Greifen die Grünen auch den Sitz von Karin Keller-Sutter an?

Die grüne Fraktion nominiert Regula Rytz als alleinige Bundesratskandidatin. Bisher lag der Fokus auf Ignazio Cassis. Sollte der grüne Angriff auf den Tessiner aber erfolglos bleiben, könnte auch der zweite FDP-Sitz ins Visier geraten. 

Sven Altermatt und Tobias Bär
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Fraktionschef Balthasar Glättli und Bundesratskandidatin Regula Rytz stellen sich den Fragen der Medien. (Bild: Marcel Bieri, Keystone)

Fraktionschef Balthasar Glättli und Bundesratskandidatin Regula Rytz stellen sich den Fragen der Medien. (Bild: Marcel Bieri, Keystone)

Alles andere wäre einem Affront gegenüber ihrer Präsidentin gleichgekommen: Die Grünen unterstützen die Kandidatur von Regula Rytz. Das beschloss ihre Bundeshausfraktion am Freitag per Akklamation. «Diese historischen Wahlen müssen Konsequenzen haben», erklärte Fraktionschef Balthasar Glättli am Abend vor den Medien.

Was die Person Rytz angeht, war die Sache schnell erledigt. Die grünen Parlamentarier seien sich einig gewesen, dass ihre Parteichefin «die stärkste und beste Kandidatin ist». Die 57-jährige Stadtbernerin verfüge über Exekutiverfahrung, kenne sich in Bundesbern aus und sei eine Brückenbauerin, zählte Glättli auf.

Ganz bewusst haben sich die Grünen gegen ein Zweierticket entschieden. Wenn man einen Sitz gewinnen wolle, könne man die Stimme bei einer Kampfkandidatur nicht aufteilen, lautet ihre Begründung dafür. Unbestritten ist auch, dass der Angriff der Grünen den Freisinnigen gilt. «Spielchen machen wir nicht», sagte Glättli. Das heisst: Rytz will weder einen SP-Sitz noch den CVP-Sitz von Viola Amherd angreifen. So weit, so klar.

Grüne wollen sich mehr taktische Möglichkeiten offenlassen

In den Details jedoch ist sich die grüne Fraktion offenbar noch nicht einig. «Es geht uns nicht um eine bestimmte Person, sondern um die Übervertretung der FDP», sagte Glättli. Und Rytz unterstrich, ihre Kandidatur richte sich nicht gegen eine bestimmte Person. In der Wahlabfolge komme allerdings zuerst Aussenminister Ignazio Cassis. Sie verwies auf das Prinzip der Anciennität, wonach sich bisherige Bundesräte in der Reihenfolge ihres Amtsalters der Wiederwahl stellen.

Doch was, wenn der Angriff der Grünen auf Cassis scheitert? Würden sie dann den Sitz von Karin Keller-Sutter ins Visier nehmen? Laut Glättli ist das noch nicht klar. Es gebe «Argumente dafür und dagegen», verwies er auf die Diskussion in seiner Fraktion. Um welche Argumente es sich handelt, wollte er nicht näher ausführen. Sollte Cassis abgewählt werden, hätten die Freisinnigen laut Glättli immer noch die Möglichkeit, den Tessiner bei der Besetzung von Karin Keller-Sutters Sitz erneut aufzustellen.

Tags zuvor klang das alles noch ein wenig anders. Als Rytz ihre Kandidatur bekannt gab, liess sie durchblicken, dass sie Keller-Sutter eher nicht angreifen will. Scheitere der Angriff der Grünen auf den Sitz von Cassis, sei ein weiterer Versuch gegen Keller-Sutter sinnlos, argumentierte sie und sprach überdies von einer «Frage der Frauen». Ähnlich äusserten sich am Donnerstag hinter vorgehaltener Hand auch andere Spitzenvertreter der Partei.

Ihre nunmehr über 30 Mitglieder zählende Fraktion scheint jetzt aber durchaus offen dafür, im Fall der Fälle beide FDP-Bundesräte anzugreifen. «Alles andere wäre unglaubwürdig», meinte ein Fraktionsmitglied, das nicht namentlich zitiert werden will.

Dass mit der Abwahl Cassis’ das Tessin erneut nicht mehr in der Landesregierung vertreten wäre, nehmen die Grünen in Kauf. Es könnten nicht alle Ansprüche gleichzeitig befriedigt werden. Eine Einigung mit den anderen Parteien auf eine neue Zauberformel sei leider nicht möglich gewesen, sagte Fraktionschef Glättli zudem – um gleich zu betonen: Die Abwahl eines amtierenden Bundesrats müsse die absolute Ausnahme bleiben.