Gesundheitssystem droht Kollaps: Taskforce-Chef Ackermann pocht auf sofortige Massnahmen

In zwei bis vier Wochen geraten die Intensivstationen in den Spitälern an den Anschlag, falls sich das Coronavirus im gleichen Tempo ausbreitet. «Wir haben keine Zeit mehr», sagt Covid-19-Taskforce-Chef Martin Ackermann. Diverse Kantone haben derweil schärfere Massnahmen beschlossen. In Genf gilt ein Versammlungsverbot ab 5 Personen.

Kari Kälin
Drucken
Teilen
Martin Ackermann, Präsident der Covid-19-Taskforce, montiert eine Schutzmaske

Martin Ackermann, Präsident der Covid-19-Taskforce, montiert eine Schutzmaske

Bild: Anthony Anex/Keystone

Der Kanton Zürich hält an Grossveranstaltungen fest, der Bundesrat will erst am nächsten Mittwoch über neue Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus entscheiden: Viele Mitglieder der Covid-19-Taskforce des Bundes lassen ihrem Unmut über die aus ihrer Sicht viel zu langsame Gangart der Politik auf Twitter freien Lauf.

Diplomatischer drückt sich Taskforce-Chef Martin Ackermann aus. Der Professor für Mikrobiologie an der ETH Zürich vermied es am Freitag an der Pressekonferenz des Bundes, die politischen Entscheidungsträger direkt anzugreifen. Er liess aber deutlich durchblicken, dass der Bundesrat und die Kantone jetzt weitere Restriktionen beschliessen müssen.

«Wir haben keine Zeit mehr um abzuwarten, ob die bisherigen Massnahmen ausreichen. Wenn wir jetzt schnell und entschlossen reagieren, sorgen wir dafür, dass die Schulen offen bleiben, die wirtschaftlichen Aktivitäten weiterlaufen und die Menschen nicht vereinsamen.» Ein zentrales Element: Die Menschen sollen ihre Kontakte im Beruf und in der Freizeit reduzieren, privat sollen sich maximal noch 10 Personen treffen.

Intensivstationen in zwei bis vier Wochen am Anschlag

Der Grund für den Alarmruf ist die Situation im Gesundheitswesen. Am Freitag vermeldete das Bundesamt für Gesundheit 6634 Neuinfektionen, 117 zusätzliche Spitaleinweisungen und 10 neue Todesopfer. Geht es im gleichen Stil weiter, also mit einer Verdoppelung der Spitaleinweisungen im Wochentakt, geraten die Intensivstationen in zwei bis vier Wochen an den Anschlag.

Derzeit gibt es knapp 1000 zertifizierte Betten, bei Bedarf kann die Kapazität auf 1400 aufgestockt werden. Mehr Patienten können nicht nur wegen mangelnder Betten nicht versorgt werden, sondern auch wegen des fehlenden Personals. Für die Covid-19-Taskforce ist klar: Nur wenn die Politik jetzt rasch handelt, kann ein Kollaps des Gesundheitssystems verhindert werden.

Und selbst wenn jetzt einschneidende Massnahmen verhängt werden, bleibe der Druck auf das Gesundheitssystem hoch, mahnte Ackermann. Denn der Nutzen neuer Einschränkungen schlägt sich verzögert auf die Entwicklung der Coronazahlen nieder.

Derzeit stecken zehn Menschen 16 weitere an. Erst wenn es gelingt, diesen Wert unter zehn zu drücken, verbessert sich die epidemiologische Lage. Die Taskforce erwartet, dass Massnahmen, welche die gleiche Wirkung entfalten wie der Lockdown im Frühling, die Zahl der Neuinfektionen wieder auf das Niveau von Ende September (gut 500) zu senken vermögen, wenn sie drei bis vier Wochen angewendet werden.

Auf gesellige Fondue- und Jodlerabende, auf krachende Partys können wir uns nicht einstellen. Die Taskforce empfiehlt, die Beschränkungen bis März/April durchzuziehen, um Jojo-Effekte zu vermeiden.

Kanton Bern schliesst Bars und Discos

Diverse Kantone haben derweil am Freitag die Schraube angezogen. Im Kanton Bern, der schon als erster Grossveranstaltungen verbot, sind ab Samstag Veranstaltungen mit mehr als 15 Personen oder Besuchern untersagt. Das gilt auch für Weihnachtsessen oder Apéros. Eine Ausnahme gibt es für Trauerfeiern, jedoch mit Maskenpflicht und Kontaktlisten. Für Restaurants gilt eine Sperrstunde ab 23 Uhr.

Bars, Clubs, Discos, Museen, Kinos, Bordelle müssen ihre Tore ebenso schliessen wie Fitnesscenter oder Hallenbäder. Mannschaftssportarten im Amateurbereich sind nicht mehr gestattet. Auch in den Laubengängen müssen die Menschen eine Maske tragen.

Auch viele Westschweizer Kantone versuchen, die Pandemie mit teilweise ähnlichen Schritten wie Bern in Schach zu halten. In Genf dürfen sich sowohl im öffentlichen Raum nicht mehr als 5 Personen treffen. Das gleiche gilt auch für die eigenen vier Wände, wobei Kinder unter 12 Jahren ausgenommen sind. Der Kanton Wallis hatte schon am Mittwoch eine schärfere Gangart angeschlagen.

Für den nächsten Mittwoch hat der Bundesrat weitere Massnahmen angekündigt. Je nach Lage könnte er sie laut Stefan Kuster vom Bundesamt für Gesundheit schon früher verhängen.