Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Googeln unsere Ärzte eigentlich auch?

Ansichten
Pascal Hollenstein

Wenn Molière, der grosse französische Dichter, heute leben würde anstatt im 17. Jahrhundert, dann sässe sein «eingebildeter Kranker» wahrscheinlich mit einem Laptop auf der Bühne und würde laufend neue Krankheiten googeln, die er unbedingt auch haben muss. Und die er natürlich längst hat, wie er seiner Familie und seinem Arzt pausenlos vorlamentiert. Manch einem heutigen Arzt dürfte die Szene bestens vertraut sein. Patienten, die dem Herrn Doktor in der Sprech­stunde ihre im Web gesammelten Symptome samt fixfertiger Diagnose vortragen, sollen ja keine Seltenheit sein. Für die digitale Variante des «eingebilde­ten Kranken» gibt es in­zwischen auch einen zeitgemässen Begriff: Cyberchonder.

Während die alten Hypochonder wenigstens noch ihre Fantasie anstrengen mussten, genügen dem Cyberchonder ein paar Klicks, um aus einem sauren Aufstossen eine schwere Herzinsuffizienz zu machen. Und es könnte noch dicker kommen: «Ihr nächstes iPhone könnte Ihnen helfen, festzustellen, dass Sie krank sind, bevor sie überhaupt ein Problem haben», schreibt etwa der kanadische Autor Dan Gardner. Von der grossen Digitalisierung der Medizin ist seit langem immer wieder zu hören. Beratungsportale und Gesundheitsapps gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Aber auch von Sensoren in der Kleidung oder auf der Haut, die Daten liefern sollen, mit denen Gesundheitsmanager ohne Medizinstudium erste Diagnosen stellen und Medikamente verschreiben können, ist die Rede. Die «Sonntags-Zeitung» erwähnte kürzlich sogar Sensoren, die melden, ob eine Pille im Magen angekommen ist; dies um sicherzustellen, dass chronisch Kranke ihre Medikamente auch wirklich einnehmen.

Solange solche Entwicklungen nicht alltagstauglich sind, bleibt Dr. Google aber der wichtigste digitale Akteur im Gesundheitswesen. Denn, Hand aufs Herz, wer hat nicht schon mal im Web nach eigenen Wehwehchen oder Schmerzen gesucht? Was Wunder: So ein Arztbesuch ist für uns Patienten ja oft eine eher unangenehme, einseitige Sache. Da klopft und tastet uns der Doktor ab, setzt sich dann schwungvoll an seinen Schreibtisch, gibt souverän eine Beurteilung ab und tippt dazu etwas in den Computer, derweil wir, halb angezogen, eine ziemlich jämmerliche Figur abgeben.

Na warte, sagt sich da ein Patient oder eine Patientin rasch einmal: Googeln kann ich auch! Seit man auch seriöse medizinische Fachliteratur aus dem Web herunterladen kann und den Pschyrembel, das bekannte medizinische Lexikon, sogar als iPhone-App für die letzte Repetition im Wartezimmer, haben auch die Ärzte umzudenken begonnen. Dass sich die Patienten im Internet vorinformieren können, sei wertvoll und müsse in die Behandlung einbezogen ­werden, heisst es bei den ­meisten ärztlichen Organi­sationen in der Schweiz. Auch wenn sie nicht so weit gehen wie jener britische Arzt, der neulich in einer grossen Londoner Zeitung schrieb: «Wir Allgemeinpraktiker lieben Dr. Google genauso sehr wie unsere ­Patienten.» Die Reaktion seiner Berufskollegen soll nicht nur freundlich gewesen sein.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.