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Wie im schlimmsten Albtraum: Während einer Vergewaltigung sind viele Frauen wie gelähmt – drei Betroffene berichten

Wenn sich eine Frau bei einem sexuellen Übergriff nicht wehrt, hat sie vor Gericht kaum Chancen, Recht zu erhalten. Dabei geraten 70 Prozent in eine biologisch bedingte Schockstarre, bei der sie nicht einmal mehr schreien können.

Annika Bangerter
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In der Schockstarre sind die Muskeln kurzzeitig gelähmt, und die Wahrnehmung ist verändert. Wut und Widerstandskraft sind ausgeschaltet.

In der Schockstarre sind die Muskeln kurzzeitig gelähmt, und die Wahrnehmung ist verändert. Wut und Widerstandskraft sind ausgeschaltet. 

Bild: Shutterstock

Es kam mir ewig vor. Als er meine Handgelenke packte und mich runterdrückte, konnte ich noch sprechen. Ich sagte ihm: Nein, ich will das nicht. Mehrfach. Wut kam in mir hoch, weil er mein Nein nicht akzeptierte. Ich wollte schreien, konnte aber nicht. Ich weiss noch, wie ich dachte: Das passiert jetzt nicht, ich will das nicht. Dann versagte die Logik. Meine Hände begannen zu kribbeln und mein Körper wurde schwach. Es fühlte sich an, als ob ich plötzlich sehr hohes Fieber hätte und nicht mal mehr die Kraft dazu hätte, eine Tasse Tee zu halten. Es war wie in einem Traum: Ich spürte und wusste, dass es mein Körper ist, an dem er sich vergeht, aber ich konnte nicht einschreiten und ihn stoppen.

Opfer von Vergewaltigungen schildern oft Ähnliches wie Katrin*, der es als 20-Jährige in der Wohnung ihres Dates passiert ist. Wenn die Täter sie an intimen Stellen anfassen oder das «Nein» ignorierten, fühlen sich die Frauen wie gelähmt. Weshalb haben sie nicht geschrien, gekratzt, gebissen oder dem Mann ihr Knie zwischen die Beine gerammt? Solche Fragen bekommen die Betroffenen im Nachhinein häufig gestellt.

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass bei einer Vergewaltigung der Körper sich instinktiv wehrt. Auch Katrin wurde von einer Staatsanwältin gefragt, wieso sie nicht aufgestanden sei, als er sich kurz wegdrehte, um nach dem Gleitgel in der Kommode zu greifen. «Ich wusste keine Antwort. Alles, was ich dazu sagen konnte, war: Ich kann es mir selber nicht erklären, ich lag da und war erstarrt», sagt Katrin.

Die Reaktion ihres Körpers ist keine Seltenheit. Im Gegenteil: Die Mehrheit der Frauen kann bei einer Vergewaltigung keinen Widerstand leisten. Das belegte 2017 eine Studie des Karolinska-Instituts in Schweden.

Von rund 300 vergewaltigten Frauen gaben 70 Prozent an, dass sie während des Übergriffs eine tonische Immobilität erlebt hatten. Umgangssprachlich spricht man von einer Schockstarre. Die Muskeln sind kurzzeitig gelähmt, die Wahrnehmung verändert.

Es war ein Mann, den ich mehrfach getroffen hatte, auch bei ihm zu Hause. Ich hatte Gefühle für ihn. Als er sich über mein Nein hinwegsetzte, war das ein Schock. Ich realisierte: Diesen Menschen kenne ich nicht. Plötzlich schien alles möglich: Ich hatte panische Angst. Das Einzige, woran ich denken konnte, war: Ich will nicht sterben. (Katrin*)

Wieso werden bei einem sexuellen Übergriff nicht sämtliche Widerstandskräfte mobilisiert? Maggie Schauer leitet das Kompetenzzentrum für Psychotraumatologie an der Universität Konstanz. Sie hat ein Modell entwickelt, das den Shutdown des Körpers bei einem traumatischen Erlebnis beschreibt.

Es beginnt mit der sogenannten Orientierungsreaktion. Wer stark erschrickt, friert die Bewegung kurz ein und richtet die ganze Aufmerksamkeit auf die bedrohlichen Signale. Wie ein Fuchs im Scheinwerferlicht des Autos. «Diese Reaktion lässt sich bei allen Wirbeltieren beobachten – und auch beim Menschen», sagt Schauer. Etwa, wenn ein Mann zudringlich wird. Es ist eine erste Erstarrung, die sich rasch auflöst.

Die Evolution kennt zwei Auswege aus der Situation: Flucht oder Kampf. Zu diesem Zeitpunkt kann das Wissen aus Selbstverteidigungskursen noch angewandt werden. Es ist hilfreich, wenn man bereits früher einmal geübt hat, seine Grenzen aufzuzeigen. «Die eigene Lerngeschichte spielt in diesem Moment eine grosse Rolle. Durch die Sozialisierung fällt es gerade Frauen schwer, sich zu wehren. Sie haben in der Regel stärker als Männer verinnerlicht, angepasst und nicht dominant-aggressiv zu sein», sagt Schauer.

Neben Flucht oder Kampf kennt die Biologie aber auch eine dritte Reaktion: das Einfrieren. In der Fachsprache heisst das dissoziativer Stupor. «Ist die Überwältigungssituation bereits da, schaltet der Körper in den nächsten Modus. Er erstarrt. Bei einem sexuellen Übergriff kann dies durch die Nähe des Angreifers oder dessen erste Berührungen erfolgen», sagt Schauer.

Schreien, strampeln, schlagen: Das ist dann nicht mehr möglich. Die Biologie übernimmt. Auch im Gehirn. Der Thalamus ist dort zuständig, welche Informationen ins Bewusstsein geleitet werden. Tritt die Schockstarre ein, leitet er immer weniger Empfindungen weiter. Die Folge: Die Opfer hören Geräusche nur noch aus der Ferne, nehmen die Umgebung verschwommen wahr, und eine grosse Schwere umhüllt sie. «Es ist, als ob sich der Körper sensorisch aus der Wirklichkeit verabschiedet», sagt Schauer. Das kann bis zur Ohnmacht führen.

Es geschah vor zwei Jahren. Ich war mit meinem besten Kollegen unterwegs, als ein Bekannter von ihm dazustiess. Als ich gehen wollte, sagte er, er müsse in die gleiche Richtung wie ich. Er schaue, dass ich sicher nach Hause komme. An der Bushaltestelle war der letzte Bus bereits weg. Ich blickte auf den Fahrplan, als er mich umdrehte und küsste. Als er meine Hosen runterschob, zog ich sie wieder hoch und sagte ihm, dass ich das nicht will. Er machte einfach weiter. Ab diesem Moment war ich wie betäubt und konnte nicht mehr sprechen. Es war ein Zustand wie auf Drogen. Ich war innerlich weggetreten und habe der Vergewaltigung von aussen zugeschaut. (Janine*)

Dies sei eine typische biologische Reaktion, sagt die klinische Psychologin Maggie Schauer: «Der Körper hat sekundenschnell entschieden, dass durch eine Aktion nichts mehr erreicht werden kann. Es geht nur noch ums Überleben. Das heisst: eine starke Verletzung des Gewebes, der Organe oder der Blutgefässe zu verhindern.» Auch Wut und Widerstand werden ausgeschaltet, was entsprechend als lähmend empfunden wird. Dies ist eine Schutzmassnahme, um die Aggressivität beim Angreifer nicht weiter zu steigern.

Das Phänomen des Dissoziierens – dem innerlichen Wegtreten – ist seit dem Mittelalter bekannt. In den Hexenprozessen hiess es, es sei ein Geschenk des Teufels, wenn die Frauen bei den Folterungen wegdrifteten. Im Tierreich ist zudem die Erstarrung gut erforscht.

Bereits Darwin beschrieb die tonische Immobilität. Später wurde mit Elektroschocks untersucht, wie rasch Tiere in die Erstarrung fallen. «Das Wissen ist bei Verhaltensforschern und Neurobiologen vorhanden. Weniger bei Entscheidungsträgern und Juristen», sagt Schauer. Die schweizerische Rechtsprechung kennt diese Lähmung nicht.

Damit der Tatbestand einer Vergewaltigung erfüllt ist, muss der Täter rohe Gewalt ausgeübt haben, das Opfer bedroht oder unter psychischen Druck gesetzt haben. Wer sich jedoch über ein «Nein» hinwegsetzt, macht sich nicht strafbar. Dieses Gesetz wird momentan intensiv diskutiert. Zwar anerkennen die Gerichte oft, dass die sexuellen Handlungen gegen den Willen der Frauen vorgenommen wurden. Die Täter kommen dennoch davon. Das zeigt eine unveröffentlichte juristische Studie, in deren Rahmen Einstellungsverfügungen untersucht wurden. Sie liegt dieser Zeitung vor.

Mit-Autorin Agota Lavoyer unterstützt bei der Berner Opferhilfestelle Lantana Betroffene, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Bei den Strafverfolgungsbehörden sei zwar das Phänomen des körperlichen Einfrierens teilweise bekannt, sagt sie. Aber: «Es fehlt das Wissen, dass bereits das Überschreiten der sexuellen Grenze eine solche Schockstarre auslösen kann – auch wenn der Täter nicht gewalttätig ist.» Vielmehr werde davon ausgegangen, dass die Opfer Widerstand leisten und sich wehren können und sollten.

Lavoyer kritisiert Vergewaltigungsmythen. Weit verbreitet ist etwa die Vorstellung des Täters, der nachts an einer menschenleeren Strassenecke Frauen anfällt. «Solche Taten stellen eine Minderheit dar. Die meisten Opfer kennen den Täter. Somit müssen die meisten keine Gewalt anwenden, da sie das Vertrauensverhältnis und die Überforderung des Opfers ausnutzen», sagt Lavoyer. So war es auch in einem schicken Schweizer Hotel, wo ein sexueller Übergriff bei einer Massage stattfand:

Ich fand es befremdend, als der Masseur das Badetuch von meinem Körper schob, aber ich wollte ihm keine Unprofessionalität unterstellen. Obwohl ich mich rasch nicht mehr wohl fühlte, redete ich mir zu, ich würde seine Berührungen falsch interpretieren und solle nicht übertreiben. Als ich sein Gesicht in meinem Schambereich spürte, war es zu spät. Ich fühlte mich wie hypnotisiert. Mein Körper war starr, Tausende von Gedanken rauschten durch meinen Kopf, ich bekam aber keinen davon zu fassen. Sonst habe ich eher eine grosse Klappe, sage, was ich denke. In diesem Moment brachte ich keinen Ton mehr raus. Es war, als ob mich eine Blase eingeschlossen hätte. (Nathalie*)

Was bleiben für Erinnerungen, wenn die Tat nur noch durch Nebel wahrgenommen wird? «Es gibt Opfer, die sagen, dass sie sich an nichts erinnern können. Das liegt daran, dass traumatische Erfahrungen an einem anderen Ort im Gedächtnis gespeichert werden, als nicht-traumatische Erlebnisse», sagt Rosmarie Barwinski, Leiterin des Schweizer Instituts für Psychotraumatologie.

Die Erinnerungen können reaktiviert werden: Ein Geruch wie ein Rasierwasser oder ein Geräusch reicht, um erneut in den traumatischen Zustand katapultiert zu werden. «Das Einfrieren ist eine Überlebensstrategie, die sich später verselbstständigt und einem das Leben schwermachen kann», sagt Barwinski.

Mit therapeutischer Hilfe lässt sich jedoch oft die Kontrolle über die Erinnerung und somit auch über die Flashbacks zurückgewinnen. Ist das Trauma nicht aufgearbeitet, kann es zu Verhaltensstörungen kommen. Schwer traumatisierte Vergewaltigungsopfer, die oft in den Erstarrungsmodus rutschen, beginnen, sich mitunter zu ritzen.

Dieses Verhalten trifft Maggie Schauer wiederholt an: «Die Patientinnen fügen sich selber Verletzungen zu, um so den Shutdown einzuleiten und aus der massiven Angst rauszukommen. Je mehr traumatische Erlebnisse, umso eher treten dissoziative Reaktionen ein.»

Auch Janine kämpft nach ihrer Vergewaltigung mit Erstarrungsmomenten: «Das passiert in unterschiedlichen Situationen: Wenn mich im Zug aus Versehen jemand berührt – oder beim Sex.» Die Strafverfahren von Katrin und Janine wurden eingestellt.

Dies, weil wie vom Gesetz verlangt, keine rohe Gewalt, Bedrohung oder psychischer Druck vorlag. Somit lag kein Strafbestand vor. Das Verfahren von Nathalie läuft noch.

*Name geändert

Betroffene von sexueller Gewalt finden Hilfe unter: opferhilfe-schweiz.ch