Grenzgänger-Polemik kocht hoch

LOCARNO. Eine Studie des Tessiner Wirtschaftsforschungsinstituts IRE kommt zum Schluss, dass im Tessin keine Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte durch Grenzgänger erfolgt. Dies widerspricht der gängigen These und lässt Politiker toben.

Gerhard Lob
Merken
Drucken
Teilen
Jeden Tag fahren Zehntausende Grenzgänger aus Italien zur Arbeit in den Kanton Tessin. (Bild: ky/Gabriele Putzu)

Jeden Tag fahren Zehntausende Grenzgänger aus Italien zur Arbeit in den Kanton Tessin. (Bild: ky/Gabriele Putzu)

Die explosionsartige Zunahme von Grenzgängern seit Einführung der Personenfreizügigkeit ist im Tessin ein politisches Thema erster Güte. Seit 2002 hat sich die Zahl der Grenzgänger fast verdoppelt – auf über 62 000. Umgerechnet bedeutet dies, dass 26,5 Prozent aller Arbeitsplätze mit Grenzgängern besetzt sind. Schweizer Rekord. Fast unbestritten – von rechts bis links – ist mittlerweile die These, dass italienische Grenzgänger einheimischen Arbeitskräfte zunehmend die Arbeitsplätze wegnehmen, weil sie bereit sind, zu Billiglöhnen zu arbeiten. Damit steige auch die Arbeitslosigkeit im Südkanton. Die rechtspopulistische Lega dei Ticinesi hat dieser These einen Grossteil ihres politischen Erfolgs zu verdanken.

Kein zusätzliches Risiko

Diese Vorbemerkung ist nötig, um zu verstehen, warum eine diese Woche publik gewordene Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts der Universität der italienischen Schweiz (IRE) ein politisches Erdbeben ausgelöst hat. Die Studie, die im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) erarbeitet wurde und auf Wunsch des Präsidiums des Grossen Rates entstand, kommt nämlich zu folgendem Schluss: «Die erhöhte Zahl der Grenzgänger und der ausländischen Wohnbevölkerung in der Folge des Personenfreizügigkeitsabkommens hat für die einheimische Bevölkerung im Tessin nicht das Risiko erhöht, arbeitslos zu werden.» Es könne zwar nicht ausgeschlossen werden, dass punktuell sesshafte Arbeitnehmer durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt worden seien, von einer systematischen Verdrängung könne aber nicht die Rede sein.

Tatsächlich ist die Arbeitslosenquote trotz des anhaltenden Zustroms von Grenzgängern gesunken und hat sich dem Schweizer Mittelwert angenähert. Sie lag Ende September im Tessin bei 3,4 Prozent, in der ganzen Schweiz bei 3,2 Prozent. Vor einem Jahr betrug sie im Tessin 3,9 Prozent, in der Gesamtschweiz 3,0 Prozent.

Viele neue Jobs geschaffen

Diese und weitere Daten legen den Schluss nahe, dass in Folge der Marktöffnung mit der EU im Tessin viele neue Jobs geschaffen wurden, dass der Kanton unter dem Strich also profitiert hat und seine Wirtschaftsleistung steigern konnte. Allerdings gingen die neu geschaffenen Stellen – fast 30 000 – überwiegend oder fast ausschliesslich an Grenzgänger. Laut IRE kommt die Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte zustande, weil auf dem einheimischen Markt schlicht das Personal fehle oder die Bewerber aus Italien die besseren Qualifikationen aufwiesen. «Das Verhältnis Lohn/Leistung scheint demgegenüber für Tessiner Unternehmen ein Kriterium von deutlich untergeordneter Bedeutung bei der Rekrutierung zu sein», so die Schlussfolgerung. Gemäss IRE ist es allerdings möglich, dass gerade für junge Menschen ohne Berufserfahrung der Eintritt in die Arbeitswelt im Tessin schwer sei. Die vergleichsweise hohe Jugendarbeitslosigkeit sei ein Zeichen dafür.

Sturm der Entrüstung

Kaum waren die Ergebnisse der IRE-Studie bekannt geworden, fegte ein Sturm der Entrüstung durch die Tessiner Politlandschaft. Das Wirtschaftsinstitut wurde mit Kritik und Spott überhäuft, Anfragen an die Regierung eingereicht. «Hier wird die Evidenz negiert», donnerte CVP-Fraktionschef Fiorenzo Dadò. Gewerkschaftssekretär Enrico Borelli meinte, diese Studie habe mit der Realität im Kanton Tessin nichts zu tun. Und die Lega dei Ticinesi forderte sogar schlicht und einfach die Schliessung des Universitätsinstituts IRE.

Diese Kritik liess IRE-Direktor Rico Maggi nicht auf sich sitzen. In mehreren Interviews warf er den Tessiner Politikern umgekehrt vor, sich der Realität verschliessen zu wollen. Die Erhebung basiere auf 90 000 Daten aus den Jahren 2003 bis 2013 und sei nach modernsten wissenschaftlichen Kriterien verfasst worden. Die Frage des Lohndumpings sei nicht tiefgehend analysiert worden, weil es nicht dem Auftrag entsprochen habe.