Guisans Wille zum Widerstand

Seit General Henri Guisans sogenanntem Rütlirapport von Ende Juli 1940 sind 75 Jahre vergangen. Guisans Aufruf zum Widerstand ist im kollektiven Gedächtnis des Landes tief verankert – bis heute.

Kari Kälin
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Am 29. Juli druckten die Schweizer Zeitungen eine Mitteilung des Armeestabs ab, in dem dieser den helvetischen Kampfgeist beschwörte. General Henri Guisan, hiess es da, habe einen «Wachbefehl» ausgegeben: «Widerstandswille gegen jeden Angriff von aussen und gegen Gefahren im Innern wie Erschlaffung, Defaitismus; Zutrauen in den Wert dieses Widerstandes.»

Im kollektiven Gedächtnis verankert

Die Mitteilung fusste auf dem Rütlirapport vom 25. Juli 1940. Mit einer kurzen und frei gesprochenen Rede stieg Guisan zur Symbolfigur des schweizerischen Widerstandes auf. Bewusst hatte er das Rütli als Symbol helvetischer Unabhängigkeit als Schauplatz des Rapports gewählt.

Die Armee habe auf ihrem Posten zu stehen, solange bedeutende Kräfte jederzeit gegen die Schweiz zum Angriff schreiten könnten, betonte Guisan auf der Rütliwiese. Erstmals erklärte er die Réduit-Idée, den Rückzug der Armee ins Gebirge. Mit dieser Strategie sollten die Alpenübergänge verteidigt, zur Not zerstört werden, bevor sie intakt an den Feind fielen.

Wende der inneren Haltung

Biograph Willi Gautschi erblickt in der Veranstaltung des Generals nichts weniger als ein «Rütliwunder» und schlussfolgert: «Der Rapport des Generals führte zu einer grundlegenden Wende der inneren Haltung des Grossteils der Armee und des Volkes: An die Stelle von Verzagtheit und Resignation trat die ruhige bis fanatische Entschlossenheit – komme, was wolle.»

Verzagtheit und Resignation? Um diese deprimierende Stimmungslage zu verstehen, muss man sich die geopolitische Lage im Sommer 1940 vergegenwärtigen. Hitler liess Angriffspläne gegen unser Land ausarbeiten. Die Schweizer Armee hatte den Diktator verärgert, weil sie auf Schweizer Gebiet elf deutsche Kampfflugzeuge abgeschossen hatte. Die Deutschen hatten soeben Frankreich überrollt, die Schweiz war nun von den Achsenmächten eingekreist, was Bevölkerung und Behörden schockte. Konnte in dieser Situation vielleicht der Bundesrat Mut machen?

Am 25. Juni 1940, drei Tage nachdem Frankreich und Deutschland einen Waffenstillstand unterzeichnet hatten, passierte genau das Gegenteil: Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz (1889–1958) wandte sich via Radio ans Volk. Pilet-Golaz befeuerte die allgemeine Verunsicherung, weil man seine schwammige, vor Allgemeinplätzen strotzende Rede als anpasserisch deuten konnte. Auch die einzig konkrete Ansage nährte Zweifel am Widerstandswillen: Pilet-Golaz kündigte eine stufenweise Demobilmachung an. «Das wirkte wie eine Kapitulation», schreibt Historiker und Guisan-Biograph Markus Somm. Pilet-Golaz rutschte, wie es im Bundesratslexikon von Historiker Urs Altermatt heisst, in die «Rolle einer zweifelhaften Figur». 1944 trat er quasi als eidgenössischer Buhmann zurück, während General Guisan die Herzen der Schweizer zuflogen.

Klare Worte des Generals

Anders als Pilet-Golaz einen Monat zuvor, fand Guisan an jenem 25. Juli 1940 jene klaren Worte, die sich das Volk wünschte. Widerstand anstatt Anpassung lautete nun die Losung. In der 1.-August-Radioansprache doppelte der General nach und beschwor «die unvergleichlichen Widerstandsmöglichkeiten» der hiesigen Berge. Guisan war ein «Star», wie Markus Somm festhält. Zu seiner Beerdigung erschienen 1960 eine Viertelmillion Menschen, sein Porträt hing bis in die Siebzigerjahre an unzähligen Schweizer Wänden. Anders als die meisten Zeitgenossen schreiben Historiker einer neuen Generation Guisan und der Armee längst nicht mehr die überragende Bedeutung als Schweiz-Retter zu. Dafür gibt es Gründe. Guisan ging mit dem Bundesrat einig, im Sommer 1940 rund zwei Drittel der zuvor 450 000 mobilisierten Soldaten heimzuschicken – dies ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt war. Die Réduit-Taktik brauchte eben weniger personelle Ressourcen. Somit stieg das Arbeitskräftepotenzial auf einen Schlag markant an. Die Mehrheit der Bevölkerung vertraute zwar auf die abschreckende Wirkung des Réduits. Gleichzeitig bedeutete der Rückzug ins Gebirge aber die «Preisgabe von rund vier Fünfteln der schweizerischen Bevölkerung, der Industrie und des Volksgutes», wie Historiker Hans-Rudolf Kurz schreibt.

Arbeitskräfte für die Deutschen?

Bei Journalisten und Historikern machte sich Jahrzehnte nach Kriegsende eine neue These breit: Die Schweiz zog sich ins Réduit zurück, um genügend Arbeitskräfte zu haben, die für Deutschland Waffen fabrizierten. Hitler, hiess es nun, verschonte die Schweiz, weil sie ihm Kriegsmaterial lieferte und als Finanzdrehscheibe diente. So sagte etwa Historiker Jakob Tanner, Mitglied der Bergier-Kommission, 1997 in einer Fernsehsendung: «Es war dann der gute Einfall von General Guisan, das Konzept des Réduits mit der Idee des Widerstands zu verbinden, und zu sagen, wir ziehen uns zwar zurück in die Alpenfestung, aber gleichzeitig leisten wir Widerstand. Wenn ich das nun analysiere als Wirtschaftshistoriker, sehe ich, dass dieser Rückzug ins Réduit überhaupt erst die Ressourcen freigesetzt hat für diese sehr enge Zusammenarbeit mit Deutschland.»

Freie Rede statt Manuskript

Dass Guisan für Zeitgenossen ein Held war, hatte er auch seiner Intuition zu verdanken: Er hielt sich auf dem Rütli nicht ans 26seitige Manuskript, das 1985 ein Bundesarchivar entdeckte. Der Text, verfasst von Guisans Mitarbeiterstab, enthielt Passagen, die an Pilet-Golaz' missratene Radioansprache erinnern. Guisan behielt die Worte vor 75 Jahren für sich und konzentrierte sich stattdessen auf die militärischen Aspekte.