Grossmacht Schweiz

Die Schweiz hat in der Sportpolitik einen hohen Stellenwert. Um diesen zu behalten, wäre die Wahl von Gianni Infantino zum Fifa-Präsidenten wichtig.

Klaus Zaugg
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Gianni Infantino will bei der Fifa Nachfolger von Sepp Blatter werden. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Gianni Infantino will bei der Fifa Nachfolger von Sepp Blatter werden. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Ein neuer Fussballkönig aus der Schweiz? Das ist nicht unwahrscheinlich. Der europäische Verband Uefa schickt Gianni Infantino ins Rennen um die Nachfolge von Fifa-Präsident Sepp Blatter. Ein Schweizer geht – und möglicherweise wird er durch einen Schweizer ersetzt. Zufall? Nein. Wieder einmal zeigt sich: Noch ist die Schweiz ein globales Sport-Imperium. In keinem anderen Bereich hat das Land weltweit nach wie vor so viel Macht wie im Sport. So gesehen ist der Sportplatz Schweiz von grösserer Bedeutung als der Werkplatz Schweiz.

Wir neigen in der Schweiz noch immer dazu, die Bedeutung des Sports zu unterschätzen. Auch deshalb, weil unsere erfolgreichen internationalen Sportpolitiker den «Heimmarkt» vernachlässigen. Sie sind weltweit und im Sportgeschäft bestens vernetzt – aber in der Schweizer Politik haben sie wenig Einfluss. Wer in New York, Moskau, London, Peking und Pretoria ein und aus geht, mag halt nicht in Bundesbern hofieren gehen.

Kein Land hat mehr IOC-Mitglieder

Wie wenig die Sportpolitiker hierzulande geschätzt werden, zeigt sich an einem Detail: Alle Länder statten ihre IOC-Mitglieder mit Diplomatenpässen aus – ausser der Schweiz. Dabei hat die Schweiz im IOC, der Weltregierung des Sports, fünf Mitglieder. Mehr als jedes andere Land. Mehr als die Deutschen, die Amerikaner, die Russen und die Chinesen. Schweizer Sportpolitiker haben dafür ausserhalb der Landesgrenzen mehr Einfluss als jeder Bundesrat. Die Mächtigen des Sports verfügen über eine eigene Gerichtsbarkeit, regieren über Landes- und Religionsgrenzen hinweg, verschieben Milliarden rund um den Globus und dominieren die TV-Kanäle nach Belieben. Sportfunktionäre haben heute mehr Strahlkraft und Macht denn je. Das Imperium des Sports ist längst eine Mischung aus Vatikan, Hollywood und Wall Street geworden. Es entzieht sich weitgehend den staatlichen Gewalten und Steuerpflichten, privatisiert die Gewinne und sozialisiert die Kosten, kümmert sich nicht um EU-Vögte und fürchtet nur noch US-Staatsanwälte – und es wird von der Schweiz aus regiert.

Warum ist das so? Die Schweiz hat einen Standortvorteil. Politische Stabilität, gute Flugverbindungen, hohe Lebensqualität und steuerliche Vorteile machen das Land zum weltweit wichtigsten Standort für Sportorganisationen. So ist Lausanne zum Hauptsitz des IOC geworden. Die internationalen Fachverbände suchen die Nähe dieses Epizentrums. Nicht weniger als 30 internationale Sportverbände haben ihren Sitz in der Schweiz, die meisten in und um Lausanne. Und immerhin sechs davon werden von Schweizern präsidiert. In den Zentralen dieser Verbände arbeitet viel Schweizer Personal – und der Weg ganz nach oben beginnt oft in der Administration. So sind Gian-Franco Kasper und Blatter ganz nach oben gekommen – und auch Blatters möglicher Nachfolger Infantino kommt aus der Administration der Uefa.

Der vorbehaltlose Rückhalt fehlt

Die räumliche Nähe ist einer der Hauptgründe für den hohen Stellenwert der Schweiz. Ein weiterer ist das Wesen der Schweizer. Wer in unserem Sport eine Rolle spielen will, muss mehrsprachig, diskret, multikulturell und dazu in der Lage sein, Deutschschweizer und Romands auf seine Seite zu ziehen. Der typische Schweizer Sportpolitiker ist so ziemlich exakt und in jeder Beziehung das Gegenstück zu Donald Trump. Wer andere Kulturen versteht und respektiert, ist im internationalen Streben um Macht und Einfluss immer erfolgreicher als jene, die in einer Monokultur aufgewachsen sind wie etwa die Amerikaner, die Russen oder die Chinesen. Auch dafür ist Infantino ein gutes Beispiel. Er spricht sechs Sprachen. Schliesslich hilft den Schweizern der Status als neutraler Kleinstaat. Oft ist den Grossen ein Schweizer in einer Spitzenposition lieber als einer aus einem anderen, konkurrierenden mächtigen Land.

Der Werkplatz Schweiz ist im 21. Jahrhundert in Bedrängnis geraten. Muss auch der Sportplatz Schweiz in einer globalisierten Welt um seine Bedeutung bangen? Ja. Weil der vorbehaltlose Rückhalt im eigenen Land in der Politik und auch sonst oft fehlt. Gerade das klägliche Scheitern von Graubündens Olympiakandidatur oder der Ruf, den Sportfunktionäre hierzulande geniessen, überraschen. Daher wäre eine Wahl des Wallisers Infantino zum Fifa-Präsidenten von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit für den Sportplatz Schweiz.