Grossfahndung nach flüchtigem Täter

GENF.

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GENF. Experten und Bevölkerung fragen sich gleichermassen: Wie ist es möglich, dass ein mehrfacher Vergewaltiger mit einer Frau das Gefängnis verlassen und zu einer Reittherapie fahren darf? Für den Strafvollzugsexperten Benjamin Brägger ist klar: Bei der Beurteilung der Gefährlichkeit des mutmasslichen Täters muss etwas schief gelaufen sein. «Täter können etwas vorspielen, das nicht der Realität entspricht», sagte Brägger gegenüber SRF. Diese Täuschung sei zuweilen selbst für Experten schwierig zu erkennen.

«Es kann sein, dass sich eine Person jahrelang unauffällig verhalten hat und dann plötzlich rückfällig wird», bestätigte gegenüber «Blick online» auch der Forensiker und Psychiater Josef Sachs. Ein äusserlich korrektes Auftreten allein sage noch nichts über die innere Wandlung eines Menschen aus. Gerade bei Vergewaltigern werde das Risiko oft auch von Fachleuten unterschätzt.

Weichere Praxis in der Romandie

Strafvollzugsexperte Brägger begrüsst es daher, dass der Kanton Genf vorerst alle begleiteten Freigänge suspendiert hat. Kurzfristig sei diese eine politisch sinnvolle Massnahme. Längerfristig sei aber eine Verbesserung nur mit einer Änderung des Systems möglich. Brägger fordert seit längerem ein Ende des Föderalismus im Strafvollzug. So gelten in der Romandie und in der Deutschschweiz weiterhin unterschiedliche Regeln und Praxen. Bekannt ist, dass in der Westschweiz immer wieder wichtige Informationen an Schnittstellen verloren gehen. In der Waadt beispielsweise arbeitet die Strafvollzugsbehörde unabhängig von Bewährungshilfe, psychiatrischem Dienst und Gericht. Brägger setzt sich deshalb dafür ein, dass der Bund in einem Rahmengesetz die Pflichten und Zuständigkeiten der Behörden genau regeln solle.

Grossaufgebot der Polizei

Derweil suchte die Polizei vehement nach dem mutmasslichen Täter. In Weil am Rhein wurden ein Restaurant und Spielsalon durchsucht, ohne dass der Straftäter dingfest gemacht werden konnte. Später fand ein Polizeihund eine Spur des Gesuchten, die sich jedoch an einem Bahngleis verlor. Die Polizei schliesst aber nicht aus, dass sich der Mann noch in der Region aufhalten könnte. Aufgrund einer Handvortung habe eine konkrete Spur zum Alten Zollhaus in Weil geführt, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion. In einer am Abend veröffentlichten Mitteilung warnte die Polizei vor dem gefährlichen und möglicherweise bewaffneten Straftäter.

Schon in der Nacht auf Freitag war im Raum Basel ein Grossaufgebot von Polizeikräften im Einsatz. Ein Polizeisprecher bestätigte Medienberichte, wonach bei der Suche auch ein Helikopter eingesetzt wurde. Die Maschine der deutschen Polizei sei zweimal während je einer halben Stunde unterwegs gewesen. Bei der Suche nach der Sozialtherapeutin wurde die Basler Polizei auch von Polizeikräften aus dem Baselbiet sowie aus Frankreich und Deutschland unterstützt. Auch die Grenzwache half bei der Suche mit. (ja./sda)