Gentests an Embryos: Ja, aber…

Der Bundesrat will Gentests an noch nicht eingepflanzten Embryos zulassen. Aber nur für Paare, deren Familie durch eine schwere Erbkrankheit belastet ist.

Denise Lachat
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Alain Berset (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Alain Berset (Bild: ky/Peter Klaunzer)

BERN. Bisher war es in der Schweiz verboten, einen durch Befruchtung im Reagenzglas erzeugten Embryo auf genetische Defekte hin zu untersuchen. Dieses Verbot will der Bundesrat nun auf Vorschlag des Parlaments lockern: Für Paare, in deren Familie schwere Erbkrankheiten vorkommen, soll die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt sein. Zu den schweren Erbkrankheiten zählt der Bundesrat die Mukoviszidose oder die spinale Muskelatrophie. In der PID nicht erlauben will der Bundesrat hingegen die Untersuchung der Chromosomen zur Erkennung von Trisomie 21, die das Down-Syndrom verursacht. Ebenso verboten bleibt die Auswahl sogenannter Retter-Babies zur Gewebespende für kranke Geschwister.

Keine Selektion bei Trisomie 21

Mit der Einschränkung bei der Trisomie 21 will der Bundesrat verhindern, dass «die Türen für die Eugenik» geöffnet werden, wie Gesundheitsdirektor Alain Berset gestern sagte. Es handle sich um eine ethisch sensible Materie, der Bundesrat habe die Interessen sehr genau abgewogen. Mit der restriktiven Lösung nimmt der Bundesrat Rücksicht auf Bedenken, die quer durch alle Parteien gehen. Vor allem CVP, SP und Grüne sind zurückhaltend. Da die Neuregelung eine Verfassungsänderung nötig macht, wird das Volk darüber abstimmen können. Diese breite gesellschaftliche Diskussion begrüsst auch Nationalrätin und Ärztin Yvonne Gilli (Grüne/SG). Persönlich unterstützt sie den Vorschlag als «maximal mögliche Restriktion», da die PID bei gesunden Eltern ausgeschlossen wird. Um erblich belastete Paare gesunden Paaren bei der PID gleichzustellen, erhöht der Bundesrat zudem die «Dreier-Regel» auf eine «Achter-Regel»: Da belastete Paare mit nur drei befruchteten Eizellen im Reagenzglas wenig Chancen auf einen gesunden Embryo haben, dürfen künftig maximal acht Embryonen hergestellt werden. Um Mehrlingsschwangerschaften zu verhindern, wird nur ein Embryo eingepflanzt, die übrigen können aufbewahrt werden. Bei der Pränataldiagnostik hingegen sind alle Paare gleichgestellt. In der Frühschwangerschaft sind Tests auf Trisomie 21 erlaubt; schwangere Frauen können abtreiben.

«In der Praxis nicht haltbar»

Ruth Baumann vom Institut Dialog Ethik und Mitglied der eidgenössischen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, bezweifelt, dass sich diese Einschränkung in der Praxis aufrechterhalten lässt. Wenn ein Arzt bei einem Embryo das Down-Syndrom entdecke, sei er verpflichtet, die Frau darüber zu informieren. Die Frau wiederum würde sich wohl gegen eine Einpflanzung dieses Embryos wehren – eine Selektion sei also nicht zu verhindern. Sonst müsste konsequenterweise das «Screening» auf das Down-Syndrom und auch die Information darüber verboten werden. Und angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung, die stark auf die Erfüllung des Kinderwunsches ausgerichtet sei, lasse sich die Einschränkung auf erblich vorbelastete Paare auf die Dauer kaum halten. «Was sagt man denn Frauen über 40?» Auch die Möglichkeit, Embryos für die Forschung aufzubewahren, verstärke den Trend, Menschenleben als Verbrauchsmaterial zu behandeln. «Von Menschenwürde kann keine Rede sein.»

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