GESUNDHEITSWESEN: Jede dritte Arztleistung muss nicht sein

Nicht alles, was Ärzte tun, müssen Mediziner machen. Vieles kann von nicht ärztlichem Personal erledigt werden. Die interprofessionelle Arbeit hat denn auch grosses Potenzial. Und trägt zu mehr Effizienz und Qualität bei.

Balz Bruder
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Die administrative Belastung für Ärzte nimmt zu. (Bild: Getty)

Die administrative Belastung für Ärzte nimmt zu. (Bild: Getty)

Balz Bruder

Es ist mehr als professionelles Gejammer. Die administrative Belastung von akut-somatisch tätigen Ärzten nimmt zu. Vor allem jene der Assistenzärzte, die nur noch rund einen Drittel ihrer täglichen Arbeitszeit im Spital für patientennahe medizinische Tätigkeiten aufwenden. Umgekehrt bedeutet dies: Fast die Hälfte der Arbeitszeit geht für die Erfassung von Patientenverläufen am Computer drauf. Dies hat eine Begleitstudie zur Einführung des Fallpauschalen-Systems seit dem Jahr 2012 ergeben. Besonders absurd ist die Situation bei der anspruchsvollen Betreuung und Behandlung von multimorbiden und komplexen Patienten: Weniger als einen Fünftel der Arbeitszeit stehen die Assistenzärzte bei diesen noch am Bett.

Kein Zustand auf Dauer, sagte sich das Inselspital Bern und führte auf einer Bettenabteilung der Inneren Medizin ein Pilotprojekt durch, um mit dem Einsatz einer Care-Koordinatorin den Einfluss auf die administrative Entlastung der Assistenzärzte, die Behandlungseffizienz und die Kosten zu untersuchen. Und siehe da: Der Effekt ist in Bezug auf Entlastung «substanziell». Ebenso ist die Effizienz gestiegen – und zu einer Kostenreduktion führt der Einsatz «wahrscheinlich» auch. So steht es in der Auswertung der Pilotstudie, die in der «Schweizerischen Ärztezeitung» publiziert wurde. Patienten visitieren, Angehörigengespräche führen, Medikamente verordnen, Konsilien und Untersuchungen anmelden – das muss nicht zwingend ein Arzt erledigen.

Im Ausland ist der Einsatz von Nichtärzten verbreitet

Die Ergebnisse überraschen nicht – eher, dass es so lang dauerte, bis sich in der Schweiz interprofessionelle Arbeit im hiesigen Gesundheitswesen zu etablieren beginnt. Im Ausland nämlich ist der Einsatz von nicht ärztlichem Personal schon länger gang und gäbe. Mit gutem Erfolg – für die Spitalkunden ebenso wie für die Spitalökonomie: Die Verweildauer von Patienten in interprofessionellen Systemen sinkt ebenso wie der Umfang der Ärzteüberstunden. Deshalb hat das Inselspital entschieden, auf allen ­Bettenstationen der «Inneren» Care-Koordinatorinnen einzusetzen und den Impact auf die Arbeitszufriedenheit und die Kosteneffizienz systematisch zu untersuchen. Für Claudia Galli, Präsidentin des Schweizerischen Verbands der Berufsorganisation im Gesundheitswesen (SVBG), ist klar: «Die demografische Entwicklung mit der Alterung der Bevölkerung und der Zunahme an chronischen Erkrankungen, gepaart mit akutem Fachkräftemangel, zwingen die Gesundheitsbranche, neue Modelle der Zusammenarbeit und Aufgabenteilung zu erdenken.»

Dabei geht es nicht «nur» um Effizienz und Kostensparen: «Das oberste Ziel interprofessioneller Zusammenarbeit ist der Patientennutzen.» Und dieser hat viel damit zu tun, ob Arzt, Pfleger, Physiotherapeut, Seelsorger bei schwierigen Behandlungssituationen über die gesamte Expertise verfügen, um den fachlich und menschlich kom­plexen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Gleichwohl wird in der Schweiz trotz Hausärztemangel immer noch viel mehr von Medizinern am Patienten gemacht als im Ausland – von der Blutzuckermessung bis zur Fusskontrolle bei chronisch Kranken. Das müsste nicht sein: In den USA beispielsweise werden Darmspiegelungen und Ultraschalluntersuchungen des Herzens oder der Gefässe häufig von speziell qualifizierten Pflegenden durchgeführt. «Mit guten Resultaten», wie Professor Thomas Rosemann, Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich, sagt, «weil diese Personen sehr viel Praxis haben und die Interpretation der Befunde von Ärzten vorgenommen werden». Das Potenzial ist gross. Rosemann schätzt, dass rund 30 Prozent der ärztlichen Leistungen durch nichtärztliches Personal erbracht werden könnten.

Weshalb es in der Schweiz vor allem im ambulanten Bereich noch nicht so weit ist, kann Urs Zanoni, Leiter Masterplan Integrierte Versorgung Aargau, genau sagen: «Unser System, das immer noch stark auf die Ärzteschaft ausgerichtet ist, und der Tarmed als Vergütungssystem führen dazu, dass die Ärzte viel zu viel machen, für das sie überqualifiziert sind. Oder aber sie machen es aus Zeit- oder Kapazitätsgründen eben gerade nicht.» Der Effekt sei der gleiche, sagt Zanoni: «Es ist kostentreibend.» Sein Lösungsansatz ist ebenso einfach wie einleuchtend: «Jeder macht das, was er am besten kann – die Behandlungen werden von unten nach oben, also subsidiär organisiert.»

Das ist schön und gut, hat allerdings einen Haken, wie Zanoni selber weiss: «Wenn das funktionieren soll, müssen wir weg von der heutigen sektoralen ­beziehungsweise berufsspezifischen Einzelleistungsvergütung, wie sie das Krankenversicherungsgesetz vorsieht.» Das bedeutet: «Wir brauchen neue, pauschalierte Vergütungsmodelle, die einen ganzen Behandlungspfad oder eine ganze Patientengruppe umfasst.» Getreu dem Motto: Die Medizin ist für die Menschen da, nicht die Menschen für die Medizin. So, wie es die Berner «Insel» vormacht. Und wie es in den kommenden Jahren landauf, landab Schule machen dürfte.