GESUNDHEIT: Fitnessverband hofft auf den Bund

Ein Fitnessabo, finanziert von der Krankenkasse: Diese Initiative kommt nicht zustande. Doch der Fitnessverband hat einen neuen Pfeil im Köcher – ein Gesuch beim Bundesamt für Gesundheit.

Kari Kälin
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In Form dank Spinning: körperliche Ertüchtigung in einem Fitnesscenter. (Bild: Getty)

In Form dank Spinning: körperliche Ertüchtigung in einem Fitnesscenter. (Bild: Getty)

Kari Kälin

8 Milliarden Franken pro Jahr: So hoch veranschlagt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die ­direkten und indirekten Folgekosten von Übergewicht und Fettleibigkeit. Für Diabetes, eine mögliche Folge von zu vielen Kilos, kommen weitere 2,3 Milliarden Franken hinzu. Der Schweizerische Fitness- und Gesundheitscenterverband (SFGV) wollte diese Kosten mit der Losung «Bewegung anstatt Pillen» eindämmen. In einer Volksinitiative forderte er: Die Krankenkassen sollen in der obligatorischen Grundversicherung die Kosten für ein Fitnessabo übernehmen.

Das Volksbegehren kommt nicht an die Urne. Drei Monate vor Ablauf der Sammelfrist haben die Initianten bloss 20000 der benötigten 100000 Unterschriften zusammen. An ihrer Jahresversammlung in Luzern beschloss gestern der SFGV, das Projekt abzublasen. Präsident Claude Ammann ist nach wie vor vom Ansatz der Initiative überzeugt: «Mit der Förderung von Bewegung lassen sich Gesundheitskosten einsparen.»

Ein Programm für Diabetes-Patienten

Der SFGV hat einen alternativen Weg eingeschlagen, um doch zum Ziel zu gelangen – zumindest bei Patienten mit der Krankheit Diabetes 2 (erhöhter Blutzuckerspiegel). Die Fitnessbranche hat beim BAG ein Gesuch gestellt, das Bewegungsprogramm Corpura in den Leistungskatalog der Grundversicherung aufzunehmen. Das Ziel: Anstatt bloss Medikamente sollen Ärzte Diabetes-2-Patienten auch körperliche ­Aktivitäten – begleitet, gecoacht und überwacht von zertifizierten Fitnesscentern – auf Kosten der Allgemeinheit verschreiben ­können. «Da der Effekt einer Bewegungsförderung bei verschiedensten Krankheiten erweisen ist und Medikamente langfristig ersetzt werden können, erscheint dieser Schritt als überfallig», heisst es im Gesuch, das aus der Feder von Lukas Zahner stammt. Der Professor für Sport, Gesundheit und Bewegung an der Universität Basel berät den SFGV. Bloss: Ganz gratis ist das Bewegungsprogramm nicht. Der SFGV rechnet mit Kosten von rund 5600 Franken, wenn sich ein Patient während dreier Jahre coachen lässt. Zahner ist aber überzeugt: Berappen die Kranken­kassen diese Programme für Diabetes-2-Patienten, sinken langfristig die Gesundheitskosten. «Eine solche Wette würde ich jederzeit eingehen», sagt er und verweist auf internationale Studien. Konkret erwartet Zahner tiefere Behandlungs­kosten, weil die Symptome der Krankheit gelindert werden und es weniger Medikamente braucht. Zu einem Fitnessprogramm verknurren will Zahner keinen der rund 450000 Diabetes-2-Patienten in der Schweiz. «Aber sie sollen die Wahl haben, ob sie sich nur mit Medikamenten oder auch mit anderen Methoden behandeln lassen wollen.»

Der Krankenkassendachverband Santésuisse hat kein Musikgehör für die Idee des SFGV bezüglich Diabetes 2. Genügend Bewegung sei zwar eine präventive Massnahme gegen diese Erkrankung, sagt Sprecher Christophe Kaempf. Die obligatorische Grundversicherung sei jedoch nicht dafür vorgesehen, Kosten für präventive Massnahmen zu übernehmen. «Santésuisse lehnt deshalb die Finanzierung dieses Programms mit Prämiengeldern aus der obligatorischen Grundversicherung ab», sagt Kaempf. Zahner kritisiert diese Haltung: «Man betreibt in der Schweiz immer noch zu viel Reparaturmedizin, anstatt in die Prävention zu investieren.»

Zahner will das Projekt Corpura durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse beflügeln. Seit letztem Herbst läuft an der Universität Basel eine Studie unter dem Titel «Movingcall». Daran nehmen Leute teil, die sich notorisch zu wenig bewegen und deshalb Gefahr laufen, gesundheitliche Probleme zu bekommen. Zahner und sein Team wollen prüfen, wie sich individuelle Beratung per Telefon und ein auf die Bedürfnisse der Teilnehmer abgestimmtes Fitnessprogramm langfristig auf das Bewegungsverhalten auswirkt. Das Programm dauert ein halbes Jahr, alle zwei Wochen erhalten die Teilnehmer einen Telefonanruf ihres Coaches. Bis jetzt haben rund 200 Probanden mitgemacht. Nur 4 Prozent haben das Programm abgebrochen. «Viele Teilnehmer berichten, dass sich ihre Gesundheit verbessert hat und sie Gefallen an der Bewegung gefunden haben.» Zahner ist überzeugt, dass bewegungs­arme Personen ihren Lebensstil langfristig nur zu verändern vermögen, wenn sie eng begleitet werden – und wieder Freude am Sport gewinnen. Eine blosse ­Ermahnung des Hausarztes, so Zahner, reiche nicht aus.

Hinweis

Wer an der Studie mitmachen will, findet Informationen unter www.movingcall.com/kontakt