Polit-Umfragen
«Grösste Diva des Landes» – Longchamp im Kreuzfeuer von Berufskollegen

Michael Hermann attackiert Claude Longchamp scharf – und relativiert seine Aussagen Stunden später. An seinen Plänen, die «Dominanz» des SRF-Politologen anzugreifen, hält er allerdings fest.

Dennis Bühler
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Politiologe Michael Hermann nervt sich über die Dominanz seines Berufskollegen Claude Longchamp.

Politiologe Michael Hermann nervt sich über die Dominanz seines Berufskollegen Claude Longchamp.

Keystone

Der Angriff erfolgte ganz zum Schluss, kurz bevor Roger Schawinski zur Abmoderation der nach ihm benannten SRF-Talksendung ansetzte. Sie wollten das Meinungsforschungsmonopol von Claude Longchamp und dessen GfS-Institut aufbrechen, sagten die beiden Gäste Michael Hermann und Thomas Milic am Montagabend.

«Longchamp muss sich warm anziehen», fügte Hermann mit einem Augenzwinkern hinzu. Dass er es ernst meint, merkte man indes spätestens bei der Lektüre der gestrigen NZZ. «Longchamp ist die grösste Diva im Land», wurde der Politgeograf der Universität Zürich zitiert. «Niemand getraut sich, gegen ihn anzutreten, weil er zu dominant ist.»

Auf Anfrage der «Nordwestschweiz» ruderte Hermann gestern zwar zurück. «Ich bin nicht glücklich über das NZZ-Zitat, das ich nicht gegengelesen habe», sagte er. «Das war unprofessionell von mir.» Tatsache sei jedoch, dass er schon immer ein schwieriges Verhältnis mit Longchamp gehabt habe. «Er hat mich als Konkurrenz verstanden, obwohl ich ihn eher als Vorbild sah.»

Es geht um Millionen-Umsatz

Hermann möchte Longchamp mit seiner Forschungsstelle Sotomo die Prestige-Aufträge abjagen, die seit mehr als einem Jahrzehnt stets an das Berner GfS-Institut gehen: die Wahlbarometer und Umfragen im Vorfeld von Abstimmungen, beide im Auftrag des Schweizer Radio und Fernsehens; sowie die Vox-Analysen, die jeweils einige Wochen nach den Urnengängen die Beweggründe der Stimmenden erklären sollen.

Wichtig sind die Aufträge nicht in erster Linie finanziell, sondern wegen des damit verbundenen Renommees und Folgeaufträgen. Dank der Berichte und Umfragen, die es für Parteien, Verbände und Unternehmen durchführt, setzt das GfS jedes Jahr einen Millionenbetrag um. Im Jahr 2013 habe man sich um zehn Prozent gesteigert und mit 4,4 Millionen Franken zum dritten Mal in Folge einen Rekordumsatz erzielt, teilte Longchamp im Frühjahr stolz mit.

Kein Wunder, möchte Hermann an diesem Honigtopf partizipieren. Denn auch wenn er der in den Medien mit Abstand meistzitierte Politikwissenschafter der Schweiz ist, hat er seine Arbeit bisher nicht im Masse Longchamps monetarisieren können. Der Zuzug des renommierten Zürcher Abstimmungsforschers Thomas Milic soll ihm dabei helfen, dies alsbald zu ändern.

Vom 1. Juli bis 31. Oktober arbeitete Milic selbst für das GfS-Institut. War sein Zugang noch öffentlichkeitswirksam verkündet worden, hatte bis gestern von der Trennung nach bloss vier Monaten ausserhalb der Politologen-Gilde kaum jemand Kenntnis.

Longchamp möchte sich zu den Gründen nicht äussern, Milic war für die «Nordwestschweiz» gestern nicht erreichbar. So oder so ist klar: Die Trennung ist im Unfrieden erfolgt. Gegenüber «tagesanzeiger.ch» goss Milic gestern weiteres Öl ins Feuer. «Es braucht mehr Transparenz», kritisierte er die Arbeit Longchamps, dem er überdies Unwissenschaftlichkeit vorwarf.

Longchamp wies die Kritik gestern unberührt zurück. «Ich forsche mit Leidenschaft und vermittle die Resultate lustvoll und mit Engagement, seit über 20 Jahren auch am Fernsehen», sagte er auf Anfrage.

Vor der neuen Konkurrenz fürchte er sich nicht, denn Furcht sei kein guter Ratgeber für Unternehmer. An Hermann und Milic schätze er ihren Mut und ihr Kommunikationstalent, das ausgeprägter sei als bei anderen Politologen.

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