Gewalt unter Rockern
Verfeindete Gangs duellieren sich auf offener Strasse in Bern: Wie gefährlich und kriminell sind die Rockerbanden?

Sie bewerfen einander mit Flaschen und Steinen, prügeln sich vor dem Gerichtssaal: Rund um einen Prozess gegen Mitglieder verfeindeter Rockerbanden kommt es mitten in der Stadt Bern zu gewalttätigen Ausschreitungen. Jetzt gibt es Überlegungen, den Prozess an einen anderen Standort zu verlegen.

Kari Kälin
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Am Montag hat vor dem Regionalgericht beim Amtshaus in Bern ein Prozess gegen 22 Mitglieder verfeindeter Rockerbanden begonnen. Seither herrscht in der Stadt der Ausnahmezustand. Am Dienstagmorgen lieferten sich Anhänger der Hells Angels und der Bandidos eine Schlägerei vor dem Gerichtsgebäude. Die Kantonspolizei Bern antwortete mit Gummischrot und führte mehrere Personen ab.

Schon am Montag waren zwecks Unterstützung der Angeklagten je rund 100 Mitglieder der Hells Angels und der Bandidos aus der Schweiz und ganz Europa aufgekreuzt. Der Support bestand unter anderem darin, dass die Banden einander mit Flaschen und Steinen bewarfen. Dank dem Einsatz vieler Einsatzkräfte gelang es der Kantonspolizei Bern, eine direkte Konfrontation zu vereiteln. Sie setzte Wasserwerfer, Gummischrot, Pfefferspray und Diensthunde ein. Mehrere Strassen wurden zwischenzeitlich gesperrt.

Video: Silja Hänggi

Wie kommt es, dass die Stadt Bern unfreiwillig zur Bühne mutiert, auf der die Motorradgangs, bekleidet in «Rockeruniform», ihre aggressiven Feindseligkeiten inszenieren? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Um was geht es im Prozess?

Auf der Anklagebank stehen 22 Mitglieder von Rockerbanden, die einander bekämpfen. Zwei Personen wirft die Staatsanwaltschaft versuchte vorsätzliche Tötung vor, einem Rocker schwere Körperverletzungen, dem Rest Raufhandel und Gehilfenschaft dazu. Das Urteil wird für Ende Juni erwartet. 15 der 22 Beschuldigten sind Mitglieder von Bandidos, die restlichen gehören zu den Hells Angels und den mit diesen befreundeten Broncos. Der Grund für den Rockerprozess ist eine gewalttätige Auseinandersetzung, die sich im Mai 2019 in Belp im Kanton Bern abspielte.

2. Was passierte in Belp?

Die aus den USA stammenden Bandidos wollten 2019 in Belp einen Schweizer Ableger gründen. Die Hells Angels und die mit ihnen verbündeten Broncos erfuhren davon. Etwa 30 von ihnen fuhren zum designierten Clublokal. Gegen 18 Uhr kam es zur Auseinandersetzung. Mitglieder der Bandidos benutzten unter anderem eine Pistole als Schlaginstrument, schossen mehrfach in die Luft. Bei der Wildwest-Ballerei traf eine Kugel ein Hells-Angels-Mitglied, das sich danach einer Notoperation unterziehen musste. Einem Broncos-Mitglied wurde sodann ein Klappmesser in den Rücken gerammt. Vom bevorstehenden Besuch der «Höllenengel» und der Broncos hatten die Bandidos Wind bekommen und bereiteten sich martialisch darauf vor.

3. Weshalb bekämpfen sich die Rockerbanden?

Die Hells Angels formierten sich 1948 in den USA und sind seit 1970 mit einem Ableger in der Schweiz verankert. Hier sind sie die Platzhirsche unter den Motorradrockern. Will sich ein Rockerclub in der Schweiz etablieren, braucht er dafür gemäss einem ungeschriebenen Gesetz den Segen der Hells Angels. Die Bandidos widersetzten sich dieser Regel. Daher rühren der Aufruhr und letztlich die krawallartigen Szenen, die sich dieser Tage in Bern abspielen. Der bekannte Zürcher Rechtsanwalt Valentin Landmann steht den Hells Angels nahe. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» machte er ausländische Neuankömmlinge verantwortlich für die Eskalation: «In der Szene in der Schweiz herrschte fünfzig Jahre lang Frieden. Jetzt wollen gewisse Kreise den Krieg aus dem Ausland zu uns importieren.»

Video: Adrian Reusser / Keystoone-SDA

4. Wie gefährlich und kriminell sind die Rockerbanden?

Eine Gefahr stellen die Banden zuerst einmal für ihr eigenes Milieu dar. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) hat Kenntnis von einer einstelligen Anzahl strafrechtlich relevanter Vorfälle, die der Rivalität zwischen den Hells Angels und den Bandidos zuzuschreiben ist. Ungemütlich werden kann es auch für unbeteiligte Drittpersonen. Das offenbart eine Wildwest-Szene, die sich am vorletzten Wochenende in einer gut besuchten Bar in Genf zutrug. Ein Hells-Angels- und ein Bandidos-Mitglied feuerten mit Pistolen aufeinander. Nur durch Glück wurde niemand verletzt. Gemäss dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS stehen Revierkämpfe und kommerzielle Interessen am Ursprung des Konflikts. Das Fedpol schreibt: «Der Vorfall in Genf illustriert das Gewaltpotenzial, das zwischen diesen rivalisierenden Motorradgruppen besteht.»

Mitglieder von hierzulande angesiedelten Rockergruppen waren in der Vergangenheit zum Beispiel in Gewalt- und Vermögensdelikte involviert, oft kam es zu Drogendelikten und Verstössen gegen das Waffengesetz. «Grundsätzlich lässt sich sagen, dass auch in der Schweiz ein ernst zu nehmendes Konfliktpotenzial in der Szene der Rocker- und rockerähnlichen Gruppierungen vorhanden ist», schreibt das Fedpol. Die Präsenz mehrerer rivalisierender Gruppen habe in den letzten Jahren mehrfach zu Spannungen und Übergriffen geführt. Wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation wurde in der Schweiz bis jetzt noch kein Mitglied einer Rockergang verurteilt.

Im Ausland liefern sich Rockergangs zum Teil heftigere Auseinandersetzungen als in der Schweiz. Es geht oft um territoriale Ansprüche und geschäftliche Interessen. Insbesondere in Deutschland und den Niederlanden wurden in den vergangenen Jahren mehrere Rockergruppen als kriminelle Organisation eingestuft und verboten.

5. Wie geht es jetzt mit dem Prozess in Bern weiter?

Reto Nause, Sicherheitsdirektor der Stadt Bern, bezeichnet es als inakzeptabel, dass sich in der Berner Innenstadt Passanten teilweise durch Rockerbanden schlängeln müssen. Er brachte gegenüber dem Schweizer Radio und Fernsehen die Variante ins Spiel, die Gerichtsverhandlung an einen anderen Ort zu verlegen. Entsprechende Diskussionen sind offenbar am Laufen.