GESUNDHEIT: Pharma muss ein wenig bluten

Der Bundesrat will die Preise von Medikamenten weiter senken. 240 Millionen Franken sollen dadurch eingespart werden. Der Preisüberwacher kritisiert jedoch, die Pharmabranche werde privilegiert.

Maja Briner
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Maja Briner

Medikamente sollen günstiger werden. Dieses Ziel hat sich der Bundesrat gesetzt. Heute sind Originalpräparate hierzulande im Schnitt rund zehn Prozent teurer als in anderen europäischen Ländern, Generika gar fast 50 Prozent, wie Studien von Santésuisse und Interpharma zeigen. «Die Preisdifferenz ist nicht akzeptabel», betonte Bundesrat Alain Berset gestern. Fast eine Viertelmilliarde Franken will er in den nächsten drei Jahren einsparen – und damit auch das Wachstum der Prämien etwas abbremsen.

Erreichen will der Bundesrat das Ziel unter anderem, indem er innert drei Jahren die Preise aller kassenpflichtigen Medikamente überprüft und, wo angebracht, eine Preissenkung verfügt. Das soll Einsparungen von 180 Millionen Franken bringen. Zwischen 2012 und 2014 konnten mit diesem Vorgehen laut Berset rund 600 Millionen Franken gespart werden. Dann jedoch machte das Bundesgericht dem Bundesrat einen Strich durch die Rechnung: Bei der Festsetzung des Preises dürfe nicht nur der Vergleich mit den Auslandpreisen gezogen werden, urteilte es Ende 2015. Das Gesetz verlange, dass auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis mit anderen, ähnlichen Medikamenten berücksichtigt wird. Der Bundesrat hat die Regeln nun entsprechend abgeändert. Freuen dürfte dies die Pharmaindustrie: Die Preise dürften weniger stark sinken.

«Hier werden Millionen verschenkt»

Keine Freude hat hingegen Preisüberwacher Stefan Meierhans. «Ich bin sehr enttäuscht», sagt er. Nach dem alten System hätte «markant mehr» als die 180 Millionen Franken gespart werden können, sagt er. «Alle Industrien müssen seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses mit einem Wechselkurs von 1.10 leben – nur die Pharmaindustrie nicht», kritisiert der Preisüberwacher. Weil die Preisüberprüfung der Me­dikamente nur alle drei Jahre durchgeführt wird, könne die Pharmaindustrie bis 2019 mit einem veralteten Wechsel­- kurs von durchschnittlich 1.28 ­rechnen. «Das zementiert die ­Medikamenten-Hochpreisinsel Schweiz», sagt er.

Auch der Krankenkassendachverband Santésuisse fordert, die Preise müssten jährlich überprüft werden statt alle drei Jahre. «Hier werden Millionen verschenkt», kritisiert Andreas Schiesser, Projektleiter Medikamente bei Santésuisse. Bundesrat Berset verteidigte den Entscheid jedoch: Für eine jährliche Überprüfung brauchte der Bund drei- mal mehr Ressourcen, gab er zu bedenken.

Harsche Kritik musste der Bundesrat von der Stiftung für Konsumentenschutz einstecken: Er begünstige die Pharma, so der Vorwurf. Das bestreitet der Branchenverband Interpharma jedoch vehement. «Die Massnahmen führen vor allem dazu, dass die Medikamentenpreise unter Druck kommen», sagt Interpharma-Sprecherin Sara Käch. «Für unsere Branche wird es schmerzliche Preissenkungen geben.»

Ein «kapitaler Fehler» oder der Königsweg?

Bei den Generika rechnet der Bundesrat mit Einsparungen von 60 Millionen Franken. Geändert wird unter anderem der Preisabstand, der bei der Überprüfung zwischen Originalpräparat und Generikum gilt. Das kritisiert der Verband Intergenerika. «Es könnte sein, dass der Schuss nach hinten losgeht», sagt Geschäftsführer Axel Müller. Für manche Firmen könnte es sich laut Müller nicht mehr lohnen, ein Generikum auf den Markt zu bringen. «Das könnte dazu führen, dass nur noch das – teurere – Originalmedikament verfügbar ist und die erwarteten Einsparungen zunichte gemacht werden.»

Nach Ansicht von Preisüberwacher Meierhans gehen die Massnahmen jedoch zu wenig weit. «Das ist ein schüchterner Sparversuch», sagt er, «es ist längst nicht die Lösung des Problems.» Meierhans fordert ebenso wie Santésuisse ein Referenzpreissystem, bei dem der Bund die maximale Vergütung pro Wirkstoff festlegen würde. Das würde laut Meierhans Einsparungen von kurzfristig zwischen 300 und 400 Millionen Franken pro Jahr bringen.

Der Bundesrat will noch dieses Jahr einen Vorschlag dazu in die Vernehmlassung bringen. Dabei legt er sich mit der Pharmabranche an. Müller von Intergenerika sagt, ein Referenzpreissystem wäre ein «kapitaler Fehler». Und Sara Käch von Interpharma warnt: «Die Gefahr besteht, dass der Patient immer nur das günstigste Medikament erhält und nicht das am besten geeignete. Das ist der falsche Weg.»