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Tierversuchsverbots-Initiative: Warum sich selbst Tierschützer dagegenstemmen

Während Forschern die Regeln heute schon zu streng sind, streben Tierschützer ein vollständiges Verbot von Tierversuchen an. Derweil läuft die Suche nach Alternativmethoden auf Hochtouren.
Dominic Wirth
Eine Maus in einem Schweizer Forschungslabor. Mäuse sind mit Abstand die meist verwendete Tierart bei Versuchen – 2017 waren es in der Schweiz 395501. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone, 26. September 2018)

Eine Maus in einem Schweizer Forschungslabor. Mäuse sind mit Abstand die meist verwendete Tierart bei Versuchen – 2017 waren es in der Schweiz 395501. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone, 26. September 2018)

124000 Unterschriften gegen Tierversuche: Das ist laut ihrer Angaben die Ausbeute einer Gruppe von Tierschützern. Heute reichen sie in Bern ihre Tierversuchsverbots-Initiative ein. Die verfolgt ein grosses Ziel: das Verbot von Tier-, aber auch Menschenversuchen. Und damit nicht genug. Selbst die Einfuhr jeglicher Produkte, für die Tierversuche durchgeführt wurden, soll unterbunden werden. Renato Werndli, Co-Präsident des Initiativkomitees, sagt:

«Das Tier ist nicht dazu da, uns Menschen für Versuche zu dienen»

Die Initiative dürfte es schwer haben, weil sie sehr weit geht. Selbst in Tierschutzkreisen wird sie kritisch beäugt. Dem Schweizer Tierschutz (STS) etwa ist sie laut Präsident Heinz Lienhard «zu radikal».

Ein Ja liegt also in weiter Ferne für die Initianten. Doch sie befeuern mit ihren Anliegen eine emotionale Debatte, die sich um eine grosse Frage dreht: Darf der Mensch Tieren Leid zufügen, um seine eigene Gesundheit, sein eigenes Leben zu verbessern? In der Schweiz, dem Land der Pharmaindustrie und der Forschung, kommt ihr besonderes Gewicht zu. Denn nach wie vor werden hierzulande jedes Jahr Hunderttausende Tiere für Versuche eingesetzt. 2017 waren es rund 615 000, gleich viele wie bereits vor 20 Jahren. Und das trotz des auch gesetzlich klar verankerten Ziels, Tierversuche nur dann durchzuführen, wenn es nicht anders geht. Wie weiter also?

Ärger über Bewilligungsbürokratie

Die ETH Zürich ist der Leuchtturm des Forschungsplatzes. Hoch über der Stadt, auf dem Hönggerberg, wuseln Studenten über den modernen Campus mit seinen zweckmässigen Flachdachbauten. In einer von ihnen sitzt Professor Manfred Kopf in seinem Büro. Kopf ist ein energischer Mann mit verschmitztem Lächeln. Doch wenn man mit ihm über das Thema Tierversuche spricht, verdüstert sich seine Laune. Kopf erforscht das Immunsystem. Ihn interessiert vor allem, wie chronische Entzündungserkrankungen – etwa Asthma, Atherosklerose oder Schuppenflechte – entstehen. Er will sie verstehen. Und mit seinem Wissen mithelfen bei der Entwicklung von Wirkstoffen, die diese Erkrankungen lindern oder gar heilen können.

Kopf tut das schon seit den 1990er-Jahren in der Schweiz und seit 18 Jahren an der ETH, doch er sagt, dass das Forschen hierzulande immer komplizierter werde. Für seine Arbeit ist Kopf auf Versuche mit Mäusen angewiesen. Der Deutsche sagt:

«Es ist heute viel schwieriger als früher, für diese Versuche eine Bewilligung zu erhalten.»

Er spricht von einem immer grösseren bürokratischen Aufwand und längeren Wartefristen, ausgelöst durch strengere Vorschriften des Bundes und deren Auslegung durch die kantonalen Behörden. Dabei töte man als Wissenschafter Tiere nicht aus Spass, sondern nur dann, wenn es für den Forschungszweck nicht anders gehe. Alles andere, sagt Kopf, sei schon aus wirtschaftlicher Sicht «idiotisch». Denn die Tierhaltung ist sehr teuer. Letzten Endes steht in den Augen des Professors die Attraktivität des Forschungsplatzes auf dem Spiel, zumal das Umfeld «hochkompetitiv» sei und die Regeln für die Konkurrenten etwa in Asien oder den USA weniger streng.

Kopf ist nicht der einzige ETH-Professor, der sich in diesen Tagen kritisch über die Regeldichte bei Tierversuchen äussert. Auch der Neuropathologe und Prionenforscher Adriano Aguzzi hat das unlängst getan, und zwar mit markigen Worten. Er sagte gegenüber der NZZ etwa, die Zürcher Tierversuchskommission sei «komplett ausser Kontrolle» geraten, schade mit ihrer Bürokratie der Medizin und arbeite «gegen das Wohl der Menschheit und der Tiere».

Bund verteidigt Verschärfungen

Das Schweizer Tierschutzgesetz steht im Ruf, eines der strengsten der Welt zu sein. Tierversuche werden nur dann bewilligt, wenn die Forscher nachweisen können, dass sie unumgänglich sind. Geprüft werden die Gesuche von den kantonalen Tierversuchskommissionen. Und die werden nicht nur von Forschern wie Adriano Aguzzi kritisiert. Sondern auch von den Tierschützern. So hat sich der Schweizerische Tierschutz ganz aus ihnen zurückgezogen. Man wolle nicht als «Feigenblatt» in Kommissionen dienen, in denen Forschung und Pharmaindustrie deutlich in der Überzahl seien, sagt STS-Präsident Heinz Lienhard. Über die Kommissionen ärgern sich also beide Seiten – ein weiteres Beispiel dafür, wie emotional die Tierversuchsdebatte geführt wird.

Wie reagiert das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) auf die Kritik aus der Wissenschaft? Kaspar Jörger ist Leiter Tierschutz beim BLV. Er sagt, man habe die Kantone tatsächlich dazu aufgefordert, bei den Gesuchen genauer hinzuschauen und auch die Richtlinien verschärft. Auslöser dafür ist eine Studie von 2016, aus der hervorgeht, dass die Qualität der Gesuche in vielen Fällen nicht den wissenschaftlichen Anforderungen entspricht. Zudem würden die Richtlinien zu den Schweregraden der Versuche zum Wohl der Tiere regelmässig aktualisiert. Jörger sagt:

«Wenn es neue Erkenntnisse gibt, etwa bezüglich der Schmerzen, die ein Versuch beim Tier verursacht, dann fliesst das natürlich in unsere Richtlinien ein.»

Er räumt ein, dass die Verschärfungen einen «administrativen Mehraufwand» bedeuten können. Dafür biete die Schweiz Forschern im Gegensatz zu anderen Ländern aber klare Regeln und damit eine hohe Rechtssicherheit. «Die Schweiz ist nach wie vor ein guter Forschungsstandort. Wer woanders bessere Voraussetzungen findet, dem steht es natürlich frei, dorthin zu gehen», sagt Jörger.

Tierversuchsfreie Forschung bleibt das Ziel

Der Ton ist giftig in der Tierversuchsdebatte. Auch Maya Graf ärgert sich über den Aufschrei aus der Wissenschaft. Die grüne Nationalrätin kämpft im Bundeshaus seit Jahren dafür, dass die Zahl der Tierversuche reduziert wird. Derzeit ist eine parlamentarische Initiative von ihr hängig, mit der sie Versuche mit dem höchsten Belastungsgrad verbieten will. Die Baselbieterin ärgert sich darüber, dass über den Nationalfonds Steuergelder in Forschungsprojekte fliessen, in deren Rahmen auch Tierversuche durchgeführt werden. 2015 waren es 104,5 Millionen Franken für insgesamt 555 Projekte. Graf fordert, dass der Bund «endlich viel mehr Geld» an einen anderen Ort fliessen lassen sollte: die 3R-Forschung. «Sie ist die Zukunft», sagt Graf.

Die Zukunft, das ist etwa in Muttenz im Kanton Baselland. Hoch ragt dort der Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz in die Höhe. Im Inneren gibt es zwölf Stockwerke und hohe Räume; vom Dachgarten aus sieht man auf den nahen Turm des Pharmariesen Roche. Im Labor der Hochschule für Life Sciences, sechster Stock, sind die weissen Kittel Pflicht. Laura Suter-Dick steht dort neben einem CO2-Inkubator. Er sieht ein wenig aus wie ein Kühlschrank, und in seinem Innern brüten Zellkulturen, mit deren Hilfe Professorin Suter-Dick ein grosses Ziel verfolgt: die tierversuchsfreie Forschung.

«Minilebern» statt solche von Mäusen

Suter-Dick baut mit ihrem Team Gewebe nach, «Minilebern» etwa, und «macht sie krank», wie sie es formuliert. Zum Beispiel mit Leberfibrose, einer Krankheit, mit der Alkoholiker oft zu kämpfen haben. An diesen Geweben kann man testen, ob Wirkstoffe Symptome lindern oder gar eine Heilung herbeiführen. «Früher», sagt die Professorin, «hätten wir dafür Mäuse gebraucht. Heute ist das in einer ersten Phase nicht mehr nötig.» Viele Wirkstoffe können anhand der «Minilebern» nun bereits ausgeschlossen werden, bevor in der Endphase ein Tierversuch notwendig wird. Suter-Dick schätzt, dass statt 100 Mäusen so nur noch 3 eingesetzt werden müssen.

Die Toxikologin fokussiert ihre Forschung darauf, einen Ersatz für Tierversuche zu finden, oder auf Englisch: replace. Es steht für eines der drei R, denen sich die 3R-Forschung widmet: refine – Tierversuche zu verfeinern – und reduce – die Zahl der Tierversuche zu reduzieren – sind die anderen. Seit 2018 fördern Bund, Industrie und die Hochschulen die 3R-Forschung mit einem eigens eingerichteten Kompetenzzentrum, das jährlich über ein Budget von 2,8 Millionen Franken verfügt. Das ist viermal mehr, als zuvor in die Vorgängerinstitution, die Stiftung 3R, floss – aber in den Augen von Tierversuchskritikern wie Maya Graf immer noch zu wenig. Chantra Eskes, die Direktorin des Zentrums, sagt, man wolle Forschungsvorhaben im 3R-Bereich finanzieren, aber auch dazu beitragen, dass kommende Forschergenerationen schon früher sensibilisiert werden dafür, dass es neben den Tierversuchen «auch andere Möglichkeiten gibt».

Die Hoffnungen in die 3R-Forschung sind gross, gerade auch in Tierschutzkreisen. Sind Ersatzmethoden das Allheilmittel, das jede Diskussion über Tierversuche schon bald überflüssig macht? Chantra Eskes sagt, das sei das Ziel, doch der Weg dorthin weit. Bei Tests von Substanzen mit örtlich begrenzten Wirkungen, etwa bei Hautirritationen, sei schon vieles möglich. Schwieriger wird es beim Untersuchen von komplexeren, systemischen Krankheiten und Wirkungen. Solche, wie ETH-Professor Manfred Kopf sie erforscht. «Ich muss wissen, was im Organismus passiert. Ich sehe nicht, wie sich das durch 3R-Methoden ersetzen lässt», sagt er.

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