Gleiche Politik, anderer Sessel

Medien und Politik sind in Liechtenstein nach wie vor eng verflochten. Der Chefredaktor der Zeitung «Liechtensteiner Vaterland», Günther Fritz, wird neuer Präsident der Vaterländischen Union.

Günther Meier
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Günther Fritz, noch Chefredaktor, bald Parteipräsident. (Bild: Tatjana Schnalzger)

Günther Fritz, noch Chefredaktor, bald Parteipräsident. (Bild: Tatjana Schnalzger)

«Ein absoluter Glücksfall», vergab die Vaterländische Union (VU) in einer Mitteilung erste Vorschusslorbeeren. Das Parteipräsidium hatte Günther Fritz als Nachfolger für den zurücktretenden Parteipräsidenten Jakob Büchel nominiert. Wenn man der Medienmitteilung glaubt, hatte sich die VU die Sache alles andere als leicht gemacht. Gleich nach der Ankündigung Büchels im Frühling, er werde sein Amt zur Verfügung stellen, sei eine «Findungskommission, bestehend aus führenden Exponentinnen und Exponenten der VU», ins Leben gerufen worden. Und diese Schar verdienter Parteiexponenten habe den delikaten Auftrag erhalten, bis zum Parteitag im Herbst einen Kandidaten, unter Umständen auch eine Kandidatin, für das anspruchsvolle Amt des Parteipräsidenten zu suchen. Über die Sommerzeit, teilte die VU weiter mit, sei «ein Wunschkandidat gefunden» worden – eben Günther Fritz.

Über 20 Jahre Chefredaktor

Was so anstrengend bis zum Glücksfall beschrieben wird, könnte sich in Tat und Wahrheit etwas einfacher zugetragen haben. Als Chefredaktor des «Liechtensteiner Vaterland» ist Günther Fritz bei allen wichtigen Parteisitzungen dabei, man musste also nur in die Runde schauen. Kein Wunder, dass die Findungskommission und anschliessend auch das über den Beschluss informierte Parteipräsidium davon überzeugt sind, mit Günther Fritz an der Spitze sei «die kontinuierliche Fortsetzung der Parteiarbeit» praktisch garantiert.

In der Tat hat Fritz in seiner schon über zwei Jahrzehnte ausgeübten Funktion als Chefredaktor der VU-Parteizeitung eine Reihe von Wahlkämpfen mitgetragen, in Interviews jeweils VU-Kandidaten für Regierung und Parlament als die bestmögliche Entscheidung präsentiert und mit oft spitzen Kommentaren die Schwächen und Verflechtungen der VU-Gegner gebrandmarkt.

Eng verflochten

Die Verflechtungen der Tageszeitungen mit der Parteipolitik sind in Liechtenstein immer noch sehr eng, obwohl sich das «Liechtensteiner Vaterland» selbst als offene «Forumszeitung» bezeichnet. Tatsächlich druckt die Zeitung die Stellungnahmen anderer Parteien und Organisationen ab, doch je näher jeweils die Wahlen rücken, um so kräftiger ist in den Redaktionstexten die Verwandtschaft zur VU erkennbar. Dass mehr das Leserinteresse als die Interessen der Partei im Vordergrund stehe, wie Fritz in einem Interview darzulegen versuchte, dürfte einem frommen Wunsch entsprungen sein. Der designierte Parteipräsident sieht die Nähe von Politikern und Journalisten als symbiotische Beziehung: «Die Journalisten brauchen die Politiker, um zu attraktiven Geschichten zu kommen, die Politiker brauchen die Journalisten, um überhaupt eine Plattform für ihre Botschaften zu erhalten.»

Günther Fritz wird, was mangels Gegenkandidat heute schon feststeht, nach dem Parteitag am 13. November einen Seitenwechsel vollziehen, aber aufgrund enger Verflechtungen zwischen Partei und Zeitung nicht den Auftraggeber wechseln. Er, der bisher die Vorstellungen der Partei entgegengenommen hat, wird künftig die Aufträge an die Journalisten erteilen.

Ein Jahr Zeit

Was ihm bei den Wahlen 2013 nicht gelungen ist, als die VU das schwächste Resultat ihrer Geschichte einfuhr, steht für ihn als neuer Parteipräsident zuoberst auf der Agenda: «Mein Hauptziel wird es aber sicher sein, alles dranzusetzen, dass die VU bei den nächsten Landtagswahlen ein viel besseres Resultat erzielen wird als bei der historischen Niederlage im Februar 2013.» Die nächsten Wahlen stehen Anfang 2017 an, womit Fritz ungefähr ein Jahr Zeit hat, sein Ziel zu erreichen.

Staat finanziert Parteien

Beruflich führt die VU mit ihm das Modell weiter, das schon mit seinem Vorgänger erprobt wurde und das die politische Konkurrenz, die Fortschrittliche Bürgerpartei (FBP), derzeit auch praktiziert: Nicht mehr ein honoriger Parteigenosse mit Geld, Parteiverdiensten und hohem gesellschaftlichen Ansehen führt die Partei, sondern ein geschäftsführender Präsident. Seit die privaten Finanzquellen für die Parteien spärlicher sprudeln, kann mit diesem Modell wohl Geld gespart werden, das vorwiegend aus der Staatskasse fliesst und bisher nicht in den Sparpaketen der Regierung aufschien.

Der Staat finanziert die vier Parteien derzeit mit 710 000 Franken pro Jahr, aufgeteilt nach dem Anteil der bei den letzten Wahlen erzielten Wählerstimmen. Zusätzlich händigt der Staat jeder im Parlament vertretenen Partei einen Pauschalbeitrag von jährlich 55 000 Franken aus. An die im Parlament aufscheinenden Wählergruppierungen fliesst ausserdem ein Grundbeitrag von 10 000 Franken sowie ein Personalbeitrag von 5000 Franken pro gewählten Abgeordneten. Abgesehen davon, dass die Parlamentarier für ihre Tätigkeit ebenfalls noch honoriert werden.

Karriere nicht ausgeschlossen

Günther Fritz, dessen Büro lange Zeit im gleichen Gebäude wie die Parteizentrale untergebracht war, möchte für den Fall seines «Seitenwechsels» die «Vaterland»-Redaktion nicht an eine zu kurze Leine nehmen: Zumindest kündigte er an, «die Bedürfnisse und redaktionellen Zielsetzungen der Journalisten» zu respektieren. Für ihn, der die Wahl zum Parteipräsidenten als einen «schönen Höhepunkt meiner beruflichen Laufbahn» bezeichnet, muss die Karriereleiter damit noch nicht zu Ende sein. Nicht ausgeschlossen ist, dass die VU ihn nochmals zum «Glücksfall» kürt: Dann nämlich, wenn sie ihn als Spitzenkandidaten auf eine Wahlliste setzte – womit Fritz in die Fussstapfen früherer VU-Präsidenten träte.