Gesundheitskosten: Sparbemühungen des Bundes verpuffen im Alltag

Eine Spitalgruppe könnte theoretisch mit viel Eigeninitiative Geld beim Einsatz von Medikamenten sparen. Doch die Krankenkassen zahlen nicht – wegen Formalitäten des Bundes.

Andreas Möckli
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Kosteneinsparungen, etwa beim Medikamenteneinkauf, scheitern oft an den Formalitäte des Bundes. (Bild: Gaetan Bally/Keystone, 27. November 2018)

Kosteneinsparungen, etwa beim Medikamenteneinkauf, scheitern oft an den Formalitäte des Bundes. (Bild: Gaetan Bally/Keystone, 27. November 2018)

Die hohen Gesundheitskosten sind in aller Munde. Der Bundesrat will mit einem Paket zur ­Kostendämpfung dem Problem Herr werden. SP und CVP haben Volksinitiativen lanciert, um im Falle der SP die Last der Prämien zu beschränken und im Fall der CVP den Kostenanstieg in den Griff zu bekommen.

Gleichzeitig kommen immer wieder Beispiele ans Licht, die zeigen, wie im Alltag unnötig ­Kosten verursacht werden. Einer, der solche Fälle wiederholt dokumentiert, ist Enea Martinelli. Er ­arbeitet als Chefapotheker für die ­Spitalgruppe Frutigen, Interlaken und Meiringen (FMI). «Solche Dinge nerven mich gewaltig», schreibt Martinelli auf seinem Blog. Anlass für seinen Ärger gibt der Fall einer Chemotherapie ­namens Oxaliplatin, die gegen Darmkrebs eingesetzt wird. Der Hersteller bietet das Präparat, das als Infusion verabreicht wird, in verschiedenen Grössen an. Die Spitalgruppe setzt die grösste Packung à 200 Milligramm ein, da pro Tag oft mehrere Patienten mit der Chemotherapie behandelt werden. Aufgrund der hohen Mengen, die benötigt werden, hat Martinelli einen tieferen Preis aushandeln können.

Helsana verweist auf den Bund

Doch nun will die Krankenkasse Helsana die Kosten nicht mehr übernehmen. Das Problem: Auf der Liste der erstattungspflich­tigen Medikamente ist die Packung à 200 Milligramm nicht aufgeführt. Folglich dürfe die Krankenversicherung dies so nicht mehr vergüten. Das Spital solle künftig die kleineren Packungen verwenden, die auf der erwähnten Liste aufgeführt sind. Laut Martinelli verursacht dies zusätzliche Kosten von 486 Franken pro Behandlung und Patient. Da die Chemotherapie über 24 Wochen zwölf Mal verabreicht werden muss, sind dies Mehrausgaben von 5800 Franken. Wie eine Nachfrage bei Helsana ergibt, verbirgt sich dahinter ein grösseres Problem. Die Krankenversicherung sei vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) angewiesen worden, in solchen Fällen nicht mehr zu vergüten, sagt ein Sprecher. Bis vor kurzem habe die Helsana problemlos bezahlt. Denn die Versicherer und die Leistungserbringer wie Spitäler und Ärzte hätten sich darauf geeinigt, auch Grosspackungen zu bezahlen, die sich nicht auf der Liste der erstattungspflichtigen Medikamente befinden.

Das BAG prüfe nach wie vor, ob Versicherer die rechtlichen Vorgaben einhalten würden, sagt ein Sprecher. Dabei werde unter anderem geprüft, dass nur Pflichtleistungen bezahlt würden. «Grosspackungen, die nicht auf der Liste der zu vergütenden Leistungen sind, können kostentreibend sein», sagt der Sprecher. Das sei zum Beispiel dann der Fall, wenn die Medikamente nicht eingenommen würden. Das BAG befinde sich aber «aktuell bereits im Gespräch mit Versicherern» zum Thema.

Der zweite von Martinelli angeprangerte Fall betrifft ein älteres Präparat zur ­Behandlung von chronischer Leukämie. Das Medikament namens Litalir sei im vergangenen Jahr wiederholt von Lieferengpässen betroffen gewesen. Martinelli wollte auf Deutschland ausweichen, wo das Mittel verfügbar ist. Dort kostet eine 100er-Packung jedoch 233.90 Franken und nicht wie in der Schweiz nur 102.50 Franken. Die hier betroffene Krankenversicherung KPT habe ihm mitgeteilt, sie könne aus ­gesetzlichen Gründen nur den Schweizer Preis bezahlen, da zur Behandlung chronischer Leukämie auch alternative Medikamente erhältlich sind.

Nur in der Schweiz einkaufen

Doch diese Alternativen sind deutlich teurer, obwohl es in gewissen Fällen bereits Generika gibt. Eines dieser Medikamente stammt von Novartis und heisst Glivec. Eine Monatspackung kostet knapp 2600 Franken, die Generika sind für knapp 1400 Franken erhältlich. In beiden Fällen ist die Alternative deutlich teurer als das ursprüngliche Medikament, selbst wenn es aus Deutschland importiert wird. Ein Medikament dürfe grundsätzlich nur dann im Ausland bezogen werden, wenn es in der Schweiz keine Alterna­tive gebe, hält ein Sprecher der Krankenversicherung KPT fest. Im Fall von Litalir gebe es vermutlich andere Präparate, auf die man ausweichen könne. Somit greife das sogenannte Territorialitätsprinzip, wonach Medikamente zu Lasten der Grundversicherung nur in der Schweiz gekauft werden dürften. Das BAG habe die KPT erst jüngst ermahnt, sich strikt an dieses Prinzip zu halten. Im Übrigen bedaure die KPT, dass aufgrund der strengen Regelauslegung des BAG keine pragmatischen Lösungen möglich seien.

Für Martinelli sind die beiden Beispiele Beleg dafür, dass der Formalismus im Gesundheitswesen viel weiter vorne stehe als die Vernunft. «Wenn wir uns solche Dinge leisten können, nur um der engsten Variante der Formalitäten Genüge zu tun, dann werden die Diskussionen über die Sparübungen des Bundes hinfällig», sagt der Spitalapotheker.