Gewappnet für den Ernstfall

Als Folge der geschlossenen Balkanroute dürften wieder mehr Flüchtlinge ihren Weg via Italien nach Mitteleuropa suchen. An der Schweizer Südgrenze ist es bis anhin aber ruhig.

Gerhard Lob
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Asylsuchender in Chiasso. (Bild: ky/Ti-Press)

Asylsuchender in Chiasso. (Bild: ky/Ti-Press)

CHIASSO. Die Flüchtlingsströme nach Europa folgen dem Prinzip der kommunizierenden Röhren. Wird eine Röhre geschlossen, steigt der Druck an einer anderen Stelle. Damit ist es in der Tat wahrscheinlich, dass auch in der Schweiz der Migrationsdruck wieder ansteigen wird. Da die Balkanroute für Flüchtlinge de facto geschlossen ist und am 20. März das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft trat, dürften Flüchtlingsrouten via Italien erneut an Wichtigkeit gewinnen. Und da Österreich seine Grenze zu Italien am Brenner zusehends mit restriktiven Kontrollen abschotten will, liegt ein Ausweichen nach Westen auf der Hand. In Richtung Schweiz.

Situation ist ruhig

Zurzeit handelt es sich aber um ein rein theoretisches Szenario. Denn an der Südgrenze in Chiasso ist alles sehr ruhig, wie auf Anfrage bei der Grenzwachtregion IV in Lugano versichert wird. «Im Regelfall stellen wir zwischen 13 und 15 illegale Aufenthalter pro Tag», sagt Sprecher Mirco Ricci. In der ganzen Osterwoche wurden lediglich 87 Personen aufgegriffen. Ein Teil dieser Personen stellte einen Asylantrag, andere wurden im Rahmen des Rückübernahmeabkommens gleich wieder nach Italien überstellt.

Zum Vergleich: Im Juni 2015 kamen in Chiasso wöchentlich mehr als 500 Migranten an. Dabei ist der Bahnhof von Chiasso traditionell der Hotspot der illegalen Immigration.

Bislang wenige Syrer

Auffällig ist nicht nur die eher geringe Zahl von Flüchtlingen, sondern auch ihre Herkunft. Es handelt sich fast ausschliesslich um Afrikaner: Personen aus Nigeria, Somalia, Eritrea oder Gambia. Von Syrern keine Spur. Dies lässt vermuten, dass sich Kriegsflüchtlinge aus Syrien noch nicht auf den sehr gefährlichen Weg über die zentrale Mittelmeerroute aufgemacht haben, seit die Balkanroute geschlossen ist. «Doch die Migrationsflüsse sind unvorhersehbar, wir sind auch auf einen erneuten Anstieg vorbereitet», sagt Ricci.

Zu vermuten ist, dass es sich momentan um das Phänomen einer Migration aus Afrika handelt, die jedes Frühjahr zu beobachten ist. Afrikaner versuchen dann, nach Italien zu gelangen, um vor allem als Erntehelfer tätig zu sein. Gelingt ihnen dies nicht, wandern sie weiter nach Norden, um eventuell einen Asylantrag zu stellen.

Unbestritten ist, dass in Italien die Zahl der neu angekommenen Bootsflüchtlinge aus Libyen wieder gestiegen ist. Dies belegen die jüngsten Zahlen der Internationalen Organisation für Migration. Der erwartete Ansturm von Osten – mit Ankünften in Apulien – ist aber ausgeblieben. Schlepper bieten neuerdings von Albanien oder von der Türkei Bootsfahrten bis nach Italien an. Wie «Spiegel-Online» berichtet, sind die Preise aber sehr hoch, von 4500 bis 6000 Dollar pro Person. Zum Vergleich: Für das Übersetzen von der Türkei auf eine griechische Insel verlangten die Schleuser circa 700 Dollar.

Apropos Schleuser: Im Tessin sind sie praktisch verschwunden. Konnte man in den vergangenen Jahren feststellen, dass Schleuser ihre Kunden von Italien bis über die Schweizer Grenze begleiteten, werden diese mittlerweile mit gefälschten Pässen sowie Bus- und Zugtickets ausgestattet und alleine auf den Weg geschickt. Laut Ricci befürchten Schleuser, gestellt und von den Strafbehörden zur Rechenschaft gezogen zu werden.