich am SGB-Kongress, der am 30. November und 1. Dezember stattfindet.