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«Gewisse Ärztegruppen leiden»

Die Wiler Ärztin Yvonne Gilli, Vorstandsmitglied des Ärzteverbands FMH, ist zuversichtlich, dass man sich bei der Revision des Ärztetarifs Tarmed noch einig wird. Vor einem Eingreifen des Bundesrates warnt sie.
Michel Burtscher
Mit dem Tarmed rechnen Ärzte rund 4600 Einzelleistungen in Praxen und im ambulanten Spitalbereich ab. (Bild: Ralph Ribi)

Mit dem Tarmed rechnen Ärzte rund 4600 Einzelleistungen in Praxen und im ambulanten Spitalbereich ab. (Bild: Ralph Ribi)

Frau Gilli, bis Ende Monat hätten Ärzte, Spitäler und Versicherer die Revision des Ärztetarifs Tarmed vorlegen sollen. Daraus wird nichts, weil die Basis des Ärzteverbands FMH den Vorschlag in einer Urabstimmung abgelehnt hat. Was ist schiefgelaufen?

Yvonne Gilli: Eine Tarifrevision ist eine riesige, mehrjährige Arbeit. Es sind schwierige Verhandlungen, und man muss viele verschiedene Aspekte berücksichtigen. Das Ergebnis ist eine komplizierte Vorlage. Für die Ärztinnen und Ärzte war es schwierig abzuschätzen, was für sie persönlich die Folgen wären. Hinzu kommt, dass einige bei der Einführung des Tarmed schlechte Erfahrungen gemacht haben. Gescheitert sind wir am Schluss, weil wir die Brücke mit der Basis nicht mehr schlagen konnten.

Warum konnten Sie Ihre Basis denn nicht überzeugen?

Gilli: Es ist passiert, was auch in der Politik immer wieder passiert. Als die Revision ausgearbeitet war, fiel es uns schwer, die Inhalte zu kommunizieren und unsere Mitglieder zu motivieren, diese genau anzuschauen. Dafür hatten wir schlicht zu wenig Zeit.

Gesundheitsminister Alain Berset hat Ihnen nun zwar eine Nachfrist gewährt, aber gleichzeitig gesagt, er schätze die Chance, dass es noch eine Lösung gibt, als gering ein. Wie sehen Sie das?

Gilli: Es ist sicher eine grosse Herausforderung, eine breit abgestützte Lösung zu finden. Wir müssen ja nicht nur die Anliegen unserer Basis, sondern auch die der Spitäler und Krankenkassen berücksichtigen. Unmöglich ist es aber nicht.

Der grösste Streitpunkt in der Debatte war die Forderung des Bundesrates, dass die Tarmed-Revision kostenneutral sein muss.

Gilli: Das ist so. Diese Vorgabe hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Revision abgelehnt wurde. Der Kostendeckel führt dazu, dass es Umwälzungen innerhalb der Ärzteschaft geben wird. Das bedeutet, dass gewisse Ärzte nach der Revision weniger verdienen als heute – und das will natürlich keiner von ihnen. Politik und Krankenkassen hingegen wollen keinen Anstieg der Kosten, weil man dann die Krankenkassenprämien erhöhen müsste.

Haben Sie denn Verständnis für die Forderung nach Kostenneutralität?

Gilli: Aus einem politischen Blickwinkel verstehe ich das sehr gut. Man muss aber auch sagen, dass es politisch andere Finanzierungslösungen gäbe, die aber leider nicht mehrheitsfähig sind. Aus Sicht der Ärzte macht es aber wenig Sinn, eine Ärztegruppe besserzustellen zu lasten einer anderen. Es ist ja keineswegs so, dass Spezialärzte generell einfach zu viel verdienen.

Warum muss der Tarmed denn überhaupt revidiert werden?

Gilli: Seit das System 2004 eingeführt wurde, konnten wir Erfahrungen sammeln. Und wir haben dabei beispielsweise gesehen, dass viele Grundversorger eine Einkommenseinbusse hinnehmen mussten. Es ist kein Zufall, dass es immer weniger Hausärzte gibt. Es gibt Ärztegruppen, die wirklich unter dem heutigen System leiden. Zudem wurden seit über zehn Jahren weder Personal- noch Infrastrukturkosten angepasst. Damit rechnet sich der damalige Tarif heute betriebswirtschaftlich nicht mehr.

Wieso setzt man nicht vermehrt auf Fallpauschalen, statt Einzelleistungen zu vergüten?

Gilli: Das funktioniert nicht. Ein System mit einfachen Fallpauschalen in der ambulanten Grundversorgung gibt es in keinem Land. Diese machen dann Sinn, wenn das Leistungsspektrum sehr standardisiert ist oder über grosse Patientengruppen teure Behandlungsrisiken ausgeglichen werden können. Zum Beispiel bei einer Blinddarmoperation, dort läuft die Behandlung immer etwa ähnlich ab. Sobald es aber komplizierter wird, funktioniert das nicht mehr, weil nicht jeder Patient gleich ist und nicht jede Krankheit immer gleich abläuft.

Wie geht es nun weiter mit der Tarmed-Revision?

Gilli: Zuerst müssen wir jetzt auf die Fachgesellschaften innerhalb des FMH zuzugehen, die ihren Mitgliedern ein Nein bei der Urabstimmung empfohlen hatten. Wir müssen schauen, was ihre Sorgen sind.

Bundesrat Berset hat angekündigt, mit den Tarifpartnern Gespräche führen zu wollen. Stimmt Sie das optimistisch?

Gilli: Ja, denn es zeigt, dass er einen Dialog mit den beteiligten Akteuren will. Das wünschen wir uns auch. Trotzdem liegt es vorderhand an uns, neue Lösungswege zu finden.

Von was für einem Zeithorizont sprechen wir dabei?

Gilli: Das ist schwierig. Wenn ich jetzt einfach wünschen könnte, dann würde ich sagen, dass man uns ein Jahr Zeit geben sollte.

Was passiert, wenn es keine Einigung gibt und der Bundesrat dann wie angekündigt selber eingreift und den Tarmed anpasst?

Gilli: Eine der Hauptkritiken von Ärzten ist die Überregulierung in ihrem Bereich. Sie empfinden die Regulierungen oft als praxisfremd. Ich mache mir darum grösste Sorgen, dass das ein weiterer Regulierungsschritt wäre, der die Nöte der Ärztinnen und Ärzte nicht realistisch abbildet.

Yvonne Gilli Alt Nationalrätin (Grüne/SG) (Bild: Ralph Ribi)

Yvonne Gilli Alt Nationalrätin (Grüne/SG) (Bild: Ralph Ribi)

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