Gstürm ums Gipfeli: Vermehrt billige Aufbackware aus dem Ausland – Kundschaft ist oft ahnungslos

In der Schweiz werden zunehmend im Ausland hergestellte Gipfeli verkauft. Die Geschäfte nutzen eine Deklarationslücke. Politiker und Bäcker suchen nun geeignete Massnahmen dagegen.

Anna Miller
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Brot ist in aller Munde, sogar im Mund von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Bei ihrer Neujahrsansprache in einer Bäckerei sprach sie vor der Kulisse aufgereihter Brotlaibe vom guten Duft und vom Schweizer Mehl und davon, wie wichtig gutes Brot für uns alle ist. Sie weiss: Brot hat Symbolgehalt. Brot essen wir alle, das mögen wir, das ist noch Schweizer Qualität, da weiss man, was man hat.

Doch so sehr die Schweizerinnen und Schweizer gerne auf die Herkunft ihrer Lebensmittel achten: Für Waren im Offenverkauf besteht keine schriftliche Deklarationspflicht. Ob es sich beim Bäcker um Schweizer Brot, oder um ein Gipfeli aus Polen handelt, um Sandwich-Schinken aus Tschechien, Pouletfleisch aus Brasilien oder Salat aus Deutschland, muss nur auf Nachfrage angegeben werden. Das ist umso pikanter, wenn man bedenkt, dass wir mittlerweile 50 Prozent unserer Mahlzeiten ausser Haus essen.

Sie werden zum Politikum: Politiker aller Lager kämpfen für Schweizer Brot und Gipfeli.

Sie werden zum Politikum: Politiker aller Lager kämpfen für Schweizer Brot und Gipfeli.

Bild: Shutterstock

Importe sind stark gestiegen

Von dieser Deklarationslücke profitieren Anbieter aus dem Ausland: Vor 30 Jahren wurden noch 19'000 Tonnen Backwaren importiert, 2018 waren es 122'000 Tonnen – über zehn Mal mehr. Das liegt unter anderem an den Detailhändlern. Während Migros, Coop und Denner ihre Brote in der Schweiz herstellen lassen, beträgt der Anteil an Broten aus dem Ausland bei Aldi und Lidl je 40 Prozent. Die Teiglinge stammen aus Ländern wie Österreich oder Polen, werden billig produziert und per Container fertig geformt und gefroren über die Grenze transportiert. Ausländische Rohstoffe wie Mehl finden sich indes auch in Schweizer Broten von Migros und Co.

Für das Brot extra noch zum Bäcker? Das geschieht immer seltener – schweizweit schliessen jedes Jahr 40 Bäckereibetriebe, zuletzt ist die Zahl auf 1436 gesunken. Und selbst bei Bäckereien sei nicht auszuschliessen, dass ausländische Teigrohlinge oder ausländische Rohstoffe zur Anwendung kommen, sagt Stephan Scheuner, Geschäftsführer des Vereins Schweizer Brot. Er könne jedoch weder verneinen noch bestätigen, dass auch Schweizer Bäckereien ausländische Ware im Sortiment haben. «Man kennt die Importmengen der einzelnen Zollpositionen – aber um welche Produkte es sich genau handelt und wohin diese geliefert respektive wo diese verkauft werden, dazu haben wir keine Angaben.»

Politiker kämpfen um Schweizer Brot

Die Problematik von sterbenden Bäckereien und vermehrter ausländischer Billigware ruft die Politik auf den Plan: Vier Motionen von Parlamentariern aus SP, SVP, FDP und CVP sind im Parlament hängig, die sich direkt dem Schweizer Brot widmen. Alle vier wurden innert 48 Stunden eingereicht. Das Thema wird parteiübergreifend unterstützt. Die vier Motionen fordern alle eine Deklarationspflicht für Brot und Backwaren. Uneinig ist man sich nur darin, wie weit die Herkunftsangaben gehen sollen. Die Motion von CVP-Ständerat Peter Hegglin verlangt neben der Deklaration des Verarbeitungsorts auch eine Herkunftsdeklaration der Rohstoffe.

Ausgerechnet die Bäcker aber lehnen sämtliche Vorstösse ab. Sie befürchten, dass der Konsument nur verwirrt würde ob der vielen Deklarationen und Labels. «Ausserdem würde das gerade für kleine Betriebe einen zusätzlichen riesigen bürokratischen Aufwand bedeuten, der kaum zu bewältigen wäre», sagt Urs Wellauer, Direktor des Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verbands. Man gehe sowieso davon aus, dass die rund 1400 Verbandsbetriebe inländische Rohstoffe für die Brotproduktion verarbeiten – «die Regelung wäre insofern überflüssig», sagt Wellauer.

Bäcker wollen eigene Massnahme umsetzen

Er macht klar, was viele denken: «Die Bäckereien-Confiserien in der Schweiz können überleben. Dafür gibt es zahlreiche gute Beispiele. Aber sie müssen unter anderem ihre Regionalität und Qualität aktiv kommunizieren.»

Auch deshalb hat sich die Branche nun mit einem Schreiben an den Ständerat gewendet  – und schlägt vor, die Motion Hegglin in abgeänderter Form umzusetzen. Neu wollen die Verbände die Angabe des Herstellungsortes - eine sogenannte Produktionslandsangabe – einführen. Ausserdem wollen sie eine «gemeinsame Marke für Schweizer Brot schaffen», um auch die Herkunft des Getreides sichtbar zu machen. Diese «private Massnahme» sei komplementär zur parlamentarischen Debatte, heisst es im Schreiben.

Ständerat Peter Hegglin begrüsst die Entwicklung. «Eine Branchenlösung ist besser, als wenn die Politik Lösungen erarbeitet, die in der Praxis dann Probleme bereitet», sagt er auf Anfrage. Er gibt zu, dass seine Motion «ein bisschen zu weit» ging. Wichtig sei jedoch, betont Hegglin, dass man das Thema nun politisch angehe. Auch, weil die Produktionsbedingungen und Rohstoffe aus dem Ausland sich teils nicht mit den geltenden Tierschutz- und Arbeitsbestimmungen der Schweiz vereinbaren liessen.

Fragt man die Schweizerinnen und Schweizer, wie denn ihre Beziehung zum brauen Laib so aussieht, antworten sie unisono: ziemlich wunderbar. Eine kürzlich erschienene Umfrage des Vereins Schweizer Brot liefert dazu sogar Zahlen. Das Link-Institut hatte im Herbst 2019 über 1000 Personen zu ihrem Kauf- und Konsumverhalten punkto Brot ausgefragt, und siehe da: 98 Prozent der Befragten konsumieren Brot, am liebsten klassisches Brot, Zopf, Gipfeli und Kleinbrote, in dieser Reihenfolge. Und: 90 Prozent gaben an, Schweizer Brot zu konsumieren. Die Herkunft des Brotes und der verarbeiteten Rohstoffe, sagten viele Befragte, sei ihnen wichtig. «Werte wie Regionalität gewinnen an Bedeutung», schreibt der Verein, «sowohl für den Brotkonsum zu Hause wie auch im Restaurant.» Und weist dann gleich selbst darauf hin, dass es sich hier um eine «bemerkenswerte Diskrepanz» handle.

Wird den Konsumenten etwas vorgegaukelt?

Sara Stalder vom Schweizer Konsumentenschutz sagt, dem Kunden werde etwas vorgegaukelt. «Viele Betriebe spielen damit, dass die Leute gar nicht erst damit rechnen, dass Rohstoffe, die auch in der Schweiz verfügbar sind, aus dem Ausland stammen könnten.» Grundsätzlich sei die Herkunft nach dem Preis die zweitwichtigste Komponente für den Kaufentscheid, sagt Stalder. «Aber nicht im Take-away-Bereich.» Man habe versucht, mehr Transparenz im Rahmen des revidierten Lebensmittelgesetzes zu erreichen, das vor drei Jahren in Kraft gesetzt wurde. Die Gesetzesanpassung habe klarere Vorgaben für die Deklaration und die Anforderungen an die Zusammensetzung von Lebensmitteln hervorgebracht. Doch kleine Betriebe unterstünden lascheren Regeln.

So leidenschaftlich Simonetta Sommaruga vor dem Brotregal steht: Der Bundesrat hat sich gegen schriftliche Deklarationspflichten ausgesprochen. Nun gilt es, die Frühlingssession abzuwarten. Dann wird man sehen, wer im Parlament, welche Brötchen bäckt.