Gegen Trump und das Bistum Chur: Der frühere Abt Werlen will die Kirche näher zu den Menschen bringen – und gewinnt der Coronazeit Positives ab

Der frühere Abt Werlen plädiert in seinem Buch für Reformen einer Kirche, von der sich immer mehr Menschen abwenden. Er freut sich, wie moderne Technologien und soziale Medien in Coronazeiten neue Kirchenerfahrungen ermöglichten. «Das kirchliche Leben ist aufgeblüht», sagt er.

Kari Kälin
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Trauert keinem ausgefallenen Gottesdienst nach: Martin Werlen plädiert für eine Reform der Kirche.

Trauert keinem ausgefallenen Gottesdienst nach: Martin Werlen plädiert für eine Reform der Kirche.

Bild: zvg (Kloster Fahr, 3. September 2016)

Martin Werlen hat ein Flair für Inszenierung. Eine Buchpräsentation im geheizten Zimmer? Das lässt sich doch auch draussen bewerkstelligen – bei einstelligen Temperaturen und mit Sicherheitsabstand, dafür maskenfrei. «Raus aus dem Schneckenhaus», lautet schliesslich der Titel des aktuellen Werks des ehemaligen Abts des Klosters Einsiedeln.

Benediktinermönch Werlen, seit Mitte August Leiter der Propstei Sankt Gerold im Vorarlberg, plädiert in seinem Buch für Reformen einer Kirche, von der sich immer mehr Menschen abwenden. Dem Bestsellerautor schwebt eine Kirche vor, die nah beim Menschen ist, ihren alltäglichen Freuden und Sorgen, Ängsten und Hoffnungen: für eine Kirche, die sich auf die gemeinsame Gottessuche begibt, anstatt sich an festgefahrenen Traditionen und Formalitäten festzuklammern.

Martin Werlen. Raus aus dem Schneckenhaus! Nur wer draussen ist, kann drinnen sein. Herder 2020.

Martin Werlen. Raus aus dem Schneckenhaus! Nur wer draussen ist, kann drinnen sein. Herder 2020.

Bild: zvg

Auf dem Weg zum Aufbruch sieht Werlen aber einen grossen Stolperstein: die Pharisäer. Er meint damit nicht die historische Gruppe jüdischer Gelehrter, die in der Bibel oft vorkommt, sondern das Verhalten, das gemeinhin mit den Phari­säern assoziiert wird.

Dieses zeige sich «im Gesetzesdenken, im Starrsinn, im Festgefahrensein, in der Überheblichkeit, in der Verachtung, in der Selbstgerechtigkeit, in der Heuchelei, in der Herzensverhärtung, in der Scheinheiligkeit, in der Verlogenheit, in der Arroganz, im äusserlich frommen Getue, in der Verurteilung, in der Lieblosigkeit und in der Haltung: Alles ist klar». Ein solcher Pharisäismus sitze tief in der Kirche. Und peinliches Machtgehabe treibe viele Menschen aus der Kirche.

Mönche und Nonnen auf Twitter statt in der Kirche

Oder sie lassen deswegen ihre Kinder nicht taufen. Werlen berichtet von einer Frau, die diesen Entschluss fasste, weil eine Bistumsleitung in der Coronakrise einen Priester entliess. Werlen nennt die von ihm identifizierten Pharisäer nicht beim Namen. Es braucht jedoch wenig detektivische Fähigkeiten, um die Adressierten ausfindig zu machen.

Mehrmals ist es das Bistum Chur. Der entlassene Priester ist Martin Kopp. Der Generalvikar der Urschweiz wurde von Peter Bürcher, dem Apostolischen Administrator des Bistums Chur, aus seinem Amt entfernt. Der Grund: Kopp hatte sich öffentlich zur immer noch hängigen Bischofswahl geäussert. Er stand in offener Opposition zum emeritierten Bischof Vitus Huonder, einem äusserst konservativen Oberhirten.

Als «Lachnummer» bezeichnet Werlen den Nuntius in der Schweiz, weil dieser ihn auf Twitter blockierte. Gemeint ist Thomas Gullickson, dem bei der Churer Bischofswahl eine Schlüsselrolle zukommt. Einem katholischen Internetportal attestiert Werlen ein «unkatholisches Kirchenverständnis», weil es wegen der coronabedingten Zwangspause für Gottesdienste mit Kirchbesuchern, Taufen und Hochzeiten schrieb: «Ab Montag kommt das kirchliche Leben zum Erliegen.» Gemeint ist «kath.net», das Sprachrohr der konservativen Katholiken.

Auch US-Präsident Donald Trump bekommt sein Fett ab. Der «gewichtige Staatspräsident» habe gemeint, das Virus verschwinde so schnell, wie es gekommen sei – womit die Kirchen an Ostern gefüllt sein würden.

Werlen trauert den nicht stattgefundenen öffentlichen Gottesdiensten nicht nach. Keine Gottesdienste in Kirchgebäuden, das sei seit Jahrzehnten die Normalsituation für immer mehr Getaufte. Werlen freute sich, wie moderne Technologien und soziale Medien in Coronazeiten neue Kirchenerfahrungen ermöglichten. Das kirchliche Leben sei aufgeblüht. Als Beispiel erwähnt er Nonnen und Mönche, die via Twitter Tipps zum Alleinsein erteilten. Die Kirche habe eine grosse Kreativität entfaltet, um die Menschen zu erreichen.

«Viele Menschen durften dadurch erfahren: Gott ist nicht dort, wo wir sein möchten, sondern da, wo wir sind.»

Der Papst zitiert keine Frauen

Viel Raum nimmt in Werlens Buch die Rolle der Frau ein. Der gebürtige Walliser hadert mit deren Marginalisierung in der katholischen Kirche. Bei vielen Themen und Fragen seien Frauen wie selbstverständlich ausgeschlossen, als ob es eine Taufe für Männer und eine für Frauen gäbe.

Die Schwierigkeiten würden tiefersitzen, als manche glaubten, wenn die Weihe der Frau wieder mal vom Tisch gewischt werde. «Es geht hier um Nichtbeachtung, Nichternstnehmen, ja sogar um Verachtung. Und das alles ist Gegenzeugnis zum Evangelium.» Werlen setzt sich seit Jahren für mehr Rechte der Frauen in der Kirche ein.

In seiner neuen Enzyklika «Fratelli tutti» (alle Brüder) zitiert Papst Franziskus keine einzige Frau. Werlen glaubt, der Papst sei sich der Relevanz der Frauenfrage nicht bewusst und geprägt von einer tiefsitzenden Haltung in der Kirche. Der frühere Abt gibt die Hoffnung aber nicht auf. Veränderungen brauchten Zeit, und unter Franziskus habe sich innerhalb der Kirche viel bewegt.