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Genf probt den Ernstfall für seine Mega-Bahn – mit einem Katastrophenszenario

2000 Personen nehmen am Freitag an einer Sicherheitsübung teil für den «Léman Express», der Ende Jahr startet. Das riesige öV-Projekt soll den Verkehr in der Region revolutionieren. Doch es gibt Probleme.
Benjamin Weinmann aus Genf

Der Countdown läuft. Am Bahnhof Genf-Cornavin werden die Passanten täglich auf das Startdatum des «Léman Express» hingewiesen. Heute zeigt die digitale Tafel, dass es noch 92 Tage dauert, bis das knapp 2 Milliarden Franken teure öV-Projekt eingeweiht wird: Am 15. Dezember erhalten Genf und die umliegenden Regionen, auch die französischen Vororte, endlich eine eigene S-Bahn. Es wird die grösste, grenzüberschreitende S-Bahn Europas sein mit täglich 50 000 Passagieren auf 230 Schienenkilometern. Eine unterirdische Linie wird die beiden Seeufer verbinden. Seit acht Jahren laufen die Bauarbeiten, nun befinden sie sich in den letzten Zügen.

Auf die Pendler warten fünf neue Bahnhöfe und sechs Bahnlinien, die 45 Bahnhöfe bedienen. Zudem bauen die SBB und andere Immobilienfirmen an den neuen Stationen Wohnblöcke mit tausenden Wohnungen. Ziel des «Léman Express» ist es, die chronisch verstopften Strassen in und um Genf zu entlasten und die rund halbe Million Menschen, die täglich von Frankreich und der Waadt nach Genf zur Arbeit fahren, zum Umsteigen auf den Zug zu bewegen. Auf dem Einwohneramt läuft denn auch ständig ein Film, der auf die Vorzüge des Léman Express aufmerksam macht.

"Realistische Katastrophensituation"

Bevor der «Léman Express» mit seinen 40 Zügen auf den neuen Schienen verkehren kann, steht heute eine riesige Sicherheitsübung an. Vor einigen Tagen haben die Zuständigen darüber an einer Pressekonferenz informiert: Vertreter der SBB, der französischen Staatsbahn SNCF, des Kantons Genf und der französischen Präfektur Haute-Savoie. Sie alle sind an der Lancierung des «Léman Express» beteiligt.

Das genaue Szenario der zivilen Sicherheitsübung in einem Tunnel an der französisch-schweizerischen Grenze ist geheim. Die 1200 freiwilligen Teilnehmern der Übung sowie die Rettungsdienste sollen möglichst spontan reagieren. Zählt man alle Sicherheits- und Notfallkräfte hinzu, sind sogar rund 2000 Personen in die Übung involviert. Nicht mal die Ernstfallübungen im Strassentunnel vom Mont Blanc zählen derart viele Involvierte. Die Rede ist von einer fiktiven Zugkollision, die schwer verletzte Opfer und geschockte Zeugen verursachen wird. Der Genfer Sicherheitsdirektor Mauro Poggia spricht von einer «realistischen Katastrophensituation». Sein Amtskollege, Transportdirektor Serge Dal Busco von einem «Extremszenario». Die Übung wird acht Stunden dauern und kostet rund 300 000 Franken.

Als Genf die modernste Tramstadt der Welt war. Doch dann...

Die gross angelegte Übung widerspiegelt die Dimensionen und die Bedeutung des «Léman Express» für die Region. Denn Genf wartet seit Jahren auf die dringend benötigte Entlastung des Autoverkehrs durch ein besseres öV-Netz. Neidisch blickt die Bevölkerung auf andere Städte wie Basel, Bern oder Zürich, die bereits vor Jahrzehnten eine S-Bahn erhielten, oder Lausanne mit seiner Metro.

Dabei war Genf einst in der Poleposition: In den 30er-Jahren hatte die Stadt das dichteste Tramnetz der Welt. Doch dann kam das Auto. Und die Genfer Noblesse forderte freie Fahrt für ihre schicken, motorisierten Kutschen. Mondän wie die Amerikaner wollte man sein. So begann die Stadt die Tramschienen wieder aus dem Boden zu reissen. Von einst über 120 Streckenkilometern blieben bis Ende der 60er-Jahre gerade mal 8 übrig. Nur die Tramlinie 12 überlebte, die älteste Europas. Ein verkehrstechnischer Fehler, unter dem die Stadt bis heute leidet.

Nun wollen die Genfer aufholen – und zwar mit grossen Schritten. Denn die Stadt kommt zu Stosszeiten an ihre Grenzen. Ein Wasserrohbruch reicht, um den Strassenverkehr im ganzen Zentrum lahmzulegen. Gemäss den Prognosen wird der motorisierte Verkehr in der Stadt dank dem «Léman Express» um 12 Prozent sinken.

Das Problem mit den Stadler-Zügen

Heute reisen über 90 Prozent der Grenzgänger mit dem Auto an. Dabei handelt es sich um Franzosen, aber auch um viele Schweizer, die vor den teuren Mietpreisen in Genf ins günstigere Frankreich nahe der Grenze geflüchtet sind. Die 7 Kilometer entfernte Stadt Annemasse allein rechnet mit einem Anstieg ihrer Zugreisenden von jährlich 350 000 auf vier Millionen. Anstatt 33 Minuten dauert die Fahrt an den Genfer Hauptbahnhof Cornavin künftig nur noch halb so lange.

Der «Léman Express» fährt je nach Linie und Tageszeit bis zu sechs Mal pro Stunde. In der Schweiz betragen die Kosten 1,6 Milliarden Franken, in Frankreich 235 Millionen Euro. Die Flotte besteht aus 23 Flirt-Zügen der Thurgauer Firma Stadler Rail, sowie 17 Régiolis-Zügen des französischen Herstellers Alstom. Für den Betrieb wurde die Firma Lémanis SA gegründet, an der die SBB mit 60 und die SNCF mit 40 Prozent beteiligt sind.

Ursprünglich war der Start auf 2017 terminiert. Doch Einsprachen, ein schwerer Unfall und geologische Probleme sorgten für ein Verzögerung. Und zurzeit warten die SBB noch immer auf die Zulassung ihrer Stadler-Züge in Frankreich. Droht gar eine Verschiebung des Starts in letzter Minute? Ein SBB-Sprecher wiegelt auf Anfrage ab. Man erwarte die Zusage demnächst, so dass dem Start Mitte Dezember nichts im Wege stehe. Allerdings hätte das OK bereits Ende Juli eintreffen sollen.

Weitere Grossbaustellen in Lausanne und Genf

Der «Léman Express» soll im Ballungsraum «Gross Genf» die Menschen mehr zueinander rücken. Heute leben eine Million Menschen in diesem Gebiet, das vom Westen der Waadt, über Genf bis in die französischen Gemeinden Haute-Savoie und Ain reicht. Die Ortschaften sind geographisch alle nahe beieinander, aber über den öV nur schwach verbunden.

Aufatmen ist nach dem Start aber nicht angesagt. Denn nach dem Bau, ist vor dem Bau. «Gross-Genf» wächst rasant weiter. Im Rahmen des Projekts «Léman 2030» sind weitere Bauarbeiten geplant, insbesondere in Lausanne. Und in Genf ist ein zweispuriger Tiefbahnhof geplant.

Doch vorerst steht die feierliche Eröffnung kurz vor Weihnachten an. Es ist eine Bescherung, auf die Genf lange gewartet hat.

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