Gérard Collomb wich nicht von Macrons Seite - jetzt geht er zurück in die Provinz

Gegen den Willen von Emmanuel Macron erzwingt der französische Innenminister Gérard Collomb seinen Rücktritt.

Stefan Brändle
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Gérard Collomb will für das Bürgermeisteramt von Lyon kandidieren. (Bild: EPA/Ian Langsdon)

Gérard Collomb will für das Bürgermeisteramt von Lyon kandidieren. (Bild: EPA/Ian Langsdon)

Gérard Collomb war der Treuste der Treuen. Schon in der Präsidentschaftskampagne 2017 wich er nie von Emmanuel Macrons Seite. Fast automatisch ernannte ihn der Präsident darauf zu seinem Innen- und Polizeiminister – ein Schlüsselposten in Terrorzeiten, ein Vertrauensamt. Collomb, dem Mann aus der tiefen französischen Provinz, kullerten bei der Ernennung im Elysée-Palast, diesem Symbolort der Pariser Machtsphäre und des politischen Erfolgs, dicke Tränen über die Wangen.

Am Mittwoch fehlte Collomb aber in der wöchentlichen Regierungssitzung. In der Nacht hatte Macron widerwillig seinen Rücktritt akzeptiert. Am Vortag noch hatte er Collombs Ansinnen harsch zurückgewiesen. Doch der Minister blieb hart. Er wolle wieder für das Bürgermeisteramt von Lyon kandidieren, begründete der frühere Präsident der Rhone-Stadt seinen Schritt.

Was er nicht sagte: Damit überwirft er sich auch mit seinem Freund Macron. Auslöser war seine Bemerkung gewesen, die Staatsführung lege einen «Mangel an Bescheidenheit» an den Tag. Auch die französischen Medien führen den massiven Popularitätseinbruch Macrons vor allem auf seine unverhohlenen, durch viele Auftritt bestätigten Überlegenheitsgefühle zurück. Unlängst erweckte der Staatschef erneut den Eindruck blinder Abgehobenheit, als er öffentlich einen arbeitslosen Gärtner zurechtwies. Er brauche «nur über die Strasse zu gehen», um einen Job zu finden, meinte er zu dem einfachen Mann. Der taktlose Auftritt Macrons bestätigt Collombs Einschätzung. Der bärbeissige, ehemals sozialistische Minister ist in Frankreich populär, gilt er doch als Mann aus dem Volk. Sein Schicksal erinnert an das zwei anderer Regierungskollegen, Umweltminister Nicolas Hulot und Sportministerin Laura Flessel: Sie hatten unlängst den Hut genommen, weil sie mit Macron auch nicht mehr konnten.

Die drei beliebten Politaussenseiter stehen in scharfem Kontrast zu den abgehobenen Technokraten der Eliteverwaltungsschule ENA, die heute in Paris das Sagen haben. Unter Macron wird die «Enarchie» zur eigentlichen «Partei des Präsidenten», wie Anfang Jahr eine Gruppe anonymer Spitzenbeamter in der Zeitung «Le Monde» kritisierte. Verheerend ist diese Entwicklung für Macron selber: Wenn sein Umfeld nur noch aus jenen jungen, blitzgescheiten ENA-Abgängern besteht, die sich für die Crème des Staatsapparates, ja der Nation halten, ist niemand mehr da, um den ohnehin zur Hybris neigenden Präsidenten zu bremsen.

Mit Collomb verliert Macron nicht nur einen Minister mit Bodenhaftung, sondern auch den Bezug zu den politischen Realitäten seines Landes. Der 71-jährige Minister gilt zwar als amtsmüde und politisch geschwächt durch die Affäre des Elysée-Leibwächters Benalla. Aber er berichtete seinem Vorgesetzten im Elysée-Palast, was sich draussen in der Provinz tat. Jetzt kehrt Collomb selber dorthin zurück, weil er genug hat von den Pariser Allüren.